Boulevardmedien schreiben Leuten gerne schlechte Eigenschaften zu, weil diese Leute damit spannend werden. Mieser Charakterzug, Vorstrafenregister, betrunkener Ausrutscher: Alles Gold wert. Neu in diese Kategorie gehört «ungeimpft». Getroffen hat es den obersten Gastronomen der Schweiz. Peinlich! Aber eher für die bewusste Zeitung.

«Gastro-Platzer ist nicht geimpft!», titelte der «Blick am 8. September und folgerte: «Nun macht alles einen Sinn.» Die Zeitung suggerierte damit, der Präsident des Branchenverbands Gastrosuisse lege sich so sehr gegen eine Zertifikatspflicht ins Zeug, weil er selber keinen solchen «Schein» hat. Das ist natürlich Unsinn gröberen Ausmasses. Platzer kann täglich im Restaurant essen, immerhin hat er eines, und auch sonst dürfte er keine Schwierigkeiten haben, irgendwo verköstigt zu werden bei seinen 20’000 Mitgliedsbetrieben, auch ohne Zertifikat. Ihm zu unterstellen, er würde im Namen eines Verbandes eine tiefgreifende neue Verpflichtung bekämpfen, nur weil er selber gerne ausgeht, ist irgendetwas zwischen böswillig und völlig verrückt.

Einen Tag später legte der «Blick» nach. «Gastro-Boss poltert sich ins Abseits», heisst es diesmal im Titel, und die Überschrift besagt: «Ungeimpft und nur am Motzen.»

Bleiben wir kurz beim «motzen». Der Bundesrat stellt seine Ideen vor (die inzwischen realisiert sind), und der Verband der direktbetroffenen Branche ist ein «Motzer», weil er sich dagegen stellt? Was ist das für ein Demokratieverständnis? Motzt man im Sinn von sinnlos herummäkeln, wenn man nicht einfach Ja und Amen sagt zu dem, was von oben kommt? Oder ist es allenfalls die Aufgabe eines Verbandspräsidenten, Gegensteuer zu geben, wenn seine Mitglieder unter die Räder kommen? Zumal es ja nicht (nur) die private Meinung von Casimir Platzer ist, die er da zum Besten gibt, er spricht im Namen des Vorstands und der Kantonalverbände.