Es ist zum Trend geworden, sein Unverständnis gegenüber Ungeimpften auszudrücken. Das klingt so herrlich abgebrüht und ultimativ. Nur: Wieso soll es eigentlich so toll sein, kein Verständnis empfinden zu können? Seit wann ist der Verlust von Empathie ein guter Charakterzug?

Anne Lévy, Direktorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG), sagt im «Blick»: «Ich habe kein Verständnis für Ungeimpfte.» Sie sagt nicht: «Ich kann die Beweggründe von Ungeimpften persönlich nicht nachvollziehen, weil ich selbst anders denke, aber ich versuche es» oder etwas in der Art. Sie sagt es deutsch und deutlich: «Ich habe kein Verständnis für Ungeimpfte.»

Die Aussage ist kein Zufall. Der «Blick» orchestriert seine Coronakampagne sorgfältig, und beim BAG finanzieren wir Steuerzahler vermutlich ein halbes Dutzend Personen, die Interviews der Chefin überprüfen. Es war ein gezielter Schuss, kein Flüchtigkeitsfehler.

Frau Lévy hat kein Verständnis, wie sie sagt. Ich sage dazu: Frau Lévy hat offenbar ein Problem. Sie ist nicht in der Lage, sich in andere Menschen zu versetzen, deren Zweifel und Ängste nachzuvollziehen. Sie hat ein Empathieproblem. Oder besser gesagt: Ihr fehlt Empathie.

Ich bin selbst auch kein König der Empathie. Ich schaffe es auch nicht immer, nachzuvollziehen, was hinter der Stirn eines anderen Menschen vorgeht. Ich reagiere viel zu oft mit Unverständnis auf Dinge, die nicht meinen eigenen Mechanismen entsprechen. Aber ich bin auch nicht Direktor des BAG. Ich führe nicht die Behörde, die für die Volksgesundheit zuständig ist. Ich stehe nicht einem Verwaltungsapparat vor, der sich dem Wohlergehen der gesamten Gesellschaft, unabhängig von Ideologie und Einstellung, verschrieben hat.

Ausserdem gibt es im bewussten Interview auch einige sachliche Aussagen, die zweifeln lassen an der Kompetenz der Direktorin. Sie kolportiert die Story, wonach auf den Intensivstationen «fast nur Ungeimpfte» liegen, während wohlbekannt ist, wie kreativ dort gezählt wird. Es gibt unter anderem Geimpfte, die einfach grosszügig aus der Statistik ferngehalten werden, es gibt Leute, deren Status – wieso auch immer – «unbekannt» ist und die dann einfach den Ungeimpften zugeschlagen wird.

Heute habe ich ein E-Mail einer Dame erhalten, die in einer Institution arbeitet, die gerade mit einem Coronaausbruch kämpft. Der Löwenanteil der Betroffenen ist geimpft. Da es sich um alte und oft geschwächte Menschen handelt, wäre es ein kleines Wunder, wenn sie nicht im Spital oder auf der Intensivstation landen. Die Zahlen werden das aber wundersamerweise nicht reflektieren, so dass Anne Lévy und Co. weiter von «fast nur Ungeimpften» fabulieren können. Die Praxis spricht eine andere Sprache als die geschönten Statistiken. Wobei sogar die, wenn man sie richtig liest, einen Teil der Wahrheit enthüllen. Vielleicht liest die Direktorin die Statistiken ihres eigenen Bundesamts nicht.

Aber zurück zur Empathie.

Eigentlich müsste ich hier ja keine kostenlose Entwicklungshilfe für Leute leisten, deren Mission ich nicht teile, aber ich habe meinen netten Tag. Deshalb tue ich es hier.

Das BAG mit Frau Lévy an der Spitze hätte gern möglichst viele Geimpfte in der Schweiz. Wenn das das erklärte Ziel ist, führt der Weg dorthin über Verständnis, also die Charaktereigenschaft, die Lévy beim besten Willen und selbstdeklariert nicht aufbringt. Wenn ich jemanden von etwas überzeugen will, muss ich verstehen, was ihn daran hindert, es zu tun. Erst das bringt mich in die Position, so zu verhandeln, dass ich an mein Ziel komme, ohne dass sich der andere überfahren fühlt. Jemanden für dämlich oder unsolidarisch zu halten und das zumindest indirekt auch zum Ausdruck zu bringen, führt zum Gegenteil.

Wenn es die BAG-Direktorin nicht schafft, zu verstehen, warum sich nach wie vor viele Leute nicht impfen lassen, hat sie keine Instrumente, um sie eines «Besseren» zu belehren. Sie kann nur predigen. Oder dereinst vermutlich befehlen. Aber nicht überzeugen. Überzeugungsarbeit setzt Verständnis für die andere Seite voraus.

Das weiss jeder, der schon mal Verhandlungen geführt hat. Wenn ich nicht weiss, was mein Gegenüber antreibt, was er letztlich will, kann ich nur auf meinem eigenen Standpunkt beharren und nicht auf den anderen eingehen. Das gilt für einen unternehmerischen Deal genau so wie für die Debatte mit dem Kind, das sich die Zähne nicht putzen will. Das ist das kleine Einmaleins der Kommunikation, und die hochdekorierte Direktorin hat es nicht drauf. Sie hat kein Verständnis, Punkt. Damit ist sie am Ende der Weisheit angelangt. Wenn sie jemals welche hatte.

Vermutlich spielt das keine Rolle, weil der zunehmende Druck auf Ungeimpfte die Überzeugungsarbeit ersetzen soll. Die war ja denkbar unproduktiv. Nicht mal Stress und Baschi konnten den Widerspenstigen mit ihrem Beat und ihren Bässen Vernunft einpauken. Nun soll es der indirekte Zwang richten. Und deshalb ist der Moment reif für Leute wie Anne Lévy, von den Argumenten abzurücken und einfach zu erklären: «Ich habe kein Verständnis.» Man kann das Fehlen eines so wichtigen Charakterzugs also bequem einräumen, weil die Mission ja bestens läuft. Mehr noch, bei einer Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizern kommt es vermutlich sogar gut an, Unverständnis – also die Unfähigkeit zur Empathie – zuzugeben. Es klingt so schön entschlossen und kämpferisch.

Aber unterm Strich ist es einfach nur furchtbar, wenn eine fürstlich bezahlte Staatsangestellte, genährt von unseren Steuergeldern, einem Drittel der Bevölkerung mitteilt, sie habe kein Verständnis für sie. Es ist furchtbar – für die Absenderin. Wir Ungeimpfte können gut damit leben, dass Frau Lévy uns nicht versteht. Sie selbst hingegen muss zur Kenntnis nehmen, dass ihr eine Schlüsselkompetenz des gesellschaftlichen Zusammenlebens fehlt.

(Bild: Wikimedia)