Ein «Tagi»-Redaktor hat für kurze Zeit um seine erst gerade gewonnene Bedeutung gebangt. Doch dann nahte die Rettung in Form der Affenpocken. Marc Brupbacher hat ein neues Trömmeli erhalten, auf dem er seinen Lesern Panik einpauken kann. Die Show geht weiter.

Im Jahr 2022 ist man ja bekanntlich nicht einfach Journalist, wenn man bei einer Zeitung arbeitet. Es braucht da schon einen etwas beeindruckenderen Titel. Wie beispielsweise «Co-Leiter des Ressorts Daten & Interaktiv». Diese Rolle hat bei Tamedia, Herausgeberin des «Tages-Anzeigers», Marc Brupbacher. Als Herr der Daten hatte er während Corona alle Hände voll zu tun und hat das auch weidlich genutzt.

Viele seiner Artikel aus dieser Zeit sahen aus wie Bewerbungsschreiben für die wissenschaftliche Task Force. Ohne auch je nur den geringsten Zweifel zu hegen, stürzte sich Brupbacher auf jede Zahl, jedes Szenario, jedes Modell, jede Studie und jedes blosse Gerücht, das dazu dienen konnte, die Gefahr durch Corona möglichst dramatisch zu schildern.

Nachdem sich die Spitäler geleert haben und die Schutzmassnahmen weg sind und auch kaum mehr ein Medium Fallzahlen publiziert, dürfte der Mann in eine schwere Sinnkrise geraten sein. Das grausame Schicksal hat ihm das Rampenlicht gestohlen, von dem sich der zuvor weitgehend unbekannte Medienschaffende so lange beleuchten lassen konnte.

Aber dann kam wie ein Geschenk des Himmels dieses neue Virus: Die Affenpocken! Eigentlich in Afrika zuhause, wüten sie nun auch in Nordamerika und Europa. Deutschland beispielsweise verzeichnet vier bestätigte Fälle (bei 83 Millionen Einwohnern). In der Schweiz soll es auch irgendeinen Fall geben. Wie wir seit Corona wissen, dauert es von einer Handvoll Betroffenen bis zum staatlich verordneten Durchdrehen nicht sehr lange.

Aber nun, herrje, mögen die meisten staatlichen Organe für einmal (noch) nicht so recht auf den Zug aufspringen. Ebenso wenig die Medizinergilde, die Entwarnung gibt und vor zu grosser Sorge warnt. Ganz neue Töne: Da kursiert ein Virus, und wir sollen einfach locker bleiben statt WC-Papier zu kaufen?

Marc Brupbacher findet das nicht lustig, wie er auf Twitter bekannt gab:

Ja, wirklich unfassbar. Da könnte jeder Zehnte sterben, noch mehr als bei Corona, und unsere Behörden sind noch nicht in Schnappatmung gefallen? Immerhin ist Brupbacher auf Daten spezialisiert, er muss es also wissen. Seine Zahlen sind zweifellos korrekt!

Die lieben Daten: Mit denen gibt es ein kleines Problem. Es reicht eben nicht, Zahlen zusammenzutragen. Man muss sie auch interpretieren können.

Die Affenpocken waren bisher ein auf Afrika beschränktes Problem. Die Gesundheitsversorgung auf dem Kontinent ist über alles gesehen bescheiden, um es freundlich auszudrücken. In vielen Ländern ist es auch nicht gut bestellt um die Hygienemöglichkeiten. Medikamente, Impfungen: Mangelware. Interesse des Rests der Welt daran: Noch viel mehr Mangelware. Mit anderen Worten: Ja, ein Virus, das in bestimmten Fällen und bei Nichtbehandlung zu einer schweren Erkrankung führen kann, hat in Afrika schnell mal massive Auswirkungen inklusive Todesfolge.

Brupbacher bezieht sich bei seiner Sterblichkeitsrate bis zu 10 Prozent natürlich auf Afrika, worauf denn sonst? Die Affenpocken haben weder in Nordamerika noch Europa eine Vorgeschichte. Nun nimmt er diese Zahlen und legt sie auf uns um. Auf eine mit bester Gesundheitsversorgung ausgestattete Weltregion. Nebenbei erwähnt er zwar die «guten Gesundheitssysteme», bei denen die Sterblichkeitsrate unter einem Prozent liege. Aber sein Fokus liegt auf den bis zu 10 Prozent, sonst hätte er seinen aufgeregten Warnruf nicht damit eingeführt. Und was sind diese «unter 1 Prozent» eigentlich genau? 0,5? 0,05? 0,000001?

Die Wahrheit ist: Die Affenpocken führen laut Ärzten in den allermeisten Fällen zu einem milden Verlauf. Ausnahmen gibt es immer, es gibt sie auch bei der ganz banalen Grippe. Diese sind bei uns aber gut behandelbar. Wer das Thema nun in dieser Aufregung bespielt, beweist damit nur eines: Er fürchtet, ohne Corona nicht mehr so viele Zeilen in seiner Zeitung zu erhalten. Er braucht dringend eine neue Gefahr.

Dass damit die Bevölkerung einmal mehr völlig unverhältnismässig in Angst und Schrecken versetzt werden könnte, muss den Tagi-Redaktor nicht weiter kümmern. Hat es ihn schliesslich die letzten zwei Jahre auch nicht.

Aber geben wir ihm doch noch einmal das Wort, weil es so schön war: