Es ist für mich persönlich eine der grössten Kuriositäten der Coronasituation: Dass ausgerechnet Linke Mechanismen wie faktischem Impfzwang und wachsender staatlicher Überwachung so unkritisch gegenüberstehen. Da werden einige linke Kernthemen ins Visier genommen, aber letztlich siegt offenbar doch der Wunsch nach dem starken Staat. Aber immerhin nicht mehr bei allen.

Es gibt ja Linke, Linke und Linke. Und vermutlich noch Linke. Unter dem Begriff lässt sich einiges verorten, vom altlinken Vorkriegsmodell über den glühenden Jungsozialisten bis zur Antifa, die sich, wenn man sie dazu prügelt, irgendeine Ideologie zu wählen, wohl auch links einordnen würde. Wo soll man auch sonst stehen, wenn man das Leben dem Kampf gegen Rechts widmet?

Die Gruppen haben bei allen Gemeinsamkeiten auch ihre Unterschiede. Wobei das früher noch ausgeprägter war. Ich habe in meiner Jugend altgediente Gewerkschafter kennengelernt, die ihr Leben lang bei der SP waren, tendenziell aber fremden- und frauenfeindlich waren, gewissermassen Opfer ihrer Generation. Patriarchismus meets Sozialismus. So jemand würde heute bei der SP gevierteilt, bevor er einen Satz beenden kann. Auch heute ist links nicht immer gleich links. Was hat ein SP-Regierungsrat in einem tendenziell bürgerlich-konservativen Kanton denn schon gemeinsam mit einem Reitschule-Steinewerfer?

Aber angesichts der Gemeinsamkeiten, die es dennoch gibt, ist es erstaunlich, wie viele Linke sich gegen die Volksbewegung für Verfassung und Grundrechte sträuben. Wobei diese Einheit, glücklicherweise, nun bröckelt.

Es war von Anfang an so: Linke Parlamentarier stützten ihren Bundesrat Alain Berset und dessen Coronapolitik. Realpolitisch verständlich, man fällt nicht seinem Regierungsvertreter ohne Not in den Rücken. Aber für solche Fälle gibt es ja die Juso, die gerne aus Prinzip auch gegen die eigenen Alten an der Macht wettern, es gibt linke Bewegungen, die mit der SP die Ideologie teilen, aber nicht die Methoden. Wenigstens von dort hätte ja was kommen können gegen die Machtballung, die sich der Bundesrat zuschanzen liess. Alle, die irgendwie ein bisschen Punk im Blut haben, können doch nicht ernsthaft für Maskenzwang und Zertifikatspflicht weibeln? Für einen Staat, der das Leben einengt? Da müsste Protest kommen.

Was kam stattdessen? Protest gegen den Protest. Gegendemonstrationen bei Kundgebungen gegen die Coronamassnahmen. Leute, die sich als rebellisch und aufrührerisch sehen, stützen dem Staat die Flanken und regen sich auf über Widerstand gegen staatli…