Liebe Jacqueline Fehr, Sie leiden unter Wahrnehmungsstörungen. Aber die gute Nachricht ist: Sie sind nicht allein. Sie teilen das Schicksal mit Ihrer ganzen Partei.
Ich glaube nicht an das Schicksal oder eine übergeordnete Macht, aber ich bin aus aktuellem Anlass gerade nah dran. Kann das denn alles Zufall sein?
Vergangene Woche war ich gezwungen, im Zug nach Zürich zu fahren, und wem bin ich begegnet auf dem Weg aus dem Abteil Richtung Ausgang? Der Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr. Leider konnte ich sie nicht ansprechen auf ihren jüngsten Erguss, weil sie diesen zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgesondert hatte.
Es wäre sicherlich ein heiteres Gespräch geworden.
- Wir sassen beide in der 1. Klasse, aber vermutlich aus unterschiedlichen Gründen.
- Ich nur, weil ich bei längeren Bahnfahrten angewiesen bin auf einen komfortablen, möglichst ruhigen Sitzplatz mit Tisch für den Laptop. Ich muss ja schliesslich arbeiten, und zwar privat finanziert.
- Frau Fehr sass wohl eher dort, weil die Zürcher Steuerzahler sowieso für dieses Upgrade bezahlen. Ihr tun die Mehrausgaben nicht weh.
Einen Tag später stiess ich auf Facebook auf ihre flammende Rede zugunsten ihrer Partei. Jacqueline Fehr erklärte uns darin anhand des Falls rund um Daniel Jositsch, wie unglaublich demokratisch und tolerant ihre Partei sei.
Zur allgemeinen Belustigung hier ihre einige ihrer Kernpunkte. Bitte tief Luft holen und dran denken: Das sind nur Zitate der guten Dame. Ich bin nicht schuld. Frau Fehr im O-Ton:
«Alle, die schon mal an einer grösseren SP-Versammlung waren oder die Partei von innen kennen, wissen: Keine Partei ist so streitbar wie die SP. In keiner Partei wird über die unterschiedlichen Positionen so intensiv debattiert wie in der SP. (…) Und in keiner anderen Partei werden die Konflikte so offen, transparent und wiederum demokratisch bereinigt wie in der SP. Dieser Partei den Vorwurf zu machen, sie werde „von oben“ geführt, ist bizarr oder bösartig. Ihr vorzuwerfen, sie lasse andere Meinungen nicht zu, ist tatsachenwidrig.»
Soweit die Ausführungen von Jacqueline Fehr. Ich werfe ungern amtierenden Regierungsmitgliedern Wahrnehmungsstörungen vor, aber ich frage mich schon, welcher SP die gute Frau Fehr einst beigetreten ist. Sie ist nur neun Jahre älter als ich, was bedeutet, dass sie keine wesentlich andere sozialdemokratische Partei kennen kann als ich. Und meine Erfahrungen sehen leicht anders aus.
In einer aus der Retrospektive durchaus bedauerlichen Verwirrung trat ich Mitte der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts der SP bei. Natürlich schäme ich mich dafür, aber entscheidend ist: Was ich dort erlebte, war das pure Gegenteil dessen, was Jacqueline Fehr im Brustton der Überzeugung schildert.
Es begann damit, dass ich als junger Mann bei einer internen Sitzung meine Ambitionen bekanntgab, die sozialdemokratischen Werte dereinst in einem Parlament zu vertreten. Sprich: Ich hätte gern auf einer Liste bei Wahlen kandidiert. Die Reaktion darauf war so schnell wie deutlich: Ich solle mich als Mann gefälligst zurückhalten, bis jedes weibliche SP-Mitglied ein Amt errungen habe. Man machte mir sehr deutlich, dass ein Schnäbi ein Ausschlusskriterium war. Und leider habe ich ein solches.
- Gleichberechtigung bei der SP hiess: bitte keine Männer.
- Nur schon die Idee galt als Sakrileg.
- Streitbar? Basisdemokratisch? Vielleicht.
- Wenn man nicht das Pech hat, mit einem X- und einem Y-Chromosom zur Welt gekommen zu sein.
Später folgte eine denkwürdige Debatte über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Nach einer zweistündigen Diskussion über die nötige Umbenennung des Begriffs «Hausfrau» zu «Familienmanagerin» wagte ich den Einwand, dass ein solcher semantischer Eingriff nicht zu einer Aufwertung dieser Rolle führen würde. Kein bürgerlicher Mann würde einer «Familienmanagerin» eine wesentlichere Bedeutung zubilligen als einer «Hausfrau». Dafür brauchte es handfeste Massnahmen.
Ich bekam daraufhin eine solche Abreibung der Frauen am Tisch, dass ich mich heute noch frage, wie ich danach der Versuchung widerstehen konnte, homosexuell zu werden, um für den Rest meiner Tage Frauen aus dem Weg gehen zu können. Rationale Argumente spielten keine Rolle, es ging nur um die reine Lehre.
Aber keine Sorge, Jahre danach habe ich eine bürgerliche Frau kennengelernt und bin glücklich. Konservative Frauen sind übrigens meist auch schöner als linke, nur so als praktischer Nebeneffekt.
Später war ich für die «Ostschweizer AZ» tätig, das publizistische Organ der SP. Da erhielt ich dann die volle Breitseite,
- Als ich es in der Rolle des Journalisten wagte, in einem Artikel auch die Gegenargumente der bürgerlichen Seite aufzuführen, einfach der Vollständigkeit halber und wohl auch aus einem journalistischen Gewissen heraus, wurde ich vor die Parteispitze zitiert und abgekanzelt, dass mir rein aus der Erinnerung heute noch die Ohren schlackern.
- In der «AZ» durfte schlicht keine Stimme des politischen Gegners erscheinen, nicht einmal in der Absicht, diese Stimme inhaltlich zu widerlegen.
- Man wollte sich offensichtlich nicht mit Gegenpositionen herumschlagen, sondern ausschliesslich der eigenen Blase die «reine Lehre» vorbeten.
Ich habe zugegebenermassen seither eine politische Transformation durchlebt. Aber mit derselben Ehrlichkeit kann ich festhalten, dass ich danach nie mehr ein Umfeld erlebt habe, das dermassen intolerant und absolutistisch mit anderen Meinungen umgegangen ist wie die SP. Man wird dort mit einem einzigen Halbsatz zur Unperson, die auf ewig mit Hass verfolgt wird.
Wenn Jacqueline Fehr ernsthaft behauptet, innerhalb der SP werde basisdemokratisch und völlig offen über Standpunkte gestritten, kann das Verschiedenes bedeuten.
- Vielleicht hat sich die SP seit meinen Erfahrungen fundamental verändert.
- Was ich mir angesichts der die ideologisch überaus gefestigten Juso, welche die Partei längst übernommen hat, schlecht vorstellen kann.
- Oder aber die Partei funktioniert seit jeher im Sinn von Jacqueline Fehr, was bei ihr zum Missverständnis führen könnte, dass alles zum Besten ist, weil sie nie auf Widerstand gestossen ist.
- Ich tippe mal auf Option 2. Was bedeutet, dass man als braver Parteisoldat den Eindruck hat, die SP sei tolerant, während man als Selbstdenker andere Erfahrungen macht.
Dass innerhalb der SP Konflikte «offen und transparent» ausgetragen werden, wie Jacqueline Fehr behauptet, ist eine blanke Lüge. Es gibt aus meinen Erfahrungen keine Partei, die so ultimativ andere Standpunkte ausschliesst wie die SP.
- Bei der SVP konnte man beispielsweise entgegen der Parteiparole straffrei und ohne internen Pranger für die 13. AHV-Rente einstehen.
- Wer bei der SP für die Halbierungs-Initiative einstand, wurde für Lebzeiten verbannt, und wer aktuell die Nachhaltigkeits-Initiative unterstützt, muss um sein Leben rennen.
- Ganz ernsthaft: Es gibt keine intoleranteren Leute als Linke.
Natürlich kann ich im Jahr 2026 als inzwischen bekehrter Libertärer und damit als Todfeind der SP keine Rechenschaft darüber ablegen, wie die Sozialdemokraten im Jahr 2026 funktionieren. Aber seine DNA legt man nicht innerhalb weniger Jahre ab. Jacqueline Fehr ist nicht Mitglied einer anderen SP, als ich es war.
Die SP war, so wie ich sie in meiner Zeit erfahren habe, stets ein intoleranter Haufen, unfähig dazu, andere Meinungen nur schon für die interne Meinungsbildung entgegenzunehmen. Was der reinen Lehre widerspricht, wird mit Verachtung bestraft. Entsprechend findet keinerlei Entwicklung innerhalb der Partei statt. Sie ist ein Mikrokosmos, der alles wegfrisst, das von der vorgegebenen Linie wegschwimmt.
- Wenn Jacqueline Fehr behauptet, innerhalb der SP würden andere Meinungen zugelassen, kann das nur der Tatsache geschuldet sein, dass sie stets die Parteimeinung mitgetragen und gar nicht mitbekommen hat, wie andere in einem frühen Stadium regelrecht zermalmt werden.
- Inzwischen ist diese Praxis wahrscheinlich sogar so weit fortgeschritten, dass es gar niemand mehr versucht.
- Es ist Konditionierung in Reinkultur: Wer in die SP eintritt und die eine oder andere Parteiversammlung miterlebt, weiss genau, dass er brav auf Linie bleiben muss, wenn er jemals etwas werden will,
Mit Ausnahme von Leuten wie Daniel Jositsch natürlich. Und was mit ihm geschah, ist das beste Beispiel für den Umgang der SP mit Andersdenkenden.

