Zielsicher betrete ich mal wieder schwer vermintes Gelände. Die aktuelle Abtreibungsdebatte, ausgelöst durch Ereignisse in den USA, ist übersät mit Fettnäpfchen, in die man treten kann. Aber wie sagt Volksmund so schön: Ist der Ruf erst ruiniert…

Ich bin kein Abtreibungsgegner. Ich bin überzeugt, dass es Fälle gibt, in denen dieser Eingriff angezeigt ist. Beispielsweise, wenn das Leben der werdenden Mutter gefährdet ist. Was für diesen Schritt qualifiziert und was nicht, ist eine Debatte, die in jeder Kultur geführt werden muss.

Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass man auch leidenschaftlich gegen Abtreibungen einstehen darf, selbst in einem Mass, das ich nicht nachvollziehen kann. Sogenannte «Pro life»-Veranstaltungen mit Gegendemos verhindern zu wollen, ist eine der inzwischen salonfähigen Cancel-Geschichte. Jeder soll sagen dürfen, was er oder sie denkt und das auch zeigen können.

Was in den USA jüngst geschehen ist, wurde von unseren Medien sofort zum Abtreibungsverbot hochstilisiert, was inhaltlich einfach falsch ist. Das Entscheidungsrecht wurde von einem Gericht lediglich zurück ans Volk spediert. Wenn man sich davor fürchtet, lässt das tief blicken. Demokratie ist vielen Leuten offenbar zutiefst suspekt.

Es gibt Abtreibungsbefürworter, die einer anderen Liga als ich spielen. Solche, die das Ganze wie eine Blinddarmoperation behandeln. Die der Meinung sind, dass die Frau, die das wachsende Leben in sich trägt, unter jeder Voraussetzung und mit jeder individuellen Begründung beziehungsweise auch ohne jede Begründung das Recht haben soll, abzutreiben. Auch das ist ein Standpunkt, den man haben darf, und es sollte möglich sein, ihn auszusprechen, ohne niedergekräht zu werden. Ich teile ihn so wenig wie ich die Haltung radikaler Abtreibungsgegner teile, aber ich verstehe mich im Unterschied zu vielen twitternden Zeitgenossen nicht für eine Ein-Mann-Jury, die mal eben allgemein gültige Regeln aufstellen kann.

Aber das dauernde «Mein Körper gehört mir» ist ein verstörendes Element der radikalen Befürworter von Abtreibungen. Zum einen, und darüber wurde schon oft geschrieben, scheint bei denselben Leuten dieses Argument nicht mehr zu gelten, wenn es um die Impfung geht. Ein sehr offensichtlicher Widerspruch, aber eine Eigenheit offensichtlicher Widersprüche ist es ja, dass die Absender sie nicht selbst erkennen.

Dazu kommt ein weiterer Punkt. Klammern wir die Diskussion von Ethikern mal aus, ab welchem Stadium einer Schwangerschaft von werdendem Leben gesprochen werden kann (die sind sich nämlich darüber denkbar uneins), lassen wir den zeitlichen Aspekt aus, stellen wir einfach nüchtern fest, dass mit der erfolgreichen Befruchtung einer Eizelle ein Prozess eingeleitet wird, der – wenn alles gut läuft – den Anfang eines neuen Lebens darstellt. Ein Leben, zu dem unter anderem ein Körper gehört. Fötus, Embryo, Baby, egal: Es ist der erste Schritt, die Grundlage. Was da geschieht, läuft auf die Entstehung eines Körpers hinaus, der alles andere als identisch ist mit demjenigen der «Trägerin» – es ist ein eigener.

In diesem Sinn kann man sich natürlich fragen, wie viel Sinn die Aussage «Mein Körper gehört mir» macht, wenn es um die Entscheidung geht, die Entstehung eines weiteren Körpers – eines völlig neuen Individuums – zu verhindern. Natürlich gehört jedem Menschen sein Körper selbst, da bin ich der eifrigste Vorreiter. Nur haben wir es hier nicht nur mit dem eigenen Körper zu tun. Ob man das nun toll findet oder nicht.

Ich bin weit entfernt von irgendwelchen religiösen Kreisen, die mit der Bibel in der Hand gegen Abtreibungen wettern. Ich bin Agnostiker und gehöre keiner Kirche an. Ich halte auch jedes Argument in politischen Debatten, das sich auf eine Jahrtausende alte Legendensammlung abstützt, für eher seltsam und wenig zielführend. Wobei auch hier wie immer für mich gilt: Kann man machen, wenn man will, ich kann dem einfach nicht folgen.

Aber man muss gar nicht religiös argumentieren. Ich bin ein schlichter Anhänger des gesunden Menschenverstands, und der tut sich mit «Mein Körper gehört mir» in diesem spezifischen Zusammenhang einfach schwer. Weil es, Verzeihung, wenn ich mich wiederhole, in dieser Gleichung einen zweiten Körper gibt, über den entschieden wird – und der niemandem «gehört».

Die Debatte ist ungeheuer emotional aufgeladen, und gerade dann ist es wichtig, sich ganz simple Fragen zu stellen und zu versuchen, sie nüchtern zu beantworten. Am Zeugungsprozess sind im Regelfall zwei Menschen beteiligt, das Kind entsteht in einem der beiden Körper (aus meiner Sicht in dem der Frau, weil sie die Gebärmutter hat, aber auch das ist ja inzwischen ein Minenfeld). Ein dritter Körper ist der des Kindes, ausser natürlich, man nimmt ihn bis zur Geburt nicht als Körper wahr, sondern als aus Zellmaterial bestehender Manövriermasse. Was mir persönlich zu weit geht.

Ich denke nicht, dass ich jemals wieder auf dieses Thema zurückkomme, ich möchte es dabei belassen. Nicht weil ich den Sturm fürchte, der auf mich zukommen könnte. Der besteht ohnehin nur aus kreativen Verdrehungen meiner Worte und Argumente und hat nichts mit dem zu tun, was ich wirklich geschrieben habe, daher lässt mich das ziemlich kalt.

Aber das Balancieren zwischen Radikalen beider Seiten und der Versuch, einen Schuss Vernunft in die Debatte zu bringen, ist denkbar anstrengend und vermutlich auch fruchtlos. Deshalb belasse ich es bei diesem Diskussionsbeitrag – im sicheren Wissen, dass die meisten Beteiligten gar nicht diskutieren wollen.