Wer sich den Blick auf die Realität mit Fluchtreisen und einem grossen Vorgarten erkauft, kann es sich leisten, einer von den «Guten» zu sein. Grönemeyer und Co. zeigen, wie es geht.
«Beschaulich liegt Zehlendorf im Südwesten Berlins. Hier wohnen Menschen mit Sinn für Kultur und Natur, die oft so einiges an Kapital vorweisen können. Stadtvillen stehen hier neben modernen Dachgeschosswohnungen. Der Stadtteil hat einen überschaubaren Stadtkern, Shoppingcenter findet man erst wieder in Steglitz. Dennoch ist in Zehlendorf so einiges los. Wir wissen wo und was.»
So beschreibt ein Online-Stadtführer das Berliner Viertel Zehlendorf. Einer der Bewohner weist ohne Frage «einiges an Kapital» auf: Der Musiker Herbert Grönemeyer. Seit ein paar Jahren residiert er hier dem Vernehmen nach in einer Villa mit 14 Zimmern.
Eine meiner wenigen guten Charaktereigenschaften ist der fehlende Neid. Ich habe keine Probleme damit, wenn es anderen Leuten gut geht; mir ginge es ja nicht besser, würde es ihnen schlechter gehen. Ich gönne Grönemeyer die Wohnlage, die Villa, die vielen Zimmer.
Ich gönne ihm auch, dass er es sich leisten konnte, Ende der 90er-Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau und seines Bruders die Flucht anzutreten. Als alles zu viel wurde, packte er seine Kinder, verschwand für rund zehn Jahre in London und tauchte in der Anonymität ab.
Das würden wir uns alle hin und wieder wünschen: auf und davon. Die meisten von uns müssten aber nach dem Tapetenwechsel zunächst mal irgendwo als Tellerwäscher anheuern, um in der Fremde zu überleben, weil nicht einfach Tantiemen aufs Konto fliessen.
Zurück nach Zehlendorf in Berlin. Dass der Stadtkern «überschaubar» ist und ein Shoppingcenter ganz fehlt, dürfte vielen der Anwohner egal sein. Sie kaufen nicht ein, sie lassen einkaufen, und in den Stadtkern zieht es sie weniger. Sie pendeln in der Regel zwischen der sicheren Behausung und dem Flughafen.
Sollten sie sich doch mal ins Zentrum ihres Wohnviertels verirren, erleben sie ein Berlin der anderen Art: kein Littering, kein Vandalismus, kein Handtaschenraub am helllichten Tag. Und eine ziemlich andere Demografie. Das eine mag mit dem andern zusammenhängen.
Kurz und gut: Herbert Grönemeyer kennt die Lebensrealität von Leuten, die 14 Quadratmeter statt 14 Zimmer bewohnen, nicht. Was ihn nicht davon abhält, sich zu deren Sprecher zu machen. Dafür hat er eine grosse Bühne, wortwörtlich. Die Leute bezahlen viel Geld, um ihn dort zu sehen und ihm zuzuhören. Den meisten dürfte es um die Musik gehen, sie erhalten aber ungefragt einen Bonus.
Von der Bühne aus predigt Herbert Grönemeyer Dinge wie «keinen Millimeter nach rechts» und «stabil gegen rechts» in vielen munteren Variationen. Er geisselt «Rassismus» und fordert auf, «politisch demokratisch» zu bleiben, eine ziemlich eigentümliche Wortkonstruktion, aber wir verstehen, was er sagen will. Er schätzt die Demokratie und möchte sie erhalten. Tun wir ja mehr oder weniger alle.
Mit «Rassismus» meint er übrigens nicht Rassismus. Das wird klar, weil er immer gleich einen Bogen schlägt zu politischen Parteien und Personen. Was er meint, ist Kritik an der Migrationspolitik. Mit «Demokratie» meint er auch nicht wirklich die Demokratie, sondern «unsere Demokratie», ausgerufen von denen, die gerade an der Macht sind und gern dort bleiben würden.
Feldforschung zu all diesen Themen betreiben kann der Sänger von seinem Anwesen in Zehlendorf aus schlecht. Der Ausländeranteil in diesem Stadtviertel liegt weit unter dem Berliner Durchschnitt, und auch wenn mir seine exakte Wohnadresse nicht bekannt ist, darf man davon ausgehen, dass er beim Gang zum Briefkasten nicht mit Clan-Kriminalität konfrontiert wird.
Wäre das eines Tages doch der Fall, könnte er einfach umziehen. Oder wieder nach London flüchten. Es ist alles sehr praktisch.
Herbert Grönemeyer steht natürlich nur stellvertretend für eine ganze Gattung Mensch. Für die Leute, die sich aus der Realität des ganz normalen Bürgers herauskaufen können. Die uns sagen, was uns stören darf und was nicht, während sie gar nie Gefahr laufen, jemals davon gestört zu werden. Die eine bestimmte Politik fordern, von der sie dann im Zweifelsfall gar nicht betroffen sind, weil sie ihre Umgebung jederzeit tauschen können.
Diesen Leuten bleibt bei ihren grossen Auftritten leider nie genug Energie und Atem, um sich zum Anwalt von real existierenden Opfern zu machen. Denen, die Angehörige durch Gewaltdelikte verloren haben, wie sie in Deutschland seit 2015 Alltag sind.
«Keinen Millimeter nach rechts» zu rufen kostet nicht mehr und nicht weniger Kraft als «Keinen Millimeter für Messerstecher» oder «stabil gegen Zugsschubser». Und dennoch ist es immer das eine und niemals das andere. Grönemeyer und Co. warten eben nicht am Gleis auf die S-Bahn, geschweige denn, dass sie sich reinsetzen würden.
Man muss es sich leisten können, den guten Menschen zu spielen.
