Seit 30 Jahren setze ich mich für das Falsche ein. Nun dämmert es mir: Der Weg zu einer besseren Gesellschaft führt über alles, was ich stets bekämpft habe. Wir brauchen mehr farbige Flaggen, die Aufhebung der Geschlechter und ein Ende der Sprache, wie wir sie gekannt haben – und alles wird gut.

Ich werde demnächst 50, auch wenn man mir das natürlich nicht ansieht. Damit stosse ich definitiv vor in die Riege der alten weissen Männer. Die sind bekanntlich für sämtliche Ungerechtigkeiten dieser Welt im Alleingang verantwortlich. Ohne sie wäre unsere Gesellschaft eine bessere. Ich muss endlich erkennen, dass ich mit meiner Haltung dem Weltfrieden im Weg stehe, weil ich mich der Weisheit der schieren Masse so lange widersetzt habe. Höchste Zeit also, umzudenken.

Zu meiner Verteidigung: Meine schiefe Weltsicht ist auch ein Ergebnis meiner Sozialisierung. Ich bin in den 70er-Jahren aufgewachsen, und damals dachten wir ernsthaft, dass Babys mit äusserlichen Merkmalen zur Welt kommen, welche die Einteilung in zwei Geschlechter ermöglichen. Im Kinderjargon: Schnäbi oder Mumu. Das ist im Rückblick unverzeihlich. Facebook beispielsweise bietet schon seit Jahren eine Auswahl von 60 Geschlechtern, und auch das ist bereits ziemlich passé. Richtig wäre es, sich gar nicht erst auf eine Wahl einzulassen. Jeder ist heute, was er sein möchte, und wenn es die richtige Kategorie noch nicht gibt, schafft man einfach eine neue. Es wäre so einfach, aber ich stecke fest in alten Vorstellungen.

Auch sprachlich bin ich unglaublich limitiert. Ich habe mich bis heute weitgehend an Standards gehalten, wie sie der Duden vorgibt. Eine völlig rückständige Methodik. Wörterbücher definieren zum Beispiel ein Wort wie «Mitglied» als neutral. Doch heute ist neutral längst nicht mehr neutral genug. Das muss man weiter neutralisieren durch  Wortschöpfungen wie «Mitglieder:innen», wobei der Doppelpunkt wahlweise durch einen Stern oder ein anderes Sonderzeichen ersetzt werden kann. Jedenfalls, bis die unsichtbare Jury zweifelsfrei einen allgemeingültigen Standard durchgesetzt hat. Wenn ich beim Wort «Mitgliederinnen» aufjaule, liegt das liegt nicht am Wort, sondern an mir und meiner Engstirnigkeit. Ich muss wirklich an mir arbeiten.

Und wenn ich schon beim Outing bin, bitte sehr. Auf meiner Dachterrasse habe ich die letzten Monate über einen neuen Bodenbelag nachgedacht, statt einfach das Offensichtliche zu tun. Warum hängt dort am Zaun noch keine blau-gelbe Flagge als Zeichen für die Solidarität zur Ukraine? Oder wenigstens die Peace-Fahne als allgemeines Bekenntnis für den Frieden? Oder, wenn es auch dafür nicht reicht, immerhin der LGBTQ-Regenbogen, um meine grenzenlose Toleranz zu beweisen? Es wäre so einfach. Denn wir alle wissen, dass mit jedem Stück Stoff im Aussenbereich die Welt eine bessere wird.

Auch in den sozialen Medien bin ich untauglich. Dabei gäbe es so viele leuchtende Vorbilder. Jolanda Spiess-Hegglin, Knackeboul, Reda El Arbi und viele mehr zeigen, wie es geht. Sie bekämpfen den täglichen Hass im Netz, indem sie selbst wahlweise kübelweise Hass über andere ergiessen oder Andersdenkenden körperliche Gewalt androhen. Das macht absolut Sinn: Gleiches mit Gleichem vergelten und so den bösen Menschen den Spiegel vorhalten! Aber ich, das alternde Kind der 70er-Jahre, versuche es immer noch mit inhaltlichen Argumenten. Ich habe bisher ernsthaft versucht, auf Twitter zu argumentieren. Warum kann ich nicht wie alle diese guten Menschen einfach Toleranz mit Intoleranz predigen und Andersdenkende diffamieren? Warum mobbe ich fehlgeleitete Seelen nicht einfach, um so gegen Mobbing im Netz zu protestieren, wie es andere tun? Wenn man für das Richtige steht, darf man das ja ungestraft.

Ich gebe es nur ungern zu, aber bis vor kurzem hatte ich auch keinerlei Verständnis für Leute, die sich selbst auf Autobahnausfahrten auf den Asphalt kleben, um den Klimawandel zu bekämpfen. Dabei ist das doch ein selbstloser Einsatz für meine Kinder, die sonst nur noch wenige Jahre zu leben hätten, weil sie angesichts der rasenden Zunahme der Temperatur in einigen Jahren bei lebendigem Leib verglühen werden. Heute sehe ich das ein und anerkenne: Ich bin eine veritable Fehlbesetzung als Vater. Warum kette ich mich nicht endlich wenigstens vor dem Hauptsitz der UBS fest und rette damit die Welt? Es wäre doch so einfach. Nach der Besetzung des Bundesplatzes durch Klimaaktivisten ist die durchschnittliche Temperatur in der Schweiz bekanntlich um 5 Grad gesunken, es geht also.

Mir ist endlich bewusst: Seit 30 Jahren vertrete ich schreibend die reine Irrlehre. Diese Welt wäre eine bessere, wenn wir alle geschlechtslos und gendernd mit Regenbogenflaggen auf dem Balkon mit einem Stück Tofu auf dem solarbetriebenen Grill einen feministischen Tanz aufführen würden. Täten wir das alle, hätten wir schon längst die perfekte Gesellschaft, und in der Ukraine würde Friede herrschen. Dieser wundervollen Entwicklung der Evolution bin ich viel zu lange im Weg gestanden, weil ich es schlicht nicht begriffen habe.

Wobei das natürlich noch nicht reicht. Wir müssen auch diejenigen Kräfte in die Schranken weisen, die dem entgegen stehen. Das heisst: Parallel dazu endlich alles wegzensieren, was nicht dem Zeitgeist entspricht und alles verbieten, was einer Mehrheit auf Twitter missfällt. Der Weg zu einer freien Gesellschaft führt über möglichst viele Verbote und Einschränkungen. Wenn wir die Wahrheit schon kennen, müssen wir die Diskussion über diese Wahrheit endlich unterbinden. Freie Rede? Schön und gut. Aber bitte innerhalb der Schranken, welche die Twitter-Jury definiert hat. Wo kommen wir hin, wenn dauernd Leute Zweifel säen?

Heute ist mir das klar. Und ich erkenne mit viel Bedauern: Ich stand bisher diesem Fortschritt im Weg und damit auch einer besseren Welt – und weitergedacht auch dem Weltfrieden. Ich bin also ein Kriegstreiber, nur gerade einen halben Meter hinter Wladimir Putin. Denn viel zu lange habe ich mich gewehrt gegen die modernen Errungenschaften, die uns alle weiterbringen. Es ist doch sonnenklar, dass uns amtliche Schreiben mit einem Stern oder einem Doppelpunkt mitten in einem Wort zu besseren Menschen machen und die Welt retten. Wir werden erst zu einer funktionierenden Gesellschaft, wenn Babys im Kinderwagen geschlechtslos sind, wenn auch an der hinterletzten Jodler-Hauptversammlung «Mitglieder:innen» begrüsst werden und wir uns einig sind, dass jeder, der nicht aktiv dabei mitmacht oder Fragen stellt, ein Faschist ist, der aus der digitalen Welt ausradiert gehört.

Ja, ich habe das reichlich spät gemerkt. Aber besser spät als nie. Von heute an wird alles anders. Ich bin nun einer von euch. Ich definiere mich als Geschlecht Nr. 43, hülle mich in eine Regenbogenflagge, klebe mich schon morgen an der Hauptgasse in Appenzell fest und brülle, wenn mich die reaktionären staatlichen Kräfte vom Asphalt lösen wollen, mit aller Kraft: «Mitglieder:innen aller Welt, vereinigt euch!»

Es ist höchste Zeit dafür. Seit bald 50 Jahren gibt es mich, und seit ich denken kann, lamentieren wir über den Niedergang der Welt. Aber nun haben wir das Rezept zur Gesundung der Gesellschaft und für den Weltfrieden. Wir müssen lediglich die völlig veralteten Naturgesetze mit Männlein und Weiblein ausser Kraft setzen, die Sprache neu erfinden, hautfreundlichen Leim auf den Markt werfen und ganz viele bunte Flaggen zum Verkauf anbieten – und alles wird gut.

Endlich ist mir das bewusst, und ab heute werde ich mich dafür engagieren. Vielleicht reicht es so ja doch noch last minute für einen Platz im Himmel. Bei dem/der Gött:in. Hoffen darf man immer. Ich hoffe, er/sie/es hält ein anständiges Stück Tofu für mich bereit, wenn ich da oben ankomme. Den Weg dorthin finde ich bestimmt. Denn ich gehe davon aus, dass mich Wegweiser in Regenbogenfarben ans Ziel führen.