Eine Kurzgeschichte von Stefan Millius

Ich fragte mich, wie er essen konnte. Jetzt. In diesem Moment. In dieser Situation. Dann fiel mir ein, dass sein Jetzt nicht mein Jetzt war. Seine Situation war eine andere als meine. Für mich war es ein bisschen wie Sterben. Für ihn war es ein bisschen wie Alltag.

Er spülte den letzten Bissen mit einem Schluck Ginger Ale runter. Ich hatte bisher nichts angeboten bekommen. „Kann eine Weile gehen, bis wir ihn finden. Wenn wir ihn finden.“ Mit einem dicken, kurzen Finger deutete er auf die Karte vor sich auf dem Tisch. „Der Wolf River ist genau so, wie er heisst. Du hörst ihn nicht kommen. Er ist plötzlich da. Ihr Freund ist nicht der erste. Wird nicht der letzte sein.“

Ich wusste nicht, ob der Mann eine Antwort wollte. Es war ja keine Frage gewesen. Aber die Bemerkung blieb im Raum stehen. Und ich wollte die Stille brechen.

„Könnte sein, dass er nicht tot ist. Dass er einfach verschwinden wollte.“

Der Polizist starrte mich schweigend über die Tischplatte hinweg an. Sein bislang teilnahmsloser Blick wurde mit einem Mal sanfter. Es war eine Art milder Tadel in seinen Augen, so wie man es bei einem Kind macht, das Unsinn spricht, dem man es aber nicht richtig übelnehmen kann.

„Alles könnte. Immer.“ Er begann, die Karte wieder zusammenzufalten und verhedderte sich heillos, bis er sie schliesslich einfach aufs Geratewohl auf handliche Grösse zusammenpresste. „Wir müssen die Sache noch einmal durchgehen, fürchte ich. Fürs Protokoll. Wir können darüber sprechen. Oder Sie schreiben es gleich auf. Wir machen die Dinge exakt hier unten. Auch wenn Ihr da oben das nicht glaubt.“

Ich sah zu Boden und schüttelte langsam den Kopf. Aber ich hatte keine Kraft für solche Dinge. Es war nicht die Zeit dafür. Stehenlassen wollte ich es dennoch nicht.

„Jeff hat diese Gegend geliebt. Er wollte hier sein.“

Der andere nickte. Das Sanfte war wieder aus seinem Blick verschwunden. An seine Stelle war ein spöttischer Zug getreten.

„Scheint ihm gelungen zu sein, ihrem Freund. Er ist bei uns geblieben. So richtig.“ Er schob mir einige Blätter und einen Kugelschreiber zu.

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Roadie zu sein ist so was Ähnliches wie Schulhausabwart. Du hast alle technischen Apparaturen im Griff, du schleppst Zeugs herum, schaust, dass alles seine Ordnung hat, alles am richtigen Platz ist, und wenn alles vorbei ist, räumst du wieder auf, und einen Tag später beginnt alles wieder von vorne. Es hört nie auf.

Nur, dass man den Abwart hasst und den Roadie respektiert. Das stelle ich mir jedenfalls gerne so vor. Kommt natürlich drauf an, mit wem du arbeitest. Es gibt die Musiker, die dich spüren lassen, dass du ihnen zwar dabei hilfst, ihre Kunst zu zelebrieren, aber mit dieser Kunst eigentlich verdammt wenig zu tun hast. Und dass es auch irgendein anderer erledigen könnte. Andere wiederum glauben fest daran, dass auch das, was wir tun, irgendwie Kunst ist. Sozusagen: An der Gitarre schrummen ist nicht mehr und nicht weniger Kunst, als die Kabelrolle richtig zu verstauen, an der die Gitarre später hängt. Keine Angst, ich selbst glaube diesen Unsinn nicht. Ich meine, wir sprechen davon, einige Dutzend Meter Kabel richtig auf eine Rolle zu drehen. Das könnte sogar mein behinderter Cousin, und der ist wirklich scheissbehindert, aber er hat halbwegs die Kontrolle über seine Arme, also würde er das mit der Kabelrolle schaffen, keine Frage. Und natürlich tue ich mehr als Kabel aufrollen, aber wenn ich alle meine Aufgaben schön aufliste, auf ein Blatt, das so weiss und leer ist wie dasjenige, das Sie mir gegeben haben, Officer, um das hier aufzuschreiben, dann wäre mein behinderter Cousin imstande, eine hübsche Anzahl dieser Aufgaben zu erledigen, und für den Rest könnte er seinen Bruder holen, der nicht behindert ist, sondern einfach ganz normal bescheuert.

Was ich sagen will: Meine Arbeit ist keine Kunst. Und der Künstler darf mir auch zeigen, dass ich nur der Roadie bin. Solange er mich als Mensch respektiert. Jeff hat das getan. Mich respektiert. Und ich glaube, er wäre gar nie auf die Idee gekommen, Leute zu sezieren in Künstler und Mensch oder Roadie und Mensch. Ich bin Keith, basta. Und ich sorge dafür, dass er Abend für Abend in irgendeiner Bar oder einer Konzerthalle oder irgendwo im Freien auftreten kann, und er schätzt das. Ich gehe davon aus, Officer, dass er das weiterhin schätzt, weil er für mich bis zum Beweis des Gegenteils lebt. Ich hoffe, das ist okay für Sie.

Wir müssten uns diese Frage übrigens gar nicht stellen, wenn jeder seinen Job so ernst nehmen würde wie ich. Wir hätten uns gar nicht kennengelernt, ich, der Roadie und Sie, der Polizist. Ich meine, ich gebe volle Leistung, immer, selbst wenn ich nur irgendein Kabel aufrolle. Aber wer war für die Hausmiete zuständig hier unten in Memphis? Ich bin in den paar Tagen, seit wir hier sind, an verdammt vielen Häusern vorbeispaziert, die nach neuen Mietern schreien. Diese Stadt scheint nicht besonders hoch im Kurs zu sein. Jeff wollte hier seine neue Platte aufnehmen, und es ist chancenlos, mit einem Musiker darüber zu diskutieren, wo er sein Kind zur Welt bringen will. Aber mir scheint, dass alle anderen die Gegenrichtung eingeschlagen haben. Wir kommen nach Memphis, und Memphis flieht aus Memphis. So viele Häuser frei zur Miete. Und unser Manager bringt uns ausgerechnet irgendwo unter, wo nicht einmal genug Stühle für die ganze Crew rumstehen.

Wir haben auf den Rest der Jungs gewartet an dem Abend, Jeff und ich. Und Gene, der Manager, war auch da, weil er dann wenigstens im letzten Moment irgendwo eine Ladung Matratzen bestellt hatte und die demnächst angeliefert werden sollten. Auch Künstler wollen schlafen. Warum ich hier von Matratzen schreibe? Ganz einfach. Wenn uns der wundervolle Gene in einem Haus untergebracht hätte, in dem bereits Matratzen gelegen wären, einfach so eben, wie es in den meisten Häusern der Fall ist, dann hätte er an diesem Abend nicht auf die Matratzenlieferung gewartet. Dann wäre er vielleicht mit Jeff und mir zusammen losgezogen, statt vor dem Hauseingang zu stehen und uns leicht beleidigt einen schönen Abend zu wünschen und sich dann auf die Treppe vor der Tür zu setzen und noch ein bisschen weiterzuwarten. Wir hatten ja nicht vor, Party zu machen, Jeff und ich, Jeff wollte ganz seriös noch kurz im Aufnahmestudio vorbeischauen, überprüfen, ob alles an seinem Platz ist, weil es am nächsten Tag mit der neuen Platte losgehen sollte. Und wir hatten die Instrumente dabei, Jeff meinte, wenn wir die am Abend noch verstauen im Studio, spart uns das am nächsten Tag Zeit.

Das nur, damit Sie das Setting komplett haben, Officer. Unser Manager Gene wartet vor dem Haus auf Matratzen, der Schlagzeuger und der Gitarrist und der Bassist stecken irgendwo über den Wolken Richtung Memphis, Tennessee, und Jeff und ich gehen los und suchen dieses Aufnahmestudio, ganz einfach, weil Jeff ein so verdammter Perfektionist war, und wer erwartet das schon von einem 30- Jährigen, der aus einer Musikerfamilie stammt und dessen Vater sich mit Heroin die Birne weggeknallt hat? Aber was erzähle ich das einem aus den Südstaaten, Sie haben sich ja schon längst Ihr Bild gemacht von uns.

Wissen Sie, wir hätten in New York bleiben können. Bleiben sollen, genau genommen. Wenn du Musiker bist und einer der Grossen eine Platte mit dir macht und du das Ding aufnehmen kannst, wo immer du willst, wenn es nicht gerade auf Kuba ist, dann gibt es keinen Grund, es nicht in New York zu tun. Ausser natürlich dem einen Grund, den Jeff hatte. „Ich habs versaut, Jungs“, hat er uns gesagt an jenem Abend vor ein paar Monaten, als die zweite Session in New York durch war und er in das Material reingehört hat und sein Gesicht immer länger wurde, und einer von den anderen hat irgendwas gemurmelt, es sei doch eigentlich „ganz ordentlich“ geworden, und damit wars dann erledigt, denn Jeff wollte vieles, aber mit Sicherheit wollte er nicht etwas „ganz ordentliches“ abliefern. Die von der Plattenfirma haben Druck gemacht, „third is a charme“ hat einer von denen gesagt, es sollte lustig klingen, aber es war bitterer Ernst, mit anderen Worten: Fick uns nicht und liefere bei der dritten Runde was Anständiges ab, sonst fliegst du.

Und aus irgendeinem Grund glaubte Jeff, dass er für seinen dritten Versuch nach Memphis gehen muss und ist im Februar hierher gezogen, und das, Officer, ist der Grund dafür, dass ich mir keine Sprüche über uns vom Westen anhören muss, denn ja, Jeff kam aus dem Westen und hat im Osten gelebt, aber er hat sich für Euch hier im Süden entschieden, als sie ihm das Messer an den Hals gesetzt haben, und das ist verdammt was wert. Er hat eine einzige Platte gemacht bisher, das hier wäre die zweite geworden, und sie hätte entschieden über Sein oder Nichtsein, denn wieviele phänomenale erste Platten gibt es, auf die nie was Vergleichbares gefolgt ist? Es ist so verdammt einfach, mit dem ersten Schlag jemanden zu überraschen. Aber wenn du zum zweiten Mal zuschlagen willst, ist der andere gewarnt und er steht gebückt da und hat die Arme auf Kopfhöhe und hat volle Spannung und weiss, dass du kommst. Genau so ist es mit der zweiten Platte. Du kannst keinen mehr überraschen. Du musst die Leute ohne Diskussion wegfegen, sonst werden sie sagen: „Hey, die erste Platte war sehr gut, die zweite ganz ordentlich.“

Jeff wollte nicht ganz ordentlich sein. Deshalb wollte er hier bei Euch diese Platte aufnehmen, und deshalb wollte er noch an diesem Abend im Aufnahmestudio vorbeischauen, einfach, um nichts dem Zufall zu überlassen. Aber weil Gene auf die verdammten Matratzen warten musste, waren Jeff und ich alleine unterwegs zum Aufnahmestudio, und wissen Sie was?

Ich hoffe, Sie mögen Ironie.

Wir haben es nicht gefunden, das Studio. So einfach ist das.

Gut, ich schätze, ich muss das auf meine Kappe nehmen. Jeff und ich waren am Vortag im Studio gewesen, verstehen Sie, wir waren schon mal dort gewesen, aber einem Musiker verzeiht man es natürlich, wenn er was nicht wiederfindet, der darf ja orientierungslos und verwirrt sein, alles andere wäre ja seltsam, aber ich bin der Roadie, ich muss funktionieren und strukturiert und logisch denken, ich hätte den Weg zum Aufnahmestudio finden müssen, keine Frage. Aber dieses verdammte Memphis ist weder strukturiert noch logisch, es ist ein Schlund. Du fährst dutzendfach dieselbe Strasse lang und biegst ganz bewusst jedes Mal völlig woanders ab und endest doch wieder in derselben Strasse. Wir habens nicht gefunden, das Studio. Aber wissen Sie was, Officer? Jetzt, hier, in diesem Moment, könnte ich vermutlich mit verbundenen Augen hinfahren. Ich habs vor mir, dieses Backsteinhaus, zwei Stöcke, ich weiss exakt, wie man dorthin kommt von unserem matratzenlosen Haus aus. Aber gestern, da war ich völlig chancenlos, ich bin mir vorgekommen wie in einem Bild von diesem verrückten Zeichner, wie heisst er, Escher? Du hast das Gefühl, es stimmt alles, dann schaust du näher hin, und es stimmt eben nicht, die Perspektive täuscht, und in etwa so waren wir mitten in Memphis unterwegs.

Wir hätten Gene anrufen können, natürlich, und ich habe den Vorschlag auch gemacht, aber Jeff meinte, dass Gene inzwischen ohnehin schon auf dem Weg zum Flughafen ist, um die anderen Bandmitglieder abzuholen, und wir beide wollten eigentlich pünktlich wieder beim Haus sein, um die Jungs in Empfang zu nehmen, Gene sind solche Dinge unheimlich wichtig.

Gut, und das ist der Punkt, an dem es seltsam wird, für SIE seltsam, Officer, schätze ich, aber seien wir offen und ehrlich, für Sie ist ja schon die Vorstellung seltsam, dass da ein paar erwachsene Männer zusammen in einem Haus wohnen und Musik machen und ein paar kurzfristig gelieferte Matratzen als Luxus betrachten, nicht wahr? Aber so sind wir halt, wir aus dem Westen und vom Osten. Nur dass ich eigentlich selbst nicht genau kapiere, was da geschehen ist, in diesem Moment gestern Abend, als wir da unterwegs waren und beide genau wussten, dass wir dieses Studio nicht mehr finden werden an diesem Abend und es weitaus intelligenter wäre, einfach zurückzufahren, um wenigstens dort zu sein, wenn die Band kommt, auch wenn es natürlich eher peinlich ist, mit einer Karre voller Instrumente wieder anzukommen, die man eigentlich ins Aufnahmestudio bringen wollte.

Aber, rückblickend, peinlich wäre besser gewesen, nicht wahr? Lieber peinlich als weg.
Lieber peinlich als vielleicht tot.

Er ist vielleicht tot, Officer, nur vielleicht, auch wenn Sie was anderes denken, denn Sie wissen nicht alles, Sie können nicht alles wissen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Jeff einfach verschwindet, ihm war schon oft einfach alles zuviel, gut, der Zeitpunkt wäre ziemlich überraschend gewesen, Sie erinnern sich, „third time is a charme“, und dieses Mal mussten wir liefern, aber andererseits ist vielleicht gerade das ein guter Grund, einfach abzutauchen?

Ich bin nur ein Roadie. Ich kriege einen Teil des Drucks mit, klar, aber eben nur einen Teil. Wenn irgendwelche Leute auf dich zukommen und sagen, du seist der nächste Bob Dylan, dann ist das zunächst lächerlich, dann lustig, dann schmeichelt es dir, dann macht es dir Angst.

Und dann, vielleicht, bringt es dich um. Als Metapher. Oder real.

Aber gut, es geht um den Ablauf des Abends. Fürs Protokoll. Und da gehören auch Dinge rein, die Sie nicht verstehen, weil nicht einmal ich sie verstehe, einfach, weils die Wahrheit ist, nicht wahr? Ich war am Steuer, aber Jeff ist gefahren, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er ist der Künstler, ich der

Roadie. Er sagt, wo es lang geht. Wir sind vermutlich ein halbes Dutzend Mal irgendwo völlig verirrt auf dieser Querstrasse unter dem Highway durchgefahren, und ich habe plötzlich halbwegs eine Ahnung, wie wir zurück in unser Haus kommen könnten, aber Jeff sagt:

„Lass uns zum Fluss runter fahren.“

Ich wusste natürlich, von welchem Fluss er sprach, das ist so ein Phänomen, wenn ein Fluss durch eine Stadt verläuft, dann ist der irgendwie allgegenwärtig, aber eine bestimmte Strasse zu finden, ist so gut wie unmöglich, obwohl eine Strasse im Grunde nichts anderes ist als ein Fluss, einfach aus Beton und Asphalt, nicht wahr? Jedenfalls wusste ich, wovon er spricht, und ich wusste auch, wie ich dorthin komme. Da ist dieser Park und dieses Welcome-Center, von denen es in dieser Stadt etwa 20 gibt, ich habe das nie verstanden, ich meine, sorgt einfach dafür, dass wir uns in der ganzen Stadt willkommen fühlen, dafür müsst Ihr doch keine Center einrichten?

Aber da war der Park und das Center und der Parkplatz und der Fluss, und es muss irgendwo nach 9 Uhr abends gewesen sein, es dämmerte bereits, und ich weiss noch, dass ich gedacht habe: Gene wird sauer sein, der hat die Jungs vom Flughafen abgeholt, er bringt sie zum Haus, er erwartet, dass Jeff dort ist, ich natürlich auch, aber mich könnte er noch verschmerzen, Jeff ist die Seele dieser Band, er müsste da sein, um die anderen zu begrüssen, stattdessen wartet da in dem Haus nur ein Stapel fabrikneuer Matratzen. Ziemlich aufregend für eine Horde Musiker, nicht wahr?

Aber Jeff war an einem anderen Ort innerlich, zu diesem Zeitpunkt. Ich kenne ihn inzwischen ganz gut. Ich hatte die Karre kaum auf dem Parkplatz abgestellt, da war er schon draussen und Richtung Fluss. Wie heisst er nochmal? Wolf River, genau. Es hat ihn da richtig hingezogen, aber dann hat er plötzlich inne gehalten, irgendwas hat ihn gestoppt, und ich habe gedacht, okay, das ist der richtige Moment, um den Roadie abzustreifen. Ich mache selbst ja auch ein bisschen Musik, klar, jeder Roadie macht das, und das ist nur natürlich, denn Roadie bleiben kann man nicht sein Leben lang, und wenn man den ganzen Tag um Bands rum ist, macht es Sinn, in die Richtung zu steuern, Schulhausabwart kann man dann immer noch werden. Ich spiele Gitarre, und ich spiele sie ordentlich, aber der Anfang vom Ende als Roadie ist es, wenn man der Band zeigt, dass man musikalisch so viel drauf hat wie sie, keine Band der Welt will einen Roadie, der das hat, also sucht man sich die kleinen Momente aus, um das zu beweisen, so Momente, die man später auch gemeinsam wieder vergessen kann, in aller Demut, und ich dachte: Das ist so ein Moment. Deshalb habe ich diesen tragbaren Stereoplayer aus dem Wagen genommen und auch meine Gitarre, so quasi vorbereitet für jeden Fall, und ich habe Jeff gleich mal einen meiner eigenen Songs vorgespielt, denn der Player war nur für den Notfall, ich wollte ihm ja zeigen, was ich draufhabe, wer kann mir das verübeln? Ich rolle sonst Tag für Tag Kabel auf, und das kann mein behinderter Cousin, erinnern Sie sich?

Keine Ahnung, ob Jeff meinen Song gut fand. Er hat nicht gross reagiert. Er war wirklich an diesem anderen Ort, verstehen Sie? Nein, tun Sie nicht. Aber einfach fürs Protokoll: Das hatte nichts zu tun mit Drogen oder so. Wir waren völlig sauber an dem Abend. Jeff war einfach… betrunken vom Moment, okay? Er war in sich versunken und von sich selbst betrunken, vielleicht ist es das. Jedenfalls habe ich die Gitarre bearbeitet und gesungen und fand mich selbst zu dem Zeitpunkt gerade ziemlich grossartig, und ich dachte, dass Jeff das früher oder später auch finden würde, aber er hatte irgendwie keine Ohren dafür, er ist weiter Richtung Fluss, immer schön rückwärts, den Blick in meine Richtung, aber nicht auf mich, er ist einfach rückwärts in den Fluss, wie ein Krebs oder eine Schildkröte, die gehen doch rückwärts, oder? Er hatte es nicht eilig, aber er hats Schritt um Schritt gemacht, und ich hab zunächst auch nicht so drauf geachtet, weil ich meinen Song doch richtig gut rüberbringen wollte, und wie ich das nächste Mal aufsah, war Jeff bis zu den Knien im Wasser, und ich hab noch gedacht, na wunderbar, Mann, und so durchnässt steigst du nachher wieder in die Karre? Und ein paar Augenblicke später war er ganz im Wasser, nicht, weil er weitergegangen wäre, er war immer noch ganz nah am Ufer, er hat sich einfach sacken lassen bis zu den Schultern, aber es war schwül gestern, erinnern Sie sich daran? Er will sich abkühlen, dachte ich, und es ist doch wunderbar, da sitzt mein Idol, für das ich arbeiten darf, und er kühlt sich ab und hört mir zu, er hört meinen Song.

Einen Scheiss hat er das getan. Natürlich nicht. Jeff hatte diese Augen, er HAT diese Augen, die lügen nie, du siehst da rein, und du weisst, wo er steht, und er war immer noch nah am Ufer, und ich habe genau gesehen, dass er gar nicht hört, was ich da spiele, obwohl es wirklich gut war, darf ich das so sagen, Officer? Ich bin da gesessen und habe um mein Leben gespielt, und Jeff war bis zu den Schultern im Wasser, und es hat ihn einen Dreck interessiert, was ich spiele, aber ich war nicht sauer oder so, das hatte nichts mit mir zu tun, so ist er einfach, Jeff, wenn er in seiner eigenen Welt versinkt, dann kann eine Bombe detonieren neben ihm, es macht keinen Unterschied. Es gibt kaum etwas, mit dem man ihn da rausholen kann. Und deshalb hat er sich da einfach treiben lassen in Eurem Wolf River, er ist nicht geschwommen oder so, er war einfach da und der Fluss war da, und irgendwann sind die beiden eins geworden, und wer kann einen Fluss einholen? Mit jedem Akkord, den ich angeschlagen habe, war er weiter draussen im Fluss, und er hat mich einfach angeschwiegen, bis auf diesen einen kurzen Moment, als er etwas sagte, das war, als ich gerade Luft holte für die nächste Strophe.

„The first one being fun, but the second one…“

Ich sollte das nicht niederschreiben. Sie sind Beamter, Sie wollen Erklärungen. Ich habe keine. Ich weiss nicht, was er gemeint hat. Ich verstehe es nicht. Und ich weiss, dass ich es in 20 Jahren noch immer nicht verstehen werde. Aber es war so eine Art Weckruf für mich. Ich dachte mir: Okay, Jeff hat seine Abkühlung gesucht, er ist im Wasser, in voller Montur, Kleider und Schuhe an, das ist in Ordnung, er ist Künstler, er darf das, aber nun sagt er Dinge, die ich nicht verstehe und lässt sich in die Flussmitte treiben, und das ist der Moment, in dem ich die Kontrolle haben muss, weil er sie offenbar nicht mehr hat, also lege ich die Gitarre zur Seite und nehme den Stereoplayer und drücke auf „Play“, und da ist die Stimme von Robert Plant. Da fällt mir ein, ich weiss so wenig über Jeff. Ich kenne seine eigene Musik, aber ich weiss nicht, welche Musik ihn sonst so bewegt. Aber Led Zeppelin hats getan in diesem Moment, ganz offensichtlich. „Whole lotta love“ wars. Ein Klassiker. Mögen Sie nicht, was, Officer? Kennen Sie nicht? Gut. Das habe ich auch nicht erwartet

Seit 24 Stunden stelle ich mir ein- und dieselbe Frage. Was habe ich Jeff angetan mit diesem Song? Mir ist es egal, was Sie sonst so hören, Officer, irgendwelchen schwarzen Gospel oder Oldies vom Ratpack oder was auch immer, aber wenn dieses Protokoll hier irgendeinen Sinn machen soll, dann müssen Sie sich das bei Gelegenheit reinziehen. Kaufen Sie sich die CD und werden Sie sie später auf dem Flohmarkt wieder los. Es ist ein Mantra, dieser Song. Es geschieht so wenig darin. Und gleichzeitig so viel. Ich habe Jeffs Gesicht gesehen im Mondlicht. Er muss zu diesem Zeitpunkt schon zehn, fünfzehn Minuten im Wasser gewesen sein. Er trug Jeans, Cowboyboots, ein Shirt. Vollgesogen mit Wasser, das alles. Das ist mir jetzt klar, gestern war es das nicht. Er war da in der Mitte des Flusses, vielleicht 50 Meter von mir entfernt. Und er war irgendwie… entrückt? Nicht mehr hier. Von der Suche unseres Aufnahmestudios aus dem Innern des Vans bis zu diesem Moment im Fluss, als er nicht mehr Teil dieser Welt war, das dauerte keine halbe Stunde. Es ist die übliche Entfernung zwischen Alltag und Wahnsinn.

Ich nehme an, er hat Robert Plants Stimme die ganze Zeit über gehört, es war sonst völlig still da unten am Fluss. Völlig still bis auf den Schlepper, der plötzlich auftauchte. Was machen Schlepper um 9 Uhr abends bei Euch auf dem Wolf River in Memphis? Ich habe Jeff zugerufen, er soll sich in Acht nehmen, er hat ruhig gewirkt, er hat den Schlepper gesehen, er ist ganz cool geblieben, er ist dem Ding ganz einfach aus dem Weg geschwommen, Ich denke, er hat mich für ein bisschen hysterisch gehalten, ich habe ihn ganz deutlich gesehen, sein Kopf über der Wasseroberfläche, und Robert Plant hat immer noch gesungen, der Song dauert über 5 Minuten, wissen Sie das? Whole lotta love. Heute haben Sie kaum eine Chance auf einen Platz im Radio, wenn Ihr Song 4 Minuten dauert, 3 Minuten sind der Standardwert, länger kann gar niemand mehr aufmerksam hinhören.

Also, Jeff war da, er ist dem Schlepper einfach aus dem Weg geschwommen, der Schlepper ist verschwunden, und da kam dieser Frachter, und ich dachte wieder, fuck, Jeff, was machst du da draussen in der Mitte des Flusses in der Stosszeit. Das Ding war mindestens 30 Meter lang, und wie soll der Kapitän eines solchen Ungetüms auf einen einzelnen Kopf achten, der aus dem Wasser ragt? Aber das Ganze hat sich wiederholt, Jeff war wieder schneller als dieser Frachter, also, das war er natürlich nicht, aber er ist dem Ding aus der Linie geschwommen, wirklich, ich habs genau gesehen, der Frachter ist an Jeff vorbeigepflügt, ich habe es gesehen und ich habe es gespürt, da war diese Erleichterung, ich weiss nicht, ob Sie die kennen, diese Art der Erleichterung, die man verspürt, wenn man gar nicht wirklich in Sorge war, ich meine, ich war besorgt, weil Jeff da draussen rumschwamm und dieser Schlepper und dieser Frachter da auch waren, aber ich bin davon ausgegangen, dass nichts passiert, es war dieses bisschen Restrisiko, das noch da war, und dann diese kleine Erleichterung, weil dieses Restrisiko folgenlos verpuffte.

Scheinbar.

Ich glaube, wenn ich das hier alles mal verdaut habe, wenn es vorbei ist, wenn ich Gewissheit habe, in die eine oder andere Richtung, dann werde ich dieser Frage nachgehen. Ich meine, Sie haben davon gesprochen, wie tückisch Ihr Wolf River sei. Dabei gilt das für jeden Fluss. Weil die Dinge erst geschehen, nachdem sie geschehen sind. Der Frachter war längst vorbei, die Gefahr damit auch, ich habe Jeff gesehen, er schwamm da in der Mitte des Flusses, seine Kleider müssen tonnenschwer gewesen sein inzwischen, aber er schwamm da, und erst dann begann der Fluss zu leben, ein bisschen wie dann, wenn man Steine in einen See wirft, es geht einen Moment, bis es Kreise zieht, und so war es mit diesem Frachter, und so war es mit diesem Fluss, und so war es mit Jeff.

Ganz offen gesagt? Als dieser Fluss zu leben begann, da habe ich mir Sorgen um den Stereoplayer gemacht. Ich verdiene nicht grossartig als Roadie. Das Ding ist nicht billig. Ich habe gesehen, wie die ersten kleinen Wellen übers Ufer geschwappt sind und hab mir meinen Stereo geschnappt und ihn aus der Gefahrenzone gebracht. Und danach habe ich wieder auf den Fluss geschaut, und Jeff war weg. Es gibt diese Momente, in denen man das, was man sieht, sehr klar sieht und es doch nicht für die Realität hält, weil es nicht die Realität ist, die man da erwartet. Die Erwartung füllt sozusagen die Lücken der Realität vor den eigenen Augen. Ich schätze daher, dass ich Jeff eine Weile lang sogar gesehen habe da draussen, auf meine Weise gesehen, aber rückblickend betrachtet ist es mir sehr klar, dass er nicht da war. Weil er nicht da war.

Ich hab angerufen danach, zuhause, im Haus mit den brandneuen Matratzen. Die andern waren eben erst dort angekommen. Sie sind dann zu mir raus gefahren, auf den Parkplatz beim Welcome-Center. Taghell erleuchtet war es dort, Hubschrauber, Suchboote. Ihr habt Euch nicht lumpen lassen, Officer. Sorry, dass alles, was Ihr gefunden habt in den letzten 24 Stunden das ist, was Ihr von mir gekriegt habt. Seinen Mantel. Wissen Sie, warum ich den hatte? Er hat sich da heillos im Gestrüpp verfangen, Jeff, als er Richtung Ufer lief. Der Mantel war ihm lästig. Er hat ihn abgestreift und mir in die Hand gedrückt und ist weiter Richtung Fluss.

Die Instrumente sind immer noch im Wagen. Und die Matratzen liegen im Haus. Manchmal, Officer, denke ich, dass nur die Dinge, die wirklich zählen, verschwinden. Alles andere bleibt, hartnäckig, siegesgewiss. Ich werde sie mitnehmen, diese Dinge, wenn ich Memphis wieder verlasse. Das, was zählt, lasse ich bei Euch zurück.

Inspiriert von den letzten Stunden von Jeff Scott Buckley, 17.11.1966 – 29.5.1997.