Wenn man sein Image als verbitterter alter weisser Mann nicht aktiv pflegen möchte, sollte man publizistisch einen grossen Bogen um die Klimaaktivistin Greta Thunberg machen. Aber da mein Ruf diesbezüglich bereits ruiniert ist: Bitte sehr.

In einem Text in der Onlineausgabe der «Weltwoche» habe ich Greta Thunberg – indirekt – thematisiert. Ich wusste von früheren Gelegenheiten bereits, was passieren würde. Neben lobendenden Rückmeldungen gibt es beim Thema Greta immer auch Leser, die sich sinngemäss in eine dieser beiden Richtung hier äussern:

  • «Greta hat grosse Verdienste, und Sie machen sich über sie lustig. Was haben denn SIE für die Welt geleistet bisher?»
  • «Haben Sie einen Minderwertigkeitskomplex, dass Sie auf einen Teenager losgehen müssen?»

Dann fangen wir doch mal oben an.

Über die Verdienste von Greta Thunberg kann man sich streiten. Für mich ist sie in erster Linie die Galionsfigur einer Bewegung, die in einer unvergleichlichen (zumindest vor Corona) Dramatisierung eine drohende Apokalypse heraufbeschworen hat und dieser mit völlig unrealistischen und vermutlich auch untauglichen Massnahmen reagieren wollte. Da standen schreiende Leute auf einem Platz und erklärten uns, wir hätten noch wenige Jahre zu leben. In Coronazeiten wurden die Absender von weit schlüssigeren Aussagen gern mal schnell für verrückt erklärt.

Aber selbst wenn sie –sehr, sehr hypothetisch – recht hätte und die Mutter Teresa der Klimarettung wäre, bleibt die Frage «Was haben SIE geleistet?» an den Journalisten dämlich. Nach diesem Denkmuster dürfte niemand kritisch über ein Appleprodukt schreiben, ohne selbst Steve Jobs überflügelt zu haben, um nur ein einziges willkürliches Beispiel zu nennen. Darf man an Debatten nur teilnehmen, wenn man zuvor die Welt verändert hat? Und im Fall von Greta war es ja nicht das Leistungsprinzip, das sie zur Ikone gemacht hat. Es waren die sich vor Begeisterung überschlagenden Medien, die das aus ihr gezimmert haben.

Der zweite Vorwurf ist mein liebster: Der Absender einer Kritik wird pathologisiert, damit man sich nicht mit dem Inhalt beschäftigen muss. Dass der Kritiker Greta nicht so super berauschend findet, muss natürlich an ihm selbst liegen. Er hat entweder Probleme mit Jugendlichen, die sich gesellschaftlich engagieren oder mit Frauen oder mit beiden zusammen. Twitter ist voll von solchen Charakterisierungen. Kritisiere als Mann die Aussage einer Frau, und du bist frauenfeindlich. Und ich Naivling dachte immer, ein wesentlicher Teil der Gleichberechtigung sei die Forderung, dass das Geschlecht keine Rolle spielen sollte.

Zur Erinnerung: Greta war es, die uns allen bei einem denkwürdigen Auftritt mit wutverzerrtem Gesicht vorgeworfen hat, ihr die Kindheit gestohlen zu haben, ihrer Generation die Zukunft zu rauben, egoistisch zu sein und so weiter.

Mir ist es egal, wie alt sie damals war, sie hat eine Bühne erhalten und diese zu einer Raserei mit Pauschalanwürfen genutzt. Wer das tut, muss mit einer Reaktion leben. Egal wie alt er oder sie ist. Die junge Frau hat ein ziemlich gut organisiertes und gut ausgestattetes Umfeld, das in der Lage sein müsste, sie zu beschützen. Stattdessen wird sie von diesem wohl noch befeuert.

Nein, ich habe keinen Minderwertigkeitskomplex, in aller Regel wird mir eher das Gegenteil vorgeworfen. Und ich finde es grossartig, wenn sich junge Menschen zu Wort melden und engagieren. Auch wenn sie das in die Gegenrichtung meiner eigenen Haltung tun. Es scheint mir aber keine schlechte Lektion für sie, wenn sie früh erfahren, dass dabei nicht einfach immer von allen Seiten automatisch geklatscht wird. Früher oder später merken sie es nämlich sowieso. Ich bin gegen diese Form von Welpenschutz.

Wer sich an der Debatte beteiligen will, muss die Spielregeln akzeptieren. Und die lauten: Was du sagst, wird auf den Prüfstand gestellt, und vielleicht finden es eben nicht alle toll. Dass wir uns als asoziale Egoisten, die die Welt vernichten, darstellen lassen müssen und dann zu schweigen haben, weil der Absender der Botschaft ein Teenager aus Schweden ist: Eine seltsame Vorstellung.