Das erste Kapitel des Fortsetzungsromans «Bundesrat Zeller». Fortsetzung folgt jede Woche. Der Einstieg ist kostenfrei erhältlich, die weiteren Teile sind nur für Abonnenten zugänglich.

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Bundesrat Zeller. Ein Fortsetzungsroman. Erster Teil.

Diese verdammte Fasnacht. Dieser verdammte Alkohol.

Aber ja, Verzeihung: Von Anfang an bitte.

In aller Regel ist eine besoffene Nacht gegen Mitte des nächsten Tags ausgestanden. Mit zunehmendem Alter dauert es vielleicht ein paar Stunden mehr. Aber irgendwann verflüchtigt sich der Kater. Die Entgiftung setzt ein, der Körper findet zur Normalform. Das ist der perfekte Zeitpunkt, um allmählich wieder etwas nachzuschütten. Denn die Normalform erträgt niemand auf Dauer.

In diesem Fall war es allerdings ein bleibender Kater. Weit mehr als über den nächsten Tag hinaus. Weil Lukas Zeller im Suff etwas wirklich Dummes getan hatte. Mit Nachwirkungen, die weit störender waren als ein brummender Schädel oder eine leichte Nachdepression.

Erstaunlicherweise war seine Erinnerung an die Ereignisse dieses Abends ziemlich makellos. Zeller wusste, was er getrunken hatte, in welcher Beiz er seine Biere gekippt hatte, wie die Bedienung ausgesehen hatte, wann er einen Barstuhl quer durch die Lokalität geworfen hatte. Das alles hatte er ziemlich bildlich vor Augen. Und das alles war nicht weiter schlimm, das war sein übliches Wochenendprogramm.

Das eigentliche Problem war die Wette, die er an diesem Abend abgeschlossen hatte.

«Die da oben machen sowieso, was sie wollen.» Es war Zellers Standardsatz, wenn er am Stammtisch über Politiker wetterte, und er hatte ihn auch an diesem Abend in die Runde geworfen. Nur dass dieses Mal dieser unsägliche Adrian Boschung dort gesessen hatte, der den Ball sofort aufnahm.

«Dann ändere doch was. Sei einer von ‘denen da oben’. Kandidier doch einfach. Kann in unserem wunderschönen Land ja jeder tun, der will!»

Zeller hätte natürlich erkennen können, dass es sich um eine gezielte Provokation handelte und sie mit Nichtbeachtung strafen. Nur tragen diverse Promille nicht unbedingt dazu bei, gezielt zu handeln.

Boschung hatte ihn getriggert. Er musste reagieren.

«Weisst du was? Vielleicht mache ich genau das. Im Herbst sind Wahlen. Vote Zeller! Make Switzerland great again!»

Die Runde brach in Gelächter aus, während die Bedienung den Jassteppich wechselte, weil Peter Rust, der schon stark angeheitert aufgetaucht war, zum vierten Mal sein Bier darauf verschüttet hatte.

Zeller mochte es nicht, ausgelacht zu werden. Ein Kindheitstrauma vermutlich. Damals nannte man das noch nicht Mobbing, damals rannten noch keine Schulsozialarbeiter los, wenn das 150-Kilo-Kind «fett» genannt wurde, aber nach heutigen Massstäben wäre er ohne Zweifel als Mobbingopfer durchgegangen, und er ertrug es ganz schlecht, wenn er in der Öffentlichkeit lächerlich gemacht wurde.

Auch am Tag danach erinnerte er sich noch sehr genau an seine Antwort.

«Gut, ich kandidiere. Abgemacht. Die Wette gilt. Ich tue es. Wenn ich den nächsten Stich nicht mache.»

Es war eine denkbar doofe Wette. Der Gegner hatte Trumpf angesagt, Zeller hatte nur bedeutungslose Karten in der Hand, und die Chance, den nächsten Stich zu machen war in etwa so hoch wie ein Sieg der Schweizer Nationalmannschaft im Final der nächsten Fussball-WM. Und genau so war es dann auch. Das Schilten-Nell tauchte beim Partner zu der Linken auf, Zeller parierte eher hilflos mit einer Rosen-Sechs. So ein bisschen Brasilien gegen Monaco eben, um in der Fussballersprache zu bleiben.

Zeller hatte jedenfalls keinen Stich, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Wette verloren.

«Päng! Zeller kandidert für den Nationalrat!» Adrian Boschung sorgte umgehend dafür, dass es auch der hinterletzte Gast im «Anker» erfuhr.

Macht doch, was ihr wollt, dachte Zeller. Morgen habt ihr das sowieso alle vergessen.

Was in normalen Zeiten vielleicht wirklich so gewesen wäre. Nur dass eben die Fasnacht vor der Tür stand. Wenige Tage später war Lukas Zeller in der ganzen Region das beliebteste Sujet. «Zeller macht den Trump», stand auf einem Banner auf einem Umzugswagen, auf dem jemand liebevoll Zellers Gesicht auf eine eher ungünstige Aufnahme des ehemaligen amerikanischen Präsidenten montiert hatte. «Zeller in den Bundesrat» prangte auf einer weiteren Fotomontage, auf der Zeller mit einem Alpenbitter in der Hand dem Betrachter zuprostete, während die echten Bundesräte links und rechts von ihm auf dem offiziellem Amtsfoto um Würde bemüht waren.

Spätestens jetzt war klar: Die besoffene Jasswette war gekommen, um zu bleiben. Und Wettschulden sind bekanntlich Ehrenschulden. Zeller musste kandidieren, basta.

In den meisten Ecken unseres schönen Landes wäre das alles kein weiteres Problem gewesen. Einfach eine Exotenliste mit einem einzigen Namen einreichen und – dem Proporz sei Dank – mit 0,2 Prozent der Wählerstimmen sang- und klanglos abschmieren und das alte Leben danach wieder aufnehmen. Her mit dem Jassteppich, bitte noch ein Bier, vergessen wir die alte Geschichte.

Nur dass die bewusste Ecke von Lukas Zeller den Proporz lediglich vom Hörensagen kannte. Einen einzigen Nationalratssitz hatte der Kanton zugute. Wer die meisten Stimmen kassiert, reist nach Bern, ganz ohne irgendwelche Listen. Und der amtierende Nationalrat des bewussten Kantons, ein Mann namens Heinrich Just, war – drücken wir es diplomatisch aus – nicht unbedingt auf dem Höhepunkt der Beliebtheit. Vor acht Jahren war er gewählt worden mit dem sicheren Versprechen, den Bauernstand zu vertreten. Unglücklicherweise waren danach Angebote von lukrativen Verwaltungsratsmandaten nur so reingeprasselt, die meisten davon den Wünschen der Bauern eher entgegengesetzt. Just nahm alles an, was ihm offeriert wurde, verdiente sich dumm und dämlich für das Versprechen, sich in Bern für das jeweilige Ansinnen stark zu machen, gleichzeitig brach ihm die Heimbasis allmählich weg. Spätestens, als er am Mikrofon einen flammenden Appell gegen zu viel Gülle auf den Feldern hielt, weil einer seiner Auftraggeber gerade einen neuen künstlichen Dünger auf dem Markt lancieren wollte. «Gülle stinkt!», las Heinrich Just vom Zettel ab, den ihm das Unternehmen vorbereitet hatte, und das war im Grunde seine inoffizielle Abdankung vom Amt.

Denn wer Bauern vertreten will und sich danach mit voller Leidenschaft für Versicherungs-, Krankenkassen- und Pharmakonzerne einsetzt, bei dem klingelt die Kasse, aber die Glaubwürdigkeit leidet. Landwirte sind wie Elefanten: Sie vergessen nie.

Das Resultat war einigermassen paradox. Kein Mensch wollte Lukas Zeller im Nationalrat. Ein Landmaschinenmechaniker, dessen politisches Engagement sich auf Wuttiraden gegen «die da oben» am Stammtisch beschränkt, war für niemanden eine Wunschbesetzung. Allerdings war Heinrich Just, der Amtsinhaber, inzwischen für so viele Leute im Kanton ein rotes Tuch, dass vermutlich selbst Greta Thunberg als Alternative in Frage gekommen wäre. Was ironischerweise irgendwie für den wilden Kandidaten sprach, obwohl der mit Greta nun wirklich nichts anfangen konnte.

Das alles hatte Zeller allerdings nicht gedämmert, als er – ein Ehrenmann, der eine Wette verloren hatte – seine Kandidatur deponiert hatte. Er war damals guter Dinge, dass ihm das Amt sowieso niemand zutrauen würde. Dass das Ganze am Wahltag bei einem weiteren feuchtfröhlichen Abend im «Anker» enden würde. War doch lustig irgendwie, aber jetzt ist es vorbei. Bringt den Jassteppich und eine Runde!

Nur dass es eben nicht vorbei war. Dass der feuchtfröhliche Abend ganz anders aussah als erhofft. Dass es mit dem Jassen auf lange Zeit vorbei war.

Für Lukas Zeller hatte das alles eben erst begonnen. Es war eine Art Albtraum. Wobei, offen gesagt, sein eigener Albtraum weniger dramatisch war als derjenige, der auf etwas anderes wartete.

Nämlich auf die Zirkuskuppel, die man im Volksmund «Bundeshaus» nennt.

Fortsetzung folgt.