Ich habe in 30 Jahren Journalismus einiges getan. Und alles hat mich letztlich weiter gebracht. Dieser Auszug aus meinem Buch «Schreib!» geht auf meine (kurze) Zeit beim «Blick» ein, an die ich durchaus auch gute Erinnerungen habe.

Das anekdotisch-biografische Buch «Schreib!» gibt es nach wie vor zu kaufen für CHF 10 direkt beim Verlag, und ich freue mich sehr über jede Bestellung (und nein, ich werde nicht reich damit bei diesem Preis) – einfach hier lang.

Was folgt, ist ein Auszug aus dem Buch.


Probieren Sie alles aus, aber setzen Sie sich Grenzen.
Meine Zeit beim «Blick».

Ich habe in meinem Leben einige Dinge getan, auf die ich stolz bin. Und natürlich auch das Gegenteil. Ironischerweise war ich meist stolz auf das, was andere Leute als völlig daneben empfanden – und umgekehrt.

1998 ging ich zum «Blick». Das war nach dem Niedergang der damaligen Tageszeitung «Die Ostschweiz» Ende 1997 und einem glücklosen Versuch bei einer neu gegründeten Radionachrichtenagentur, die bald danach pleite ging. Der Schritt zum national bedeutenden Boulevardblatt schien mir logisch. Ich hatte rund sechs Jahre bei lokalen und regionalen Medien verbracht, zwischendurch sogar mit einem Ausflug zum gesprochenen Wort beim damaligen St.Galler «Radio aktuell». Aber ich wollte lieber schreiben. Die Stelle als Ostschweiz-Reporter beim «Blick» konnte mir die nationale Bühne eröffnen. Ich schrieb ja sowieso, war es da nicht verheissungsvoll, dass es mehr Leute zu lesen bekommen, vielleicht sogar einige unter 80-Jährige?

Meinen Schritt fanden viele Leute in meinem Umfeld ziemlich widerlich. Der «Blick» hatte einen miserablen Ruf. Meine Sichtweise war hingegen pragmatisch. Es gab ein ausgewiesenes Bedürfnis nach Blut, Schweiss und Tränen bei der Leserschaft, diese Zeitung deckte es ab. Jedenfalls damals, heute ist der «Blick» ein kreuzbraves, regierungstreues und überaus angepasstes Medium. Ich teilte die Bedenken meiner Umgebung jedenfalls nicht. Ich habe sehr wenige selbst auferlegte moralische Grenzen, für mich war die Hauptsache, eine persönliche Herausforderung vorzufinden. Beim «Blick» war das der Fall.

Ich bereue diese Zeit bis heute nicht. Ich war 26 und fühlte mich im Olymp des Journalismus angekommen, zumindest im Olymp einer bestimmten Nische. Allerdings war ich noch nicht auf die neue Rolle vorbereitet. Ich konnte vielleicht schreiben, davon hatten sich die «Human Resources» bei Ringier überzeugt, aber hatte ich auch das Zeug zum «Blick»-Reporter? Ich wurde deshalb wie allgemein üblich zunächst drei Monate lang in der Zentrale an der Dufourstrasse in Zürich auf den Job eingefuchst. Und was auch immer irgendwelche Schöngeister sagen: Ich hatte es dort mit absoluten Vollprofis mit grosser Erfahrung zu tun, die mich weiterbrachten. Es waren gute Leute, die in keiner Weise den Klischees entsprachen und die sehr viel von ihrem Job verstanden und das auch gerne weitergaben. Ich lernte beispielsweise, wie man eine ganze Geschichte in 30 Zeilen erzählt. Es ist denkbar einfach, sich auf 20’000 Zeichen auszubreiten und damit Eindruck zu schinden. Das, was man weiss, auf wenig Raum zu verdichten, ist die wahre Kunst. Man lernte das damals buchstäblich nur beim «Blick». Später wurden 30-Zeiler im Zug der grassierenden Pendlerzeitungen dann Standard. Wenn auch nicht in einem guten Sinn.

Ich profitierte damals gewissermassen auch von der Gnade der frühen Geburt. Denn das war noch die Zeit, als sich der «Blick» vieles leistete, was heute undenkbar wäre. Zum Beispiel sogenannte «Rewriter». Das waren altgediente Journalisten, aus denen vermutlich auch gute Drehbuchautoren geworden wären. Sie sassen irgendwo an der Dufourstrasse in einer abgedunkelten Ecke und zogen an ihrer Backpfeife, die Füsse auf dem Tisch, bis Arbeit kam.

Man brachte dem «Rewriter» als Reporter die Ergebnisse einer Recherche, er verschwand im Dunkel und brachte später das fertige Ergebnis vorbei: Eine Story, die vom Titel bis zum Schlusspunkt wahres Drama enthielt. Die Informationen waren die, die ich gesammelt hatte, aber das Gesamtwerk war das eines Wortkünstlers, der auf den Punkt wusste, was die Leute lesen wollten und wie es auszusehen hatte.

Zunächst war ich über diese Arbeitsweise leicht verstört: Ich war Journalist, ich wollte das Ding selbst schreiben, und zwar komplett, sonst wäre ich Dokumentalist oder etwas Ähnliches geworden. Irgendwann begriff ich, dass gerade darin die Herausforderung lag. Ich hatte selbst in der Hand, ob ich mich dem System auf ewig auslieferte oder es für mein eigenes Können nutzte. Ich brachte dem «Rewriter» schon bald nicht mehr die Stichworte, sondern die fertige Story, wie ich sie mir vorstellte. Inklusive Titel, inklusive dramaturgischen Wendungen. Wenn die Umarbeitung des erfahrenen Profis am Schluss nahe an meinem Original lag, war ich auf der richtigen Spur. Das klappte nicht immer, aber immer öfter.

Ich habe in dieser Zeit den Unterschied zwischen «berichten» und «eine Story erzählen» verstanden. Ich musste einfach versuchen, das «Rewriting» überflüssig zu machen. Und ich tat das mit Hilfe von Leuten, die ihr Leben lang nichts anderes getan hatten. Es war ein Geschenk. Es ist eine ziemlich süsse Erinnerung in der aktuellen Zeit, wo irgendwelche Praktikanten bei «20 Minuten» eigenverantwortlich Topstorys gestalten, Fallfehler inklusive. Man würde sich eine Armee von «Rewritern» an ihrer Seite wünschen. Andererseits: In einer Zeit, in der Videos von süssen Katzenbabys mehr Klicks generieren als eine satte Story, will man auch gar nicht mehr von ihnen als das.

Nach der Einführung wurde ich in das damalige «Blick»-Büro Ostschweiz an der Metzgergasse, mitten im Stadtzentrum von St.Gallen, geschickt. Heute gibt es viele dieser regionalen Ableger nicht mehr. Zeitungen haben für sich den kostensparenden Zentralismus entdeckt, das Regionale wird mehr und mehr abgebaut – und damit die Nähe zur Leserschaft.

Vor meiner Zeit hatte es sogar zwei Leute gegeben, die die Ostschweiz abdeckten. Das wurde mir bei meinem Einstieg indirekt zum Hindernis, denn meine Vorgänger hatten wechselhafte Geschichten. Einer von ihnen hatte sein Auto in einer Autobahnausfahrt bewusst an einen Baum gesetzt und so sein Leben beendet. Sein Kollege hatte die Anstellung beim «Blick» nach einem Strafverfahren verloren, weil er seiner damaligen Freundin Geld geklaut hatte. In den ersten Wochen gingen die meisten meiner Ansprechpartner davon aus, ich müsse der vorbestrafte Reporter sein, weil der andere ja tot war. Es brauchte einiges an Aufklärungsarbeit, dass ich der «Neue» und in keiner Weise polizeibekannt war, zumal man bei Mitarbeitern des «Blick» ja sowieso immer vom Schlimmsten ausging. Jeder las das Blatt, aber keiner wollte mit ihm und seinen Protagonisten etwas zu tun haben.

Ich fühle mich nicht unbedingt alt, aber wenn ich den damaligen Job mit den heutigen Verhältnissen vergleiche, müssen Jahrhunderte vergangen sein. Die Funktion des Reporters beim «Blick» hat wirklich gar nichts zu tun mit dem, was die aktuelle Generation macht. In den ersten Tagen fernab der Zentrale in Zürich war ich etwas orientierungslos. Ich erhielt von aussen wenige Tipps für gute Storys, es lag nichts auf der Strasse, mit dem ich arbeiten konnte, und ich hatte gleichzeitig das Gefühl, etwas tun zu müssen. Denn bei meinen vorherigen Stationen war ich im permanenten Produktionsmodus gewesen.

In meiner Verzweiflung rief ich nach einigen Tagen Däumchendrehen den damaligen Nachrichtenchef an, der für mich zu einer Art Vertrautem geworden war.  «Lieber Guido, sag mal, ich habe keine Story. Ich weiss eigentlich, was es für eine Story braucht, aber das ist der verdammte ‘Blick’ und kein Lokalblatt, da muss ich mehr liefern. Was genau erwartet man von mir? Was soll ich machen?»

Seine Antwort: «Geh in eine Beiz. Irgendwo in einem Arbeiterquartier. Setz dich hin und trink ein Bier und sprich mit den Leuten.»

Bitte was? Ich wollte einfach nur arbeiten, und seine Antwort war, ich sollte mir einen hinter die Binde kippen? Guido spürte meine Verwunderung und erklärte es mir geduldig. Wir machten hier eine Zeitung für einfache Leute, und wenn ich wissen wollte, was einfache Leute lesen wollen, musste ich ihnen in die Seele schauen. Also in eine Beiz fahren, an den Stammtisch sitzen, ein paar Runden zahlen und die Menschen einfach reden lassen. «Früher oder später wirst du etwas hören, das zu einer Story führt», versicherte mir Guido. Und schliesslich gebe es dafür ja ein Spesenkonto.

Nun bin ich einer Beizentour mit einem guten Bier grundsätzlich nicht abgeneigt, und wenn sie während der bezahlten Arbeitszeit stattfinden soll: Klar doch, warum auch nicht. Ich begann, den neuen Rhythmus zu verinnerlichen. Tagsüber brauste ich quer durch die Ostschweiz und frequentierte Stammtische, jeweils ab 16 Uhr traf ich mich mit Bruno, einem damals gerade unterbeschäftigten Ex-Journalisten, im «Palma», der Bar direkt unter den St.Galler «Blick»-Räumlichkeiten und zapfte seinen Erfahrungsschatz ab. Er deckte mich mit Anekdoten aus seiner glorreichen Vergangenheit ein, die mir selten weiterhalfen, aber lustig waren, und bitte sehr, Guido hatte gesagt, ich solle Bier trinken. Vermutlich war diese Phase meines Lebens meiner Gesundheit nicht unbedingt zuträglich.

Es dauerte wenige Tage, bis ich den ersten kleinen Treffer landete. In einer ziemlich heruntergekommenen Lokalität im Westen der Stadt berichtete mir ein Beizer, dass vor wenigen Tagen ein Mieter tot in der Wohnung direkt darüber gefunden worden war. Wochenlang sei er so da gelegen, kein Mensch habe ihn vermisst. «Es hat echt gestunken, und ich wusste nicht, woher das kommt, dann habe ich eben das Treppenhaus mit Fichtennadelduft eingesprayt.» Die Wirkung habe aber jeweils nicht lange angehalten.

Ich verwurstete den tragischen Fall eines einsamen Mannes, dessen Tod lange unbemerkt geblieben war, in einem kleinen Einspalter und erhielt für die an sich sehr dünne Story viel Lob, weil sie genau das war, was der «Blick» suchte. Es ging um Menschen, um den Tod, um Einsamkeit, um ein Schicksal. Das war das richtige Futter für unsere Leser. Das musste einer, der mit Berichten über Kaninchenzüchter aufgewachsen war, zuerst mal begreifen.

Was ich auch langsam erkannte: «Blick»-Reporter war, zumindest damals, kein Job, sondern eine Lebenseinstellung. Die Story war alles, was auf dem Weg dorthin zu Bruch ging, war bedeutungslos. Dafür, irgendwann dämmerte es mir, war ich zu weich. Ich hatte beispielsweise einen Kollegen, der spezialisiert auf Sex and Crime war und der – damals war das noch technisch möglich – in seinem Auto den Polizeifunk mithörte. Ich weiss nicht, wann der gute Mensch überhaupt je geschlafen hat. Mir schien die Idee sehr belastend, sich rund um die Uhr mit Meldungen über Unfälle und Verbrechen eindecken zu lassen. Aber es zahlte sich aus, er war oft vor der Polizei am Ort des Geschehens.

Zu einem guten Teil verinnerlichte ich in dieser Zeit diesen Lebensstil zumindest teilweise. Ich lernte beispielsweise, dass Beizentouren untertags ihren Preis haben. Man erwartete von mir Dienstbereitschaft 7 mal 24 Stunden. Ich musste immer erreichbar sein. Heute ist die Situation mit all den neuen Newsplattformen und den Videojournalisten der Lokalsender noch viel irrer, aber schon Ende der 90er-Jahre begann die Ära der Leserreporter. Leute, die etwas beobachteten, hielten es nicht mehr für nötig, die Polizei zu alarmieren, sondern holten sich lieber ihre Fünfzigernote Belohnung beim «Blick» ab für den Hinweis auf eine mögliche Story.

Eines Nachts erhielt ich einen Anruf aus der Zentrale in Zürich. In ein Waffengeschäft im Osten der Stadt St.Gallen sei laut einem Anwohner eingebrochen worden. Bei schneller Reaktion winkte allenfalls ein Bild des aktuellen Polizeieinsatzes. Ich brach sofort auf, und es wurde weit mehr als das. Denn als ich dort ankam, betrat ich ein leeres und teilweise leergeräumtes Ladengeschäft. Die Polizei traf erst nach mir ein, und es kostete mich einiges an Überzeugungskraft, den Beamten zu erklären, dass ich keineswegs der Täter war, der aus purem Spass noch ein bisschen am Tatort rumhing. Schliesslich glaubte man mir und liess mich ziehen. Zuvor hatte ich ungestört aufgebrochene Vitrinen fotografieren können.

Solche Geschichten waren problemlos. Ich machte sie sogar gerne. Niemand – ausser der Versicherung – war in diesem Fall zu Schaden gekommen. Eigentlich hätte das noch lange so gehen können. Ich war gut bezahlt und schaffte es diverse Male auf die Titelseite.

Was mich nach nur acht Monaten zum Abgang bewegte, waren die Niederungen des Boulevards, die ich nicht ertrug. Und sie waren tief, sehr tief.

An einem Abend im Jahr 1998 fuhr ich ziellos durch die Stadt St.Gallen auf der Suche nach einem Zufallsfund. Mir kam ein Polizeiwagen entgegen, und aus einem Impuls heraus folgte ich ihm. Die Fahrt führte zu einer Autobahnbrücke im Osten der Stadt, wo bereits eine andere Patrouille an der Arbeit war und eine Stelle sicherte. Ich stieg aus, erklärte, wer ich war und was ich wollte. Auf meine Fragen erhielt ich allerdings keine konkrete Antwort, die Rede war von einem «Unfallgeschehen». Ein Unfall an der Brüstung zur Autobahn, und nichts war zu sehen, kein Auto, keine Menschen? Es kam mir seltsam vor. Ich machte mich wieder vom Acker und fragte am nächsten Tag bei der Kantonspolizei telefonisch nach. Dabei stellte sich heraus, dass der angebliche Unfall der Freitod eines 17-jährigen Mädchens gewesen war. Sie hatte sich von der Autobahnbrüstung gestürzt und war dort von mehreren Fahrzeugen überrollt worden. Es war aus der Sicht eines Boulevardreporters ein «lucky punch», dass ich der Patrouille gefolgt war.

Was danach geschah, war der Tiefpunkt meiner journalistischen Arbeit. Ich halte nicht viel davon, Dinge ungeschehen machen zu wollen. Was passiert ist, ist passiert. An dieser Sache hatte ich aber lange zu beissen. Denn die Nachrichtenlage war zu jenem Zeitpunkt gerade dünn, und in Zürich war man in heller Aufregung über die Sache. Sie hatte alles, was der «Blick» wollte: Schicksal pur. Ich wurde dazu angehalten, mehrere Tage Folgestorys dazu abzuliefern. Wer war das Mädchen, wie sah ihr Leben aus, warum war sie gesprungen?

Letzteres fand ich schnell heraus, indem ich in der Pause bei der Kantonsschule herumhing und Schulkollegen des Mädchens befragte. Schon das war grenzwertig. Die Jugendlichen fanden mich als «Blick»-Reporter, der dieses Schicksal journalistisch ausschlachtete, ziemlich das Letzte, und ich kann es ihnen nicht verübeln. Aber Menschen sind seltsam. Sie sprechen, selbst wenn sie nicht sprechen wollen. Ich bekam, was ich wollte, weil sich die Schüler aus Wut über mich erst recht in Rage redeten.

Ich erfuhr: Es war um Liebeskummer gegangen. Eine banale Herzensstory, die schief gegangen war, hatte ein 17-jähriges Mädchen, das ganze Leben noch vor sich, in den Tod getrieben. Die «Blick»-Zentrale liebte diesen Aspekt und wollte mehr Futter.

Das war kein Zufall, sondern ziemlich berechnend. Jeweils gegen 10 Uhr vormittags trudelten die Zahlen des Kioskverkaufs an der Dufourstrasse ein, und danach wurde definiert, ob eine Story weitergetrieben wird oder nicht. Geht die Zeitung gut weg, ist das ein Indiz dafür, dass die Titelgeschichte zieht. Hier war der Fall klar: St.Gallen, bitte mehr liefern.

In dieser Ausgangslage liegt übrigens – als aufheiternder Zwischenruf – einige Komik. Am 26. Februar 1998 verstarb der Schweizer Schlagersänger und Volksschauspieler Vico Torriani. Das Schweizer Fernsehen, bereits damals ziemlich elitär unterwegs, vermeldete zwar seinen Tod, weigerte sich aber standhaft, dem in eher seichten Gewässern dümpelnden Tessiner Künstler mit der Ausstrahlung seiner Filme ein ehrendes Andenken zu erweisen. Der «Blick» erkannte den Wunsch des einfachen Volks und fuhr eine tagelange Kampagne gegen diesen Entscheid, befeuert durch hervorragende Verkaufszahlen der Zeitung. Es war schnell klar: Die Leute wollten mehr Vico! Also forderten wir das lautstark. Bald danach war das SRF weichgeklopft und sendete Torrianis Lebenswerk einige Tage lang fast rund um die Uhr. An der Redaktionssitzung an der Dufourstrasse begann daraufhin das grosse Wehklagen: Was hatten wir nur getan? Keiner von uns wollte die Filme von Vico Torriani wirklich sehen, aber nun lief buchstäblich nichts anderes mehr in der Glotze.

Aber zurück zum Freitod des Mädchens, das am Kiosk ebenfalls für einen Grossauflauf sorgte. Die Familie des Mädchens wohnte in einem schlichten Haus ausgangs der Stadt St.Gallen Richtung Appenzellerland. Man wollte von mir, dass ich die Eltern befragte. Ich schaffte das nicht, für mich wäre damit eine Grenze überschritten gewesen. Einen Vater oder eine Mutter anrufen, bevor deren Kind überhaupt beerdigt war? Ich log mich von Tag zu Tag bei der Redaktionskonferenz durch und behauptete, es habe niemand meine Anrufe beantwortet oder es sei besetzt gewesen.

«Dann fahr hin und klingle an der Tür», verordnete die Zentralredaktion. Ich fuhr hin, aber nichts in der Welt hätte mich dazu bewegen können, bei den Eltern zu klingeln. Stattdessen klapperte ich die Nachbarn ab. Einer von ihnen, eine Art Hobbybauer, der im Garten einen Esel hielt, war ziemlich zugänglich, jedenfalls, nachdem er kapiert hatte, dass eine Auskunft für ihn einträglich sein könnte. Für eine Hunderternote aus meinem damals noch üppigen Spesenkonto drückte er mir ein Foto in die Hand, dass das Mädchen bei der Pflege des Esels zeigte. Ich fuhr zurück, scannte es ein – das war lange vor der eigentlichen Digitalisierung – und schickte es nach Zürich. Das Bild erschien, mit dem obligaten Balken über der Augenpartie, in der Ausgabe am Tag danach. Niemand, kein Mensch, hatte einen Erkenntnisgewinn von einem unkenntlich gemachten Mädchen, das einen Esel streichelt. Aber die Kioske meldeten Rekordverkäufe. Das Opfer hatte endlich ein Gesicht.

Danach folgte der Adelsschlag. Wolfram Meister, damals «Blick»-Chefredaktor, rief mich in meiner St.Galler Filiale an und lobte mich für den «Superjob», den ich gemacht hatte. Superjob? Ich hatte hundert Franken ausgegeben für ein Bild, das nicht an die Öffentlichkeit gehörte. Nach dem Massstab des Verlags war das ein Erfolg. Ich hingegen fühlte mich nur elend. Und ich atmete auf, als es irgendwann hiess, die Story sei nun «ausgekaut», ich könne mich anderen Dingen zuwenden. Zwischendurch war ich damit beschäftigt, Fäkalien zu entsorgen, die Unbekannte in den Briefkasten meiner Redaktionsräume gelegt hatten.

Bald darauf verliess ich den «Blick». Ich habe bis heute kein Problem damit, dass es Boulevardmedien gibt, und ich bin Realist genug, um zu wissen, dass in einer Marktwirtschaft auch die niedersten Instinkte befriedigt werden sollen. Ich war einfach der falsche Mann dafür. Und inzwischen ist der «Blick» längst nicht mehr die einzige Zeitung, die «Witwen schüttelt», wie der Fachjargon dafür heisst.

Wäre ich länger geblieben, hätte mich vielleicht der pure Zynismus irgendwann auch ergriffen. Wenn man das Jahre tut, ist man sich früher oder später für nichts mehr zu schön. Ich habe beim «Blick» viele Anekdoten gehört, die mir den nackten Schauer einjagten, die mir aber dort als eine Art Trophäe verkauft wurden. Wie beispielsweise ein Unfall auf der Autobahn, bei dem einer meiner Vorgänger in der Ostschweizer Niederlassung als Allererster eintraf. Er hatte es dort zu tun mit einem Auto, das auf dem Dach lag, inklusive verstorbenem Insassen. Leider sieht ein Auto, selbst wenn es mit den Reifen nach oben liegt, so gar nicht nach Trauer und Leid aus. Kurzerhand bugsierte der Reporter den Arm des Unfallopfers aus dem offenen Fahrzeugfenster, bevor er den Auslöser seiner Kamera drückte. Und schon erzählte sein Bild eine ganze Geschichte. Ich hörte staunend zu und wusste zugleich, dass ich niemals so tief sinken wollte.

Für meine Verhältnisse hatte ich ohnehin schon einen Tiefpunkt erreicht. Ich weiss nicht, ob man das im Nachhinein wiedergutmachen kann, aber ich kann zumindest sagen, dass ich es versuchte.

Jahre später war ich an der Olma, dem jährlichen St.Galler Volksfest, das man selten nüchtern verlässt, weil man dauernd Bekannte trifft, mit denen man «nur noch eines» trinken muss. Ich hatte ziemlich geladen, war aber – das bekannte Paradoxon – umso mehr davon überzeugt, noch fahrtüchtig zu sein und setzte mich unvernünftigerweise in mein Auto. Auf dem Heimweg blinkte die Tankanzeige, ein Wunder eigentlich, das mir das überhaupt auffiel, und ich hielt bei einer Tankstelle. Während der Zähler ratterte, wurde mir bewusst, dass exakt auf der anderen Strassenseite das Wohnhaus des Mädchens von damals lag. Ich bekam an Ort und Stelle das heulende Elend, nachdem ich die Sache jahrelang erfolgreich verdrängt hatte. Oder, wenn die Erinnerung aufkam, mich damit entschuldigt hatte, dass ich ja nur meinen Job gemacht hatte.

Ich bezahlte im Shop, fuhr das Auto auf einen der angrenzenden Parkplätze, ging über die Strasse und tat das, was die Zentralredaktion einst von mir gewollt hatte: Ich klingelte endlich an der Haustür. Ein Herr mittleren Alters öffnete. Ich bezweifle, dass ich damals noch zu sehr eloquenten Aussagen in der Lage war, aber offenbar konnte ich halbwegs verständlich ausdrücken, was ich sagen wollte. Der Mann schien zu begreifen, bat mich herein, und wir setzten uns an einen Küchentisch.

Dort tat ich endlich, was ich schon lange hätte tun sollen: Ich entschuldigte mich. Ich erklärte einem Vater, wie leid es mir tat, den Tod seiner Tochter journalistisch ausgeschlachtet zu haben, seine Qualen der ganzen Schweiz als billigen Lesestoff vorgeworfen zu haben, das Andenken an seine tote Tochter für den Verkauf einer Zeitung oder das billige Kompliment des Chefredaktors gestört zu haben.

Der Mann hörte schweigend zu. Schliesslich sagte er: «Ich akzeptiere Ihre Entschuldigung, und was mich betrifft, müssen Sie sich nun nicht mehr schlecht fühlen. Aber seien Sie einfach froh, dass meine Frau heute nicht zuhause ist, sie hätte diese Gnade nicht. Deshalb sollten Sie jetzt gehen, sie kommt bald.»

Ich verabschiedete mich und fuhr nach Hause, erstaunlicherweise unfallfrei. Es regnete in Strömen, und offenbar gab es eine undichte Stelle im Dach unseres Hauses. Im oberen Stock tropfte es beständig auf das Parkett. Ich warf ein Handtuch auf die nasse Stelle und ging ins Bett, und irgendwie schien es mir nur folgerichtig: Ich hatte Jahre zuvor Schleusen geöffnet, die keiner wieder schliessen konnte und die Menschen nachhaltig schädigten, und nun öffneten sich die Schleusen zum Schluss über mir. Nur dass in diesem Fall die Versicherung den Parkettschaden bezahlte und die Sache damit vorbei war. Die Wunden, die ich geschlagen hatte, waren zeitlos.

Ich habe in den 20 Jahren danach noch einige Texte geschrieben, zu denen ich später aus dem einen oder anderen Grund nicht mehr stehen konnte. Ich habe damals aber auch gelernt, eine Grenze zu ziehen. «Witwen schütteln»: Nicht mit mir. Menschen, die einen unfassbaren Verlust zu beklagen hatten, zum Spielball von Schlagzeilen zu machen: Das wollte ich nicht mehr. Ich habe es nie mehr getan. Und ich werde es auch nie wieder tun.