Der gierige Schlund der Masslosigkeit

Ob Klima, Queerness, woke Anliegen oder neuerdings die SRG: Wir werden unablässig Opfer einer Religion der puren Masslosigkeit. Zwischen Heilsversprechen und ewiger Verdammnis existiert nichts mehr.

Ich wusste nicht, dass die Schweiz aus diesem Kasten in meinem Wohnzimmer besteht. Und aus dem Kästchen in der Armatur meines Autos.

Ich hatte ja keine Ahnung. Aber nun weiss ich es.

Die Schweiz ist kein Land, keine Willensnation, sie ist keine Gemeinschaft von Bürgern oder wenigstens eine Idee. Sie besteht aus Frequenzen, aus Glasfasern, aus Satelliten. Die Schweiz gründet auf Radio- und TV-Kanälen. Fallen sie weg, zerfällt das Land. Müssen sie ihr Programm mit weniger Geld bestreiten, ebenfalls. Nur der Status quo rettet uns. Und der wurde sicherheitshalber in den letzten Jahrzehnten kräftig aufgepumpt.

17 Radio- und 7 TV-Sender – Irrtum vorbehalten, es geht alles so schnell – entscheiden über Sein oder Nichtsein. Bewegte Bilder oder Audioinhalte sind das Fundament einer ganzen Gesellschaft.

Das wird uns seit Wochen verkündet: Wer der SRG Mittel entziehen will, zerstört die Schweiz. Was bedeutet, dass die Leute, die das tun wollen, Zerstörer der Schweiz sind. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Und das ist doch einiges.

So absurd das alles klingt, so konsequent ist es. Denn die SRG ist nur Teil einer ganzen Perlenkette an Untergangsprophezeihungen.

Schliesslich werden unsere Kinder nicht alt werden, wenn wir nicht umgehend die Erderwärmung eindämmen. Und zwar um einen exakt berechneten Prozentwert. Uns droht auch das Ende der Zeit, wenn Unternehmen nicht mehr länger LGBTQ-Festivals finanzieren. Die Demokratie wird an die Wand gefahren, wenn wir die freie Rede auf X zulassen. Und ebenfalls Schlimmes droht uns, wenn über einem weissen Gesicht eine einst der schwarzen Kultur zugeschriebene Frisur sitzt.

Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, das alles sei wirklich so. Aber die Vernunft ist gerade nicht besonders gefragt.

Die Masslosigkeit hat das Wort.

Nicht die Masslosigkeit der Völlerei, die Masslosigkeit der Wolllust, die Masslosigkeit irgendeiner anderen Todsünde, die irgendwie durchaus noch verlockend klingen würde. Es ist die Masslosigkeit der Lust am Ende.

Weniger als die Apokalypse darf es heute nicht mehr sein. Mal betrifft sie eine bestimmte Minderheit, mal die Schweiz, mal den ganzen Globus.

Eigentlich ist nur noch die Frage, was wann passiert. Verglüht der Erdball, bevor die Rechten die Demokratie zerstören – oder läuft es umgekehrt? Werden Queere von Männern in schweren Stiefeln durch die Strassen gejagt, bevor jemand an einem Mohrenkopf erstickt, weil dieser immer noch so heisst – oder läuft es umgekehrt?

Nicht einmal die Absender dieser Botschaften wissen das so genau. Was sie aber wissen: Dass wir alle umgehend das Leben, wie wir es kennen, einstellen müssen. Damit das nicht geschieht, vor dem sie sich fürchten. Und vor dem wir uns gefälligst alle zu fürchten haben.

Man kann die Übersicht über all die drohenden Apokalypsen leicht verlieren. Aber vielleicht geschieht ja auch alles gleichzeitig. Das wäre dann gewissermassen das Jüngste Gericht, das Einzug hält. Und vor diesem werden nur diejenigen göttliche Gnade empfangen, die schon immer vor all dem gewarnt haben. Und vor vielem anderem.

Erinnert sich jemand, wie uns viele Jahre lang erklärt wurde, es seien die bösen Populisten, die mit der Kraft der Angst Politik machen und Wählerstimmen einfangen? Angst als Instrument der Propaganda, Angst zur Durchsetzung einer politischen Agenda, Angst als Mittel der Züchtigung.

Ganz schön ironisch, dass das, was man immer den Populisten zugeschrieben hat, heute die Waffe der Wahl der Leute ist, die uns vor den besagten Populisten warnen. Dass heute nicht mehr machtgierige Oppositionelle versuchen, Regierungen mit Angstkampagnen aus dem Amt zu drängen, sondern Regierungen mit Angstkampagnen versuchen, an der Macht zu bleiben.

Aber besonders ironisch ist das hier:

Dass man als grösste Gefahr für Staat, Gesellschaft und Demokratie gilt, wenn man dazu aufruft, keine Angst zu haben und einfach zu leben.

Sie hassen nichts mehr als das. Als Menschen, die einfach leben.