Wenn man furchtbar unwichtig ist und das irgendwie auch merkt, hat man heute eine Möglichkeit, sich auf die Schnelle für bedeutend zu halten: Man meldet sich als «News-Scout» bei einem klickgetriebenen Medium. Da kann man auch gleich die Denunzianten-Ader ausleben. Willkommen in der furchtbaren, relevanzlosen Gegenwart.

Früher versuchten Journalisten, im Dickicht der Intransparenz eine Übersicht zu gewinnen, Unausgesprochenes zu enttarnen und das herauszufinden, was sonst noch niemand weiss – im Interesse der Allgemeinheit. Heute sind «Journalisten» – pardon, die Anführungszeichen müssen sein – Verlautbarer von Regierungen, von Verwaltungen und gleich auch noch von ganz normalen Menschen, die furchtbar empört sind, weil die Welt nicht restlos so läuft, wie sie das gerne hätten.

Das Ergebnis des Letzteren sind sogenannten «News-Scouts», wie sie beispielsweise bei 20min.ch genannt werden. Es gibt sie auch beim «Blick» und vielen anderen Medien.

Um nicht missverstanden zu werden: Inputs aus der Leserschaft braucht jede Zeitung. Nur so erfährt man, was gerade so gärt in der Gesellschaft. Aber das ist ja bei den «News-Scouts» nicht das Thema. Dort sieht das Verfahren folgendermassen aus: Ein durch und durch guter Mensch regt sich ganz fürchterlich darüber auf, dass andere Menschen nicht so gut sind wie er und macht einen Screenshot, sobald jemand anders handelt, als er es gerne hätte und schickt das Ergebnis an die Zeitung seines Vertrauens. Dort verwurstet man das Ergebnis unhinterfragt in eine knackige Schlagzeile in der Hoffnung auf Klicks.

Ich will nicht alt klingen, aber vor 30 Jahren hatte ich eine andere Vorstellung von diesem Beruf.

Ein aktuelles Beispiel. Ein «News-Scout» (übersetzt: Ein total unterbeschäftigter Gutmensch, der neben seiner eigenen Meinung keine andere gelten lässt) hat ein Posting eines Chefarztes gesichtet, das er völlig daneben fand. Sofort wird das an 20min.ch weitergeleitet, und dort macht man daraus eine Empörungsstory. Alles klingt furchtbar nach «Meine Güte, wie kann er nur?»

In Kürze geht es darum, dass ein aus dem Kosovo stammender Chefarzt am Kantonsspital Luzern findet, dass in seiner alten Heimat alle ein bisschen durchdrehen. Er denkt, es müsste vorbei sein mit den Schutzmassnahmen gegen Corona und schreibt das öffentlich. Worauf der «News-Scout» sofort findet, wir zitieren 20min.ch:

«Ich kann nicht verstehen, wie ein Arzt solche Äusserungen machen kann», sagt der 33-jährige IT-Mitarbeiter aus dem Kanton Schwyz.

Nun ist die Weltöffentlichkeit natürlich nicht schuld daran, dass es dem 33-jährigen IT-Mitarbeiter aus dem Kanton Schwyz offensichtlich einfach an genügend Intelligenz mangelt, um zu merken, dass es sehr berechtigt ist, wenn gerade ein Arzt solche Aussagen macht. Der bewusste Arzt sagt nur das Selbstverständliche: Ob im Kosovo oder irgendwo, das Omikron-Grippchen sollte nicht mehr dazu führen, dass ganze Gesellschaften in Geiselhaft genommen werden. Hätte ein mit mehr Intelligenz gesegneter Mitarbeiter von 20min.ch die aufgeregte Meldung des «News-Scout» entgegen genommen, hätte die adäquate Antwort lauten müssen: «Ja, ein Chefarzt äussert seine persönliche Meinung, und diese ist aktuell durch Zahlen und Fakten gut abgestützt, an den Spitälern herrscht totale Entspannung, wo ist das Problem?»

Aber so reagiert man bei 20min.ch natürlich nicht. Da reagiert der Reflex: Das gibt eine Schlagzeile! Dass der Newslieferant die Situation nicht halb so gut beurteilen kann wie der Chefarzt eines Spitals, spielt keine Rolle. Aus dem 20min.ch-Leser – seines Zeichens ein IT-Mensch und kein Gesundheitsexperte – wird plötzlich eine gewichtige Stimme in der Debatte, und er darf frisch, frei und fröhlich eine Äusserung einer Person kommentieren, die Medizin studiert hat und es – und das ist kein Pappenstiel – bis zum Chefarzt gebracht hat.

Ich könnte auch meine zehnjährige Tochter fragen, wie sie den Syrienkonflikt beurteilt und das Ergebnis an 20min.ch weiterleiten: Vielleicht möchte die Zeitung die Lage dort dann hinterfragen aufgrund der Expertise des Primarschulkindes? Ich sehe jedenfalls keinen relevanten Unterschied zum 33-jährigen IT-Mitarbeiter aus dem Kanton Schwyz, dessen Wissen über die Coronasituation sich offenbar in der Lektüre von 20min.ch erschöpft – also inexistent ist.

Der gute Mann darf gerne empört sein. Er darf den Beitrag des Chefarztes in den sozialen Medien auch gerne direkt kommentieren. Aber was tut er stattdessen? Er rennt wie ein Kind, das auf dem Schulplatz umgeschubst wurde, direkt zur Lehrerin (beziehungsweise zu einer Redaktion) und flennt ganz fürchterlich. «Das darf doch ein Chefarzt nicht sagen!» Und es gibt viel Geheule und viel Gerotze, und man gibt ihm ziemlich direkt recht, indem man eine Story daraus macht. Die natürlich keine Story ist, jedenfalls nicht nach gängigen Kriterien.

Ich sage es dem völlig entsetzten «IT-Mitarbeiter aus dem Kanton Schwyz» wirklich ungern, aber hier: Doch, das darf der Chefarzt sagen. Er ist offensichtlich nicht zum Opfer einer überkandidelten Panik geworden und deutet die Lage sachlich. Er hat gute Gründe für seine Beurteilung der Situation. Aber jemand, der in der Angst versinkt – wie der bewusste IT-Mitarbeiter aus dem Kanton Schwyz – kann nun seiner eigenen Paranoia vor einem Millionenpublikum Ausdruck verleihen, weil er als «News-Scout» sofort 20min.ch benachrichtigt hat und man dort halt eben einfach vor gar nichts zurückschreckt, wenn Klicks winken. Im Zweifelsfall publizieren wir es: Das ist der neue Zeitgeist.

Ja, ich finde auch, dass solche Medien dringend über sieben Jahre hinweg staatlich subventioniert werden sollten. Sie haben es sich redlich verdient. Wenn man eine Gewaltsleistung erbringt wie die, völlig ahnungslosen Lesern viel Platz einzuräumen, sollte man dafür belohnt werden.