Der erste Tag im Mai ist DER Tag, um die verstaubte Che-Guevara-Fahne aus dem Keller zu holen, auf die Strasse zu gehen und laut brüllend «internationale Solidarität» zu fordern. Trifft man auf dem Weg ein Auto, kann man es abfackeln, und Schaufenster gehören eingeschlagen. Was für ein Spass alle Jahre wieder!

Die Leute, die sich gern über Traditionen in der Schweiz lustig machen, pflegen selbst eine. Die vereinigte Linke feiert den 1. Mai mehr als Weihnachten und Ostern zusammen. Da kann man öffentlich so richtig Flagge zeigen.

Wobei es dieses Jahr natürlich irgendwie doof war, dass der 1. Mai auf einen Sonntag fiel. Deshalb forderten auch einige gewerkschaftliche Stimmen, den 1. Mai umzulegen. Ich weiss nicht genau, wie das gehen soll, aber für Leute, die glauben, dass der Sozialismus die bessere Variante wäre, ist nun wirklich kein Gedanke zu schräg.

So richtig spürbar ist der alljährliche Aufschrei der Linken ja sowieso nur in Zürich. Zu den ehrlich besorgten Leuten, die glauben, das Heil eines Staates liege im Staat selbst und in der Umverteilung von oben nach unten, gesellen sich da auch immer einige Krawallmacher dazu. Echte Jugendliche und Berufsjugendliche, die glauben, das eigene Versagen durch das Einwerfen von Schaufenstern kleiner Gewerbebetriebe übertünchen zu können. Für die Betroffenen bedeutet das viel administrative Arbeit am Tag danach, blechen können die Versicherungen. Aber warum auch nicht: Jeder, der am freien Markt sein Geld verdient, ist der Feind, gut, wenn es ihn trifft.

Natürlich ist es frustrierend, wenn man für eine Ideologie eintritt, die im gesamten Lauf der Geschichte nur Tod und Elend über die Menschen gebracht hat. Verständlich daher, dass dieser Frust irgendwie raus muss. Die Alternative wäre, selbst zu arbeiten und etwas zum allgemeinen Wohlstand beizutragen. Da ist es doch sehr viel bequemer, diesen Wohlstand zum Problem zu erklären.

Der 1. Mai ist eine hübsche Folklore, die uns vor Augen führt, dass es Leute gibt, die etwas tun und andere, die sich lieber darüber beklagen, dass andere etwas tun. Am ganzen Prozedere interessiert den vernünftigen Teil der Bevölkerung längst nur noch, wie hoch der Schaden dieses Jahr ausgefallen ist. Ansonsten nimmt es kaum jemand zur Kenntnis, wenn Sozialromantiker ohne echten Plan durch die Gassen pilgern.

Die Ironie liegt darin, dass Hammer und Sichel an diesem Tag eine kurze Wiederauferstehung feiern. Dass einer von denen, die vermummt durch Zürich spazieren, etwas mit Werkzeug dieser Art anzufangen weiss, ist nicht anzunehmen. Und falls doch, wäre klar: Der Staat muss das Werkzeug gratis zur Verfügung stellen. Was auch sonst.