Am Schluss entscheidet eben doch, wie ich seit langem gerne prophezeie, die Übertreibung. Wenn Zeitungen ganz offensichtlich die Grenzen des Zumutbaren überschreiten, merken es selbst ihre treuen Leser. Das aktuelle Beispiel: Das «St.Galler Tagblatt» und seine Impfwerbung – in einem Interview mit dem Verkäufer der Impfung. Die Hemmungen fallen.

Wen sollte man fragen, wenn man als Journalist wissen will, wie gesund Schokolade ist? – Am besten natürlich einen Schokolade-Produzenten.

Wenn es um die Energiebilanz von E-Autos geht, wo bekommt man eine garantiert objektive, unabhängige Auskunft? – Natürlich beim Hersteller von E-Autos.

Welches ist der beste Fussballclub des Landes? – Eine verlässliche Antwort bekommen wir sicher vom Präsidenten eines bestimmten Clubs.

Klingt für Sie nicht ganz schlüssig? Diese Leute könnten allenfalls voreingenommen sein? Es sind die falschen Ansprechpartner? Man hätte jemand anderen fragen müssen?

Wirklich?

Ach. Warum denn immer dieses Misstrauen? Das «St.Galler Tagblatt», in Tateinheit mit den anderen Blättern des Verlags CH Media, sieht das ganz anders. Dort macht man gern den Bock zum Gärtner.

Zum Beispiel, wenn es um die Impfung gegen Covid-19 geht.

Die Story ist zu schön, um wahr zu sein, und dennoch ist sie wahr. Ich liebe Storys, die man nur nacherzählen muss, ohne jede Dramatisierung, ohne jede Zuspitzung, um dennoch Kopfschütteln zu garnieren. So wird einem die Arbeit abgenommen.

Und hier ist sie, diese Story:

Moderna bringt – erneut – einen garantierten Matchwinner an den Start: Eine Auffrischimpfung, die den neuen Varianten des Virus zu 90 Prozent den Garaus macht, wie man sich von der diensteifrigen Behörde Swissmedic bestätigen liess. Die Schweiz hat die Marktzulassung erteilt, der Booster darf also verkauft werden, nun müssen die Abnehmer nur noch zuschlagen. Leute, die sich bereits drei Mal haben impfen lassen und derzeit mit Corona im Bett liegen, dürfen neue Hoffnung fassen: Jetzt aber – endlich! – das garantiert wirksame Gegenmittel. Freude herrscht!

Wenn es nun um die Frage geht, ob man zuschlagen soll, ob der Booster wirksam ist, ob er das tut, was er verspricht: Wen fragt man dann am besten, um eine garantiert völlig unvoreingenommene Antwort zu erhalten, die dem Konsumenten gerecht wird?

Für CH Media keine Frage. Man fragt natürlich Cesar Sanz Rodriguez, seines Zeichens der Vizepräsident für medizinische Angelegenheiten bei Moderna für Europa. Und dieser Mann ist im Interview – Achtung, Überraschung! – «absolut überzeugt, dass es die angepasste Impfung brauchen wird».

Nein, wirklich? Der Verkäufer eines Produkts findet, dass sein Produkt gebraucht wird? Das haben wir so nicht erwartet. Wir dachten, er werde uns gleich erklären, wie überflüssig die neueste Schöpfung seiner Firma ist!

Wer sich das ganze Interview geben will, kann das hier tun. Gnädigerweise ist es hinter einer Bezahlschranke, also nur für Abonnenten abrufbar. Aber keine Bange, man findet dieselben Informationen in leicht verändertem Wortlaut sicher auch auf der Webseite von Moderna.

Egal, wo man es liest: Es ist einfach PR vom Feinsten. Und nicht mal verschleiert. Präsentiert von einer Zeitung, für die man über 500 Franken pro Jahr bezahlt, um sie lesen zu dürfen.

Nein, ich glaube nicht, dass die Blätter der CH Media dafür Geld erhalten haben. Die tun das sogar kostenlos. Der einzige Preis, den die Autoren bezahlen: Sie können am nächsten Tag nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn sie halbwegs Ehrgefühl haben.

Stellen wir uns für einen Moment vor, das «Tagblatt» und Konsorten würde der Frage nachgehen, wo man seine täglichen Einkäufe machen soll. Welches der beste Laden dafür ist. Das Interview zur Lösung der Frage wird mit dem Marketingchef eines bestimmten Grossverteilers geführt. Migros, Coop, Aldi, Lidl, egal: Einfach mit jemandem, dessen Lohn davon abhängt, seinen Arbeitgeber anzupreisen.

Hätte irgendein normal intelligenter Leser da auch nur eine Sekunde lang den Eindruck, er erhalte einen unabhängigen Ratschlag? Würde er dem glauben, was er da liest? Hätte er das Gefühl, objektiv beraten zu werden zu seinen eigenen Gunsten?

Kaum. Aber bei der Impfung mutet man uns das zu. Eine Zeitung, die das tut, könnte genau so gut eine Plakatkampagne starten, bei der im Überformat an den besten Standorten in grossen Lettern steht:

«Unsere Leser sind doof, und wir wissen das, ätsch!»

Aber das sind sie nicht. Die Leser sind nicht doof. Jedenfalls zusehends weniger. Das bewusste Interview hat für die Verhältnisse von CH Media nämlich relativ viele Kommentare generiert.

Hier eine kleine Auslese der Reaktionen, unredigiert und unkorrigiert:

  • Solche Interviews mit dem Hersteller von Impfstoffen kommt unglaubwürdig rüber und kann genau das Gegenteil bewirken als erhofft. 
  • Mit diesem Beitrag leistet sich die AZ wohl einen der groteskeren und provokativeren Art von Schildbürgerstreich. Es wäre schon lange begrüssenswert, wenn die Medien eine etwas kritischere und differenziertere Haltung zum Thema Corona einnehmen würden.
  • Man könnte doch auch mal den Hauptaktionär einer Spirituosenfirma fragen, ob er Alkoholkonsum für schädlich hält.
  • Was hat Moderna für dieses Interview bezahlt? Grotesk, den Verkäufer zu befragen! 
  • Ein Artikel für den runden Ordner. Null Informationsgehalt, rein auf das Geschäft ausgerichtet. Es gibt auch ganz andere Studien und Meinungen zur Immunität. Wer schreibt einmal davon in den Mainstreammendien?
  • Schade fragt man nicht andere Stimmen als einen Experten von Moderna. Ist doch klar dass er die Impfung befürwortet
  • Logisch, da steht ja viel Geld auf dem Spiel! Und dann alle Paar Monate eine Impfung.
  • Ist doch klar, dass dieser Experte von Moderna sagt, dass es noch einen Booster braucht. Schliesslich spült dieser Booster Millionen oder gar Milliarden in die Kassen von Moderna, worauf die Aktionäre und CEOs natürlich gierig warten.

Ach, für einmal bin ich stolz auf unsere Medienkonsumenten. Sie erkennen glasklar, wie absurd das Ganze ist. Und sie teilen das ihrer Zeitung mit.

Ob es etwas nützt? Das dürfen Sie mich nicht fragen, ich bin inzwischen Berufspessimist. Völlig unverhohlen wird heutzutage das völlig Undenkbare getan. Und sicher auch weiterhin. Die Schamgrenze liegt so tief, dass man über sie hinweg kriechen kann, ohne sich die Knie zu stossen.

Und weil es ein langer Text war, hier noch einmal die Kürzestfassung:

Die Zeitungen von CH Media fragen einen Chefverkäufer von Moderna, ob es die Produkte von Moderna wirklich braucht. (Keine Pointe)

Kann man machen. Warum auch nicht? Heute ist einfach alles möglich. Und man darf es für über 500 Franken pro Jahr kaufen, wenn man möchte.

Und in eigener Sache: Dieser Blog hier kostet ab CHF 48 Franken pro Jahr. Mit etwas gutem Willen dürfen Sie mehr bezahlen für dasselbe – wenn Sie wollen. Und Sie werden mit Garantie nie ein Interview zu lesen bekommen, in dem der Chefverkäufer eines Impfstoffs erklärt, wie dringend der Impfstoff ist. Mehr dazu hier – vielen Dank.