Ein Merkmal unserer Zeit: Viele Begegnungen im Alltag sind herzerwärmend und verstörend zugleich. Wie dieser Moment in einem Laden in Appenzell. Es ging um Gehorsam – diese neue harte Währung unserer Zeit.

Samstagmorgen. Ich will Frühstück holen für mich und die Kinder. Bevor ich in den Laden gehe, streife ich mir die Maske über. Ja, ich trage in Innenräumen Maske. Ganz einfach, weil mir nach bald zwei Jahren die Energie fehlt für die immer gleichen Debatten und das Verkaufspersonal nicht schuld ist an dem Wahnsinn. Ich bin müde.

Mal drinnen, sehe ich leider nichts mehr. Beschlagene Brille. Übrigens: Diese Putztüechli, die das Beschlagen verhindern sollen, wirken meist drei oder vier Mal, danach nicht mehr. Aber das nur so nebenbei.

Ich schiebe die Maske unter die Nase und sage halb entschuldigend zur Verkäuferin hinter dem Tresen: «Sorry, aber ich sehe sonst rein gar nichts.» Erst da fällt mir auf, dass die Dame gar keine Maske trägt. Sie strahlt mich an und sagt, ich solle sie doch ganz abnehmen. Dann fügt sie an:

«Mir folgid au numi.»

Ich entschuldige mich bei allen echten Innerrhodern, wenn ich das sprachlich falsch wiedergegeben habe, ich wohne erst seit 16 Jahren hier und habe in dieser Zeit kein einziges Wort des wunderbaren Dialekts angenommen. Aber ich denke, man versteht es auch ausserhalb von Appenzell.

«Wir gehorchen auch nicht mehr.»

«Folgen»: Dieses herrliche Schweizer Wort für «gehorchen». Kinder «folgen». Hunde «folgen». Inzwischen «folgen» wir alle. Und die Frau erklärt mir, dass sie das in diesem Laden nun eben nicht mehr tun: «Folgen». Folge leisten, sprich: Gehorchen.

Das war eben einer der Momente, die erfreulich und verstörend zugleich sind. Denn sie lassen einige Rückschlüsse zu. Die Frau hat ganz nebenbei zugegeben, dass sie und die restliche Belegschaft nie daran geglaubt haben, sich oder andere mit dem Stofflumpen zu schützen. Sie haben eben einfach «gefolgt». Wie ich in ausgewählten Situationen übrigens auch. Und wie vermutlich sehr viele Leute da draussen.

Wir haben getan (oder tun noch immer), was man uns aufgetragen hat. Im sicheren Gefühl, dass es barer Unsinn ist. Jeder hat seine Gründe dafür, kein Grund ist schlechter als der andere. Oft ging es wohl nur um Resignation. Oder das Vermeiden von Konfrontation. Ich war mal nahe dran, in einem ansonsten leeren Bahnwagen einen Mitreisenden aus dem Fenster zu werfen (die lassen sich heute ja nicht mal mehr öffnen), weil er mir eine Maskenpredigt hielt. Ich habe ihn aufgefordert, den gesunden Menschenverstand einzusetzen. Er fand, es gehe nicht um gesunden Menschenverstand, sondern um «das Prinzip». Ich bin selten um Worte verlegen, aber ich konnte den Mann nur noch schweigend anstarren. Und eben, wenn man Fenster im Zug öffnen könnte… Das Nervenkostüm wird dünner.

Aber ich hätte jetzt gern eine Studie. Es gibt aktuell so viele Forschungsarbeiten, aber nie solche zu wirklich wichtigen Dingen.

Man sollte endlich der Frage nachgehen, was es mit einer Gesellschaft tut, die zu einem schönen Teil zwei Jahre lang Direktiven folgt, deren Sinnlosigkeit sie bewusst oder unbewusst erkennt. Eine Maske kann man abstreifen, man kann sie auch wegwerfen, aber was passiert auf anderen Ebenen? Vielleicht sogar neurologisch? Was wird in uns über einen so langen Zeitraum programmiert? Sind wir danach offener für die nächste sinnlose Aufforderung? Ist Gehorsam antrainierbar?

«Wir gehorchen auch nicht mehr.» Es war schön, das zu hören. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob das von Dauer ist. Und seit wann es so ist. Ist der «Ungehorsam» einfach die Folge der entspannteren Tonlage aus dem Bundeshaus, eine präventive Handlung im Hinblick auf die versprochenen «Lockerungen»? Seit wann gehorcht das Personal in dem Laden nicht mehr? Seit dem letzten Livestream des Bundesrats? Oder schon länger? Und kann der Gehorsam von früher vielleicht wieder angeknipst werden wie eine Lampe, sobald uns wieder schärfere Töne erreichen?

Aber ja, es hat sich etwas getan. Während ich auf das Bestellte warte, kommen zwei Leute mit FFP2-Masken rein. Ich kann mir nicht helfen, vielleicht hat es ja gute Gründe, dass sie diese tragen, aber für mich wirkt es immer eher wie ein Statement. «Seht her, ich tue sogar noch mehr als das, was man mir befohlen hat, ich bin ein besonders guter Bürger!» Doch selbst dieses Paar nimmt die maskenlose Verkäuferin ohne ein Wort zur Kenntnis, keine Debatte, kein Gekeife, keine Panikattacken vor dem Verkaufstresen.

Furchtbar, wenn man inzwischen schon froh darüber ist, wenn es nicht so weit kommt. Furchtbar, wenn man das Ausscheren aus einem sinnlosen Gehorsam als befreiend wahrnimmt.