Grausame Demokratie. Sie zwingt uns, über Dinge zu beschliessen. Auch über solche, die gar nicht erst vorgeschlagen werden dürften. Wie viel schöner ist da eine gesunde Diktatur. Nein, das sage nicht ich. Das sagen Feministinnen.

Ich habe einen schwerwiegenden Fehler begangen: Ich habe einen Online-Veranstaltungskalender besucht, um zu schauen, was ich am Wochenende mit meinen Kindern so anstellen soll. Das hätte ich nicht tun sollen.

Denn irgendwo zwischen Konzerten, Ausstellungen und Märkten poppten sie auf: Die «Feministischen Streiktage» vom 11. Juni in St.Gallen. Der bewusste Samstag ist zwar nur ein Tag und keine Tage, aber vielleicht ist das symbolisch zu verstehen: Da wird die Saat ausgebracht, die danach viele Tage, Wochen und Monate wächst.

Ich habe nichts gegen feministische Streiktage, im Gegenteil. Mir scheint es sehr viel vorteilhafter, wenn Feministinnen streiken als wenn das Piloten oder Lokführer tun. Aber vermutlich habe ich es falsch verstanden, es bedeutet wohl nicht, dass die besagten Feministinnen in diesen Tagen damit aufhören, Feministinnen zu sein.

Was mich aber getriggert hat, ist der folgende Auszug aus der Beschreibung des Anlasses:

In den USA könnte ein Entscheid des Supreme Court bald dazu führen, dass das Recht auf Abtreibungen landesweit abgeschafft wird. Und auch in der Schweiz findet gerade ein Angriff auf das Selbstbestimmungsrecht von Frauen statt – angeführt von fundamentalchristlichen Organisationen und im Schulterschluss mit Teilen konservativer und rechter Parteien. Geplant sind zwei Initiativen, über die wir wohl bald abstimmen müssen.

Mir geht es hier nicht um eine Abtreibungsdebatte. Sondern um die Formulierung «über die wir wohl bald abstimmen müssen». Er suggeriert, es dürfte gar nicht sein, dass es darüber zu einer Abstimmung kommt. Was ein seltsames Demokratieverständnis offen legt.

Es gab schon viele Abstimmungen, bei denen ich dachte: Ernsthaft jetzt? Wer bitte sehr schlägt so was vor? Aber noch nie hatte ich in diesen Fällen das Gefühl, ich würde genötigt zu etwas. Denn ich kann ja Nein sagen dazu. Mit dem Stimmzettel. Klingt altmodisch, hat sich aber bewährt. Die besagten Feministinnen haben aber wenig Lust auf den Wettbewerb darüber, welches Lager grösser ist: Ihres oder das andere. Sie empfinden es offensichtlich als Frechheit, dass überhaupt ein Wettbewerb geführt wird. Ein demokratischer Wettbewerb übrigens.

Es geht in diesem Stil weiter:

Nicht nur leben wir noch immer in einer sexistischen Gesellschaft, in der Frauen gratis Care-Arbeit leisten müssen, von Lohnungleichheit betroffen oder Alltagssexismus ausgesetzt sind (die Liste liesse sich noch verlängern). Als wär das nicht genug: Denn selbst das, was erkämpft wurde, wird innert kürzester Zeit wieder angegriffen und in Frage gestellt. Was wir dagegen tun können?

Also, Moment. Die besagten Frauen haben etwas erkämpft (vermutlich waren es eher ihre Mütter und Grossmütter übrigens) und nun hat jemand die Frechheit, das in Frage zu stellen? Ungeheuerlich.

Vielleicht müssten wir die Verfassung umkrempeln. In der Art, dass ein einmal gefasster Beschluss bis zum Jüngsten Tag gilt und nicht «angegriffen» werden kann (gemeint ist: einer erneuten Abstimmung zu unterziehen).

Ich schwanke immer zwischen blankem Unverständnis und geistiger Überforderung, wenn jemand die demokratischen Rechte attackiert, weil eine bestimmte Vorlage nicht in seinem Sinn ist. Ich weiss gar nicht, was ich dazu sagen oder schreiben soll, weil es so völlig absurd ist. Wir leisten uns eine Demokratie, und dazu gehört, dass jeder zu jedem Zeitpunkt auf alles zurückkommen darf. Danach entscheidet die Mehrheit. Wer das falsch findet, mag keine Mehrheiten. Er oder sie mag Willkür.

Aber nun müssen wir das Ganze noch sauber beenden, denn der Programmauszug da oben schloss mit einer Fragestellung: Was können die werten Feministinnen dagegen – also gegen die demokratischen Rechte Andersdenkender – tun? Hier die Antwort:

Zusammen kämpfen. Wir tun das auch indem wir Räume und Bühnen schaffen – für Kritik, aber auch dafür uns die Power und Entschlossenheit zu geben, die es dafür braucht. Also: FLINTA auf die Bühne. Ihr alle in die Halle. Zum dancen, für den Austausch, bis die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden und das kapitalistische Mackertum verduftet

Da war eine wahre Poetin am Werk, auch wenn sie es mit den Kommata nicht so hat. Das «kapitalistische Mackertum» soll «verduften», die Verhältnisse sollen «zum Tanzen gebracht werden». Dazu hätte ich übrigens ganz gern eine Zeichnung. Jedenfalls: Wortporno pur. Wie lange die Dame – oder es war wohl eher ein Kollektiv – über diesen Formulierungen gebrütet hat?

Es geht also mal wiederum die «Macker». Die alten, weissen Männer, die alles zerstören wollen, was die Feministinnen so segensreich aufgebaut haben. Aber, Überraschung, zerstören kann das bei uns wie erwähnt nur eine Mehrheit der Stimmenden. Und wer damit nicht leben kann, lebt im falschen Land.

«Geplant sind zwei Initiativen, über die wir wohl bald abstimmen müssen»: Man muss sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen.