Klatschen auf dem Balkon, Lobeshymnen in den Medien, aber am Ende des Tages wird das Pflegepersonal doch im Stich gelassen. Der Bericht von der Front – ein Gastbeitrag von Madleina Manetsch.
Eine Zeit lang wurden wir Helden genannt. Es hiess, jetzt müsse sofort gehandelt werden. Denn die ganze Welt stand Kopf. Und wir dachten: Vielleicht hören sie uns jetzt endlich. Ich sage bewusst «wir», weil ich mittendrin stecke – und dieses Geschehen seit 30 Jahren hautnah erlebe.
Unser Gesundheitswesen war schon lange vor Corona am Zusammenbrechen. Die letzten Jahre haben nur das längst Offensichtliche ans Licht gebracht.
Am 28. November 2021 sagte die Bevölkerung Ja zur Pflegeinitiative – mit 61 Prozent Zustimmung. Jetzt wird sie umgesetzt, in zwei Etappen. Aber das dauert.
In der Zwischenzeit verschärft sich die Krise: Pflegeheime schliessen, Spitäler reduzieren Abteilungen, betagte Menschen warten monatelang auf einen Platz – und das Personal fehlt überall.
Lernende, die teilweise schon nach kurzer Zeit überfordert sind. Kolleginnen und Kollegen, die ausfallen und nicht ersetzt werden. Burnout, Schmerzen, Tränen – das ist oft der Alltag.
Und unter diesem Druck passieren Fehler. In Akutspitälern ebenso wie in geriatrischen Institutionen. Wichtige Aufgaben werden vergessen – für die einen belastend, für die anderen gefährlich. Angehörige reklamieren, es entsteht eine angespannte Atmosphäre. Denn nicht jede und jeder kann gleich gut mit Kritik umgehen.
Für alle Beteiligten ist es schwer: Patientinnen und Patienten, die warten und leiden. Angehörige, die sich hilflos fühlen. Mitarbeitende am Limit. Ein Beruf, der eigentlich Sinn stiftet, wird immer unattraktiver: rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, unregelmässige Arbeitszeiten, hohe Belastung – und eine ungenügende Bezahlung.
Trotzdem fliesst das Geld – aber oft nicht dort, wo es wirklich gebraucht wird. Dasselbe Bild im Sozialbereich: Kinderkrippen, Horte, Schulen – Notstand pur.
Und doch ist es berührend zu sehen, wie viele Fachpersonen ihre Arbeit trotz allem als echte Berufung leben. Mit ganzem Herzen, mit Geduld, mit Empathie – Tag für Tag, auch wenn die Kräfte längst erschöpft scheinen. Diese Haltung schenkt Hoffnung und zeigt: Menschlichkeit bleibt das Fundament dieses Berufes.
Es wird darüber diskutiert, Roboter im Pflegeeinsatz einzusetzen. Erste Versuche gab es schon. Ob sie in der Pflege tatsächlich eingesetzt werden, weiss ich nicht. Ich hoffe es nicht. Für mich unvorstellbar und ehrlich gesagt stimmt mich das traurig.
Die Spitex ist für viele Menschen der einzige soziale Kontakt. Wenn dieser teils durch Maschinen ersetzt würde, verliert der Mensch einen wichtigen Teil seiner Menschlichkeit. Kaum vorstellbar, wie es sich anfühlen muss, wenn Wärme, Nähe und Aufmerksamkeit durch kaltes Metall ersetzt werden.
Und sind Pflegefachkräfte Helden? Nein – es sind Menschen aus Fleisch und Blut, die Tag für Tag am Limit arbeiten.
Was muss noch passieren, bis endlich wirklich gehandelt wird? Das System verändern? Wünschenswert! Im Moment regiert immer noch das Wegschauen.
