Man muss sich im Leben entscheiden, ob man etwas schweigend mitträgt oder laut wird. Generell oder fallweise. Viele glauben, das Schweigen sei der einfachere Weg. Aber ist das wirklich so? Auf lange Sicht? Und was tut das Schweigen mit einem?

Es ist nicht besonders lustig im Jahr 2021, ein Journalist zu sein, der die Massnahmen gegen das Coronavirus für unverhältnismässig, falsch und sinnlos hält. Es ist nicht lustig, weil man ziemlich alleine ist damit. Ich kann mich an kein gesellschaftlich oder politisch relevantes Thema erinnern, bei dem sich die Medien so einig waren wie in diesem Fall. Nicht selten übernahm die eine oder andere Zeitung sogar aus Prinzip die Gegenthese, nur weil die verhasste Konkurrenz eine andere Position hatte. Nun hat man das Gefühl, jeden Montag um 9 Uhr tanzen die Verleger und Chefredaktoren aller grossen Verlage bei Bundesrat Berset im Büro an und nehmen die Direktiven für die anstehende Woche entgegen.

Es ist nicht lustig, aber es ist nötig. Unsere Zeitung «Die Ostschweiz» hat ihre Besucherzahlen innerhalb eines Jahres verzehnfacht. Nicht, weil wir irgendwelche markigen Verschwörungstheorien verbreiten, sondern einfach, weil wir den Leuten eine Stimme geben, die überall sonst ausgesperrt werden. Das reicht im Jahr 2021 bereits, um eine Sonderstellung einzunehmen und im Monat September voraussichtlich gegen 1,5 Millionen einzelne Leser anzuziehen. Was genau würden diese Leute machen, wenn der Einheitsbrei komplett wäre? Wer wäre ihr Sprachrohr?

Die treue Gefolgschaft des Bundesrats würde wohl sagen: Diese Leute brauchen kein Sprachrohr. Es sind alles Schwurbler oder Rechtsextreme oder Esoteriker oder Wutbürger oder alles zusammen. Denen muss man keine Stimme geben. Wenn es sich das Schweizer Fernsehen erlaubt, in einer Diskussionssendung (!) wie dem «Club» Massnahmenkritiker einzuladen, kommen Fleisch gewordene Witzfiguren wie Knackeboul (nein, Sie müssen ihn nicht zwingend kennen) sofort zum Schluss, dass das völlig falsch sei. Gar nicht erst zu Wort kommen lassen: Das ist die neue Debattenkultur in der Schweiz. Einst ging es um die Frage, wer das beste Argument hat. Nun will man gar nicht erst Gegenargumente hören, am liebsten würde man sie wohl unter Strafe stellen.

Wir sind stolz darauf, eine direkte Demokratie zu sein. Eine solche lebt von möglichst vielfältigen Informationen und der aktiven Auseinandersetzung über diese. Es gibt den englischen Begriff «informed decision». Er besagt sehr…