Bei Abstimmungsumfragen wird gerne darauf hingewiesen, wie es um den Bildungsstand der beiden Lager steht. Das Mediengesetz werde vor allem von Leuten «mit tiefer Bildung» abgelehnt. Eine sehr elitäre Definition.

Sie sind so leicht durchzuführen wie nie zuvor: Abstimmungen zu Umfragen. Statt die halbe Schweiz anzurufen, macht man das heute gern online. Wer sich beteiligt, macht dabei nicht nur Angaben über seine Position zu einer bestimmten Vorlage, sondern outet sich auch anderweitig. Wohnkanton, höchste abgeschlossene Bildungsstufe, welche Partei man üblicherweise wählt oder auch das Haushaltseinkommen: Das will man von uns wissen. Und verlässt sich offenbar darauf, dass wir die Wahrheit sagen beziehungsweise anklicken.

In der Berichterstattung zu den aktuellen Umfragen heisst es dann bei nau.ch beispielsweise bezüglich dem Mediengesetz:

«Zudem hat die Vorlage bei der Abstimmungsabsicht am meisten Unterschiede beim Bildungsniveau. Tief gebildete Menschen lehnen das Gesetz überproportional stark ab.»

Es ist schön, dass man nicht einfach gleich schreibt: «Die Doofen sind gegen das Mediengesetz.»

Was genau sind tief gebildete Menschen? Es gibt in der Schweiz relativ wenig Leute, die weniger anzubieten haben als die obligatorische Schulzeit von neun Jahren. Sie ist ja immerhin obligatorisch. Es gibt Leute mit abgeschlossener Oberstufe und einer anschliessenden Lehre, es gibt Absolventen von Gymnasien, von Fachhochschulen, von Universitäten. Und dazwischen noch eine Flut von Zwischenformen wie Lehre mit Berufsmittelschule und so weiter. Solche Details werden nicht akribisch abgeklärt bei einer Onlineumfrage. Im Wesentlichen lautet die Frage: Akademiker oder nicht? Und das Ergebnis: Hohe oder tiefe Bildung?

Es sind seltsame Kategorien in einem Land, das zu Recht stolz ist auf sein duales Bildungssystem und das verzweifelt mehr Leute braucht, die eine Berufsausbildung machen. Es ist eine seltsame Definition, aus der Wahl des eigenes Wegs mal kurz auf einen hohen oder tiefen Bildungsstand zu schliessen. Ich hatte schon Gespräche mit Akademikern, die mich fragen liessen, wie dieses Land funktionieren kann, wenn so jemand irgendwo am Drücker sitzt. Oder mit hochdekorierten Studierten, deren Wissen sich in lebensfernen Bereichen bewegte und nichts mit dem gelebten Alltag zu tun hat. Umgekehrt habe ich schon Handwerker getroffen, die ich um ihre tiefe Weisheit und den Einblick ins echte Leben beneidet habe. Tiefer Bildungsstand: Was will man uns damit sagen? Und wie arrogant ist das eigentlich?

Virologen und Epidemiologen beispielsweise haben gemäss dieser Definition ohne Frage einen sehr hohen Bildungsstand. Sie haben die Schulbank länger gedrückt als unbedingt nötig und danach ein ziemlich komplexes Studium hinter sich gebracht und abgeschlossen. Dafür meine ehrlich gemeinte Hochachtung. Gerade sie zeigen aber oft, wie eindimensional der Begriff «Bildung» verstanden wird – statt so umfassend, wie es nötig wäre. Wenn sich jemand in der Welt der Viren verliert und nicht fähig ist, gesellschaftliche Auswirkungen zu bewerten, halte ich ihn oder sie nicht für besonders gebildet. Wer nur fähig ist, Fallzahlmodelle zu berechnen und daraus Empfehlungen abzuleiten, aber es nicht schafft, zu beurteilen, was diese Empfehlungen für Menschen ausserhalb der eigenen warmen Stube heissen, mag technisch hoch gebildet sein; Lebensklugheit fehlt aber.

Das sind Kategorien, die man nicht mit ein paar Klicks erfassen kann. Dafür sind sie zu komplex. Aber gerade deshalb kann man sich das Abfragen des Bildungsstands sparen. Wir wissen nun also, dass Nichtakademiker eher zu einem Nein zum Mediengesetz tendieren. Und jetzt? In jeder Berichterstattung schwingt unausgesprochen das Urteil mit: Je weniger jemand weiss, desto eher sagt er Nein. Aber was genau ist «Wissen»? Warum sollte jemand nach Matura und fünf, sechs oder sieben Jahren Studium der Nordistik oder der Ozeanologie oder der Germanistik eine Vorlage dieser Art schlechter beurteilen können als nach einer Schreiner- oder Metzgerlehre?

Ja, sagen tun sie das so natürlich nicht. Es soll völlig wertungsfrei gemeint sein, eine banale Feststellung. Aber Worte sind mächtig, und «tiefer Bildungsstand» sind deutliche Worte. Wertende Worte. Eine Suggestion, die beim einen oder anderen sicher so ankommt, wie sie ankommen soll.