Das Gruselkabinett der Leser von nau.ch

Ein Nationalrat bricht in der laufenden Session und vor den Kameras zusammen und wird ins Spital gebracht. Inzwischen geht es ihm wieder besser. Einer Gruppe von Leuten schmeckt das nicht besonders: Den Lesern des Onlineportals nau.ch. Die Kommentare dort sind ein Armutszeugnis für die Menschheit.

Lukas Reimann (SVP SG, im Bild oben) meldet sich aus dem Berner Inselspital. So spektakulär sein Zusammenbruch mitten im Parlament war, so scheint nun festzustehen, dass keine ernsthafte Erkrankung dazu geführt hat. Reimann kündigt an, schon bald wieder in der Politik zu sein.

Darüber berichtet unter anderem auch nau.ch, nachzulesen hier, und die Leser haben dazu das Wort. Was kommt nun wohl: Genesungswünsche? Wäre zu erwarten. Wäre zu erhoffen. Aber geben wir doch gleich der Originalquelle das Wort. Dafür brauchen wir ein bisschen Platz hier. Denn der absolut überwiegende Teil der Leserkommentare besteht aus dem Gegenteil von guten Wünschen:

Kein Medium kann etwas für seine Leser. Und es ist ja schön, dass nau.ch nicht zensiert. Der tiefe Einblick in die schwarze Seele der Konsumenten dieses Mediums ist dennoch nur eines: Beunruhigend.

Mit Ueli Maurer geht ein Grosser

Zum Rücktritt von Ueli Maurer gibt es nicht viel Neues zu sagen. Sondern nur das, was ich schon früher gesagt habe. Deshalb ein Text, den ich vor rund einem Jahr verfasst habe – und der aus meiner Sicht weiterhin Gültigkeit hat.

Hommage an einen Bundesrat

Lieber Ueli Maurer, wir beruhigen Sie: Sie spalten gar nicht

Ueli Maurer zieht sich ein Trychler-Outfit über, und die versammelten subventionierten Medien fallen über ihn her: Er spalte die Schweiz. Nein, tut er nicht. Er steht der Spaltung sogar entgegen. Aber zurücktreten sollte er dennoch. Dringend.

Die Schweiz ist gespalten. Keine Frage. Aber nicht aus einer Laune heraus, sondern behördlich verordnet. Die Ausweitung der Zertifikatspflicht per Montag, 13. September 2021 hat dafür gesorgt. Ohne jede wissenschaftliche Evidenz wurde die Bevölkerung in zwei Lager geteilt: Die einen dürfen alles, die anderen fast nichts mehr. Das ist die Spaltung, und nichts anderes.

Ein Bundesrat versteht es, zumindest zwischen den Zeilen zu signalisieren, dass ihm das nicht passt: Ueli Maurer von der SVP. Man kann nicht behaupten, dass er in den vergangenen Monaten ein felsenfester Teil des Widerstands gegen die Diskriminierung und die Verletzung der Grundrechte war, er hat zwischendurch auch seltsame Signale ausgesendet. Aber unterm Strich ist er der letzte verlässliche Restposten dessen, was die Schweiz ausgemacht hat: Im Zweifelsfall stand er für die Schweiz und ihre Verfassung ein.

Nun hat er sich ablichten lassen im Outfit der Trychler, die seit Monaten unentwegt für diese Werte einstehen, und für «Blick» und Co. ist damit klar: Er spaltet die Schweiz. Weil er nicht schweigend mitträgt, was seine sechs Gschpänli vertreten, die längst nicht mehr für die Grundwerte dieses Landes einstehen, spaltet er? Wirklich? Der Mann, der dieser grossen Bevölkerungsgruppe, die unerpressbar bleibt, ein Gesicht gibt, spaltet?

Die Frage sei gestattet: Was ist der Bundesrat eigentlich? Die Landesregierung. Die Regierung eines Landes. Will heissen: Das Gremium, das die Interessen des Volkes vertreten sollte. 40 Prozent dieses Volkes befanden im Juni trotz einer sehr durchsichtigen Erpressungsaktion, dass die aktuelle Coronapolitik verfehlt ist. Es war keine Mehrheit, aber eine unter den gegebenen Umständen sehr beeindruckende Minderheit. Nun gibt ein Bundesrat von sieben dieser grossen Volksgruppe ein Gesicht – und ist damit ein Spalter?

Ganz im Gegenteil. Es ist wohltuend, dass sich einer der glorreichen Sieben zu erkennen gibt als derjenige, der spürt, in welche falsche Richtung es läuft. Der spürt, dass sich 40 Prozent nicht einfach ignorieren lassen. Der auch spürt, dass eine Mehrheit, die unter denkbar fragwürdigen Vorzeichen gewonnen wurde, nicht die Richtschnur für eine ganze Nation sein kann. Der einsteht für die Menschen, die zweifeln am eingeschlagenen Weg. Und er ist zweifelhaft, dieser Weg. Nie zuvor war dieses Land so uneins wie heute, und das ist es nicht aufgrund der Skeptiker, sondern weil der Bund denen, die ihm brav folgen, massive Vorteile eingeräumt hat.

Ueli Maurer hat, so tragisch es ist, als einziger Bundesrat erkannt, dass man Unverhältnismässigkeit nicht auf ewig von oben herab verordnen kann. Dass es nicht richtig ist, den Gehorsam zu erzwingen unter falschen Vorgaben. Er macht sich gemein mit einer sehr starken Minderheit, die zwar zahlenmässig unterlegen ist, aber eine ziemlich mächtige Waffe auf ihrer Seite weiss: Die Verfassung der Eidgenossenschaft, die aktuell mit Füssen getreten wird.

Dennoch kann man Maurer einen Vorwurf machen. Warum ist er immer noch im Amt? Er hat keine Chance, seiner Haltung im Bundesrat zum Durchbruch zu verhelfen. Er kann nur Symbolpolitik betreiben. Wenn er das schon tut, müsste er konsequenterweise vom Amt zurücktreten. Mit der klaren Aussage: «Ich kann mein Amt nicht mehr so ausführen, wie ich es mit meinem Eid geschworen habe, weil sich meine Kollegen um diesen Eid foutieren, weil er ihnen egal ist.» Das wäre souverän, das wäre klar.

In diesem Sinn die Bitte an Ueli Maurer: Treten Sie zurück. Sofort. Nicht etwa, weil Sie falsch liegen, im Gegenteil, Sie liegen goldrichtig. Aber als einzige Stimme der Vernunft in einem überforderten Panikorchester zeugt es von Grösse, wenn man klein beigibt. Sie können nichts ausrichten gegen die Mehrheit im Bundesrat aus SP, CVP und einer FDP, die längst ihren Fokus verloren hat und den Begriff «Liberalismus» dringend im Wörterbuch nachschlagen müsste. Es gibt da keinen Blumentopf mehr zu gewinnen.

Alles, was Sie nun noch tun können, ist, die eigene Würde zu wahren. Und damit der Würde unzähliger Menschen ein Gesicht zu geben.

Wenn die Flaggen Trauer tragen

Die Energiepreise laufen aus dem Ruder. Das trifft vor allem die Wirtschaft. Ein Unternehmer in Österreich ruft zum Protest auf – und setzt seine Fahnen auf Halbmast

Gerhard Hackl ist Eigentümer des Traditionsunternehmens «Haka» in Oberösterreich. Die Firma produziert Küchen und beschäftigt rund 200 Mitarbeiter.

Der Hauptsitz in Traun ist mit einer langen Reihe von Fahnenstangen besetzt. Derzeit hängen die Flaggen auf Halbmast.

Hackl ist nicht etwa untröstlich über den Tod der Queen oder den Rücktritt von Roger Federer. Die Aktion ist sein persönlicher Protest gegen die Politik in Österreich.

Die steigenden Kosten für Energie und Rohstoffe seien für Betriebe wie seinen nicht mehr zu stemmen, sagt der Firmenchef in einem Video auf Facebook. Sie seien die Folge von «nicht nachvollziehbaren politischen Entscheidungen».

Hackl fordert seine Unternehmerkollegen auf, es ihm gleich zu tun: «Wir müssen Österreich wieder in den Griff kriegen. Wir dürfen nicht zuschauen.» Die Fahnen auf Halbmast im ganzen Land seien ein starkes Zeichen an die Politik, dass sich etwas ändern müsse.

Ob ihm viele folgen, ist nicht bekannt. Als reine Jammerei kann man den Aufruf aber nicht abtun.

Die Wirtschaftskammer von Oberösterreich schlägt ebenfalls Alarm. Die Teuerung geht an die Existenz, energieintensive Betriebe stehen am Rand des Abgrunds. Die gestiegenen Kosten lassen sich nicht einfach über die Preise weitergeben, denn den Konsumenten fehlt das Geld.

Mit der Hilfe der Medien im Land darf der Unternehmer nicht rechnen. Dort scheint der Ernst der Lage noch nicht angekommen zu sein.

Zum ruhigen, gefassten Auftritt des Küchenbauers setzt die Tageszeitung «Heute» den Titel: «Firmenchef wütet in Facebook-Video».

Das sagt schon alles.

Im Dschungel der Zitate

Journalisten mögen es nicht, wenn man sie daran erinnert, was sie gestern gesagt haben. Zu oft legt es die kurze Haltbarkeit ihrer Gedanken offen. Beispiele dafür gab es in den letzten zweieinhalb Jahren genügend.

Die auf ewig wirkende Impfung, die auch noch Spermien boostert, ist nur eines davon. Da heisst es: Augen zu und durch. Sprich: Morgen einfach das Gegenteil behaupten und so tun, als wäre da nichts gewesen.

Gleichzeitig hängen Medien Politiker oder andere Leute des öffentlichen Lebens gerne an dem auf, was diese irgendwann früher mal gesagt haben. Das Portal watson.ch macht das anhand der Person von Giorgia Meloni, der italienischen Wahlsiegerin, die wohl die nächste Regierung anführen wird.

«Faschismus, Impfskepsis und anti-Homo-Ehe: Giorgia Melonis Gesinnung in 17 Zitaten», titelt die Onlinezeitung, und die Empörung dampft aus jedem einzelnen Wort. Nicht besonders subtil wird die Skepsis gegenüber der Coronaimpfung auch gleich in die Nähe zum Faschismus gerückt, das kann nie schaden.

Als Leser bereitet man sich auf das Schlimmste vor. Hat Meloni einst ein Loblied auf den Holocaust gesungen und sehnt sich ein viertes Reich herbei? Das wäre ja das Mindeste angesichts der Titelsetzung. Darunter geht es kaum.

Aber die besagten Zitate können die hohen Erwartungen nicht so ganz erfüllen. Die italienische Regierungspräsidentin in spe kritisiert die Rassengesetze und den Kriegseintritt der Faschisten und bezeichnet das Regime als autoritär. Sie sagt auch, dass sie in ihrer Partei Fratelli d’Italia keine Neonazis sehen will.

Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass Linke kein Problem mit autoritären Strukturen und der Verletzung von Bürgerrechten haben, solange sie in die «richtige» Richtung laufen, beispielsweise bei Fidel Castro. Und dieser Vergleich, so richtig er ist, macht sie natürlich umgehend wieder zur Unperson, die den Faschismus relativiert.

Giorgia Melon will keine gleichgeschlechtliche Ehe, und wenn es nach ihr geht, sollten nur ein Vater und eine Mutter Kinder adoptieren können. Die blosse Idee, dass es anders sein könnte, war zu Zeiten des Dritten Reichs noch nicht geboren, und Melonis Haltung könnte auch der einstigen CSU entsprungen sein. Aber offenbar ist das Zitat nun ein Beleg dafür, dass sie eine Faschistin ist.

Wie steht es mit dem Prädikat «Impfgegnerin»? Die Wahlsiegerin hat einst gesagt, dass sie ihre Tochter nicht impfen lässt, weil das Risiko-Nutzen-Verhältnis für sie nicht stimmt und der Impfstoff nicht vor einer Ansteckung nützt. Mit keinem Wort hat sie sich generell gegen Impfungen gewandt, sondern nur erklärt, dass sie es nicht mitträgt, wenn eine solche zur «Religion» erklärt wird.

Es folgen ein paar überaus diplomatische und harmlose Zitate zum Verhältnis Italiens zur EU und das klare Bekenntnis zur Nato, aus der man Meloni schwer einen Strick drehen kann. Ausserdem beklagt Meloni, wie viele Straftaten von Leuten begangen werden, die eigentlich gar nicht im Land sein dürften und spricht damit die illegale Einwanderung oder die zu frühe Entlassung von Tätern aus Gefängnissen aufgrund der Überforderung der Behörden an. Damit zieht sie lediglich Schlüsse aus real existierenden Statistiken. Dass Italien ein Problem hat mit der massenweisen Einwanderung und ihren Folgen kann niemand ernsthaft abstreiten. Der Brückenschlag zum Faschismus ist mehr als abenteuerlich.

Dass Giorgia Meloni gegen die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern ablehnt, ist Fakt. Das sollte aber eine erlaubte Haltung sein. Es sei denn natürlich, wir haben inzwischen eine nicht gewählte, unsichtbare Jury, die bestimmte Positionen von vorneherein als nicht zulässig definiert. Ihre Kritik an der Impfkampagne ist ebenfalls mehr als lauter, weil der Impfstoff weder liefert, was versprochen wurde noch die negativen Auswirkungen je sauber abgeklärt wurden.

Aber die Absicht hinter dem Ganzen ist sehr durchsichtig: Man bringe die «Anti-Homo-Parole» und das berechtigte Hinterfragen der Impfkampagne im Titel einfach kurzerhand in Zusammenhang mit «Faschismus» – und schon ist das Bild im Kopf des Lesers präpariert.

Schöne neue Medienwelt. Unvoreingenommen, unabhängig, objektiv. Der reinen Information verpflichtet.

Achtung, die Dusch-Pinkler kommen!

Wir sollten alle unter der Dusche pinkeln. Es ist hygienischer und spart Wasser. Aber wie geht das mit den Duschplänen von Bundesrätin Sommaruga zusammen?

Vermutlich hat es jeder schon einmal getan, aber eher heimlich und ohne danach stolz davon zu berichten. Die Rede ist vom Pinkeln in der Dusche.

Die vornehme Zurückhaltung ist fehl am Platz. Denn den Dusch-Pinklern gehört die Zukunft, wie der deutsche Merkur nach Gesprächen mit Experten berichtet.

Rund 30 Prozent des Wasserverbrauchs in einem Haushalt entfallen auf die WC-Spülung. Bei älteren Modellen sind es schon mal 14 Liter, die davonrauschen. Viel zu viel für ein kleines «Brünneli».

Plätschert der Urin während des Duschens einfach in den Abfluss, sparen wir also massiv beim Wasserverbrauch. Ganz zu schweigen vom Klopapier, das überflüssig wird. Und man ist danach auch gleich sauber.

Wer nun umstellen möchte, weil es hygienisch und kostensparend ist, sollte aber die Ratschläge des Bundesverbandes der Deutschen Urologen beherzigen. Der empfiehlt, die Dusche während des Urinierens laufen zu lassen. Dann verschwindet die Ausscheidung direkt im Abfluss.

So sinnvoll das klingt: Es läuft der Energiesparstrategie der offiziellen Schweiz zuwider. Bundesrätin Simonetta Sommaruga möchte ja bekanntlich, dass wir künftig nicht mehr allein duschen, um Energie zu sparen.

Aber wer, abgesehen von Leuten mit spezifischen Vorlieben, benutzt die Dusche schon als Klo, während er mit dem Partner unter der Brause steht?

Demokratie als Schande?

Wozu stimmen wir eigentlich ab? Mehrheiten werden heute nicht mehr akzeptiert. Jeder Abstimmungsverlierer sagt uns im Namen seiner Klientel, warum das Resultat völlig daneben ist. Man ist nicht einfach nur unzufrieden mit dem Ausgang, sondern suggeriert, dass es diesen gar nicht geben dürfte. Haben diese Leute die Demokratie nicht verstanden?

Das Ja zur AHV-Reform inklusive Erhöhung des Rentenalters für Frauen sei ein «Schlag ins Gesicht aller Frauen», heisst es heute auf der Verliererseite. Nun werden Proteste exerziert. Man demonstriert gegen das Ergebnis einer Volksabstimmung. Gegen wen oder was wird da genau demonstriert? Gegen den Volkswillen?

Jede Initiative durchläuft eine Prüfung, bevor sie zur Abstimmung kommt. Das garantiert, dass das Anliegen nicht beispielsweise gegen die Verfassung verstösst. Was an die Urne kommt, ist also nach dem Buchstaben des Gesetzes rechtens, selbst wenn man den Inhalt nicht teilt. Wie kann man in einer direkten Demokratie gegen den Willen der Mehrheit demonstrieren?

Es gibt zwar in der Tat Fälle, in denen das angebracht ist. Dann aber nicht, weil einem das Resultat nicht schmeckt, sondern weil dieses Resultat nicht sauber erzielt wurde. Das beste Beispiel ist die zweite Abstimmung über das Covid-Gesetz, in dem Sachverhalte vermischt wurden, die nichts miteinander zu tun haben und diese Kombination regelrecht erpresserisch eingesetzt wurde. Damals hiess es, man müsse Ja sagen zur weiteren Verschärfung der Massnahmen, damit notleidende Unternehmen weiterhin finanzielle Unterstützung erhalten. Die beiden Anliegen hätte man problemlos voneinander loskoppeln können. Dazu kam ein verwirrender, irreführender und unvollständiger Text bei der Abstimmungsfrage.

Das alles war bei der AHV-Reform nicht der Fall. Die Sachlage war klar, die Fragestellung ebenso. Entsprechend kann man den Volkswillen 1:1 werten. Selbst wenn, wie schon jetzt suggeriert wird, die meisten Frauen an der Urne gegen die AHV-Reform gewesen sein sollen: Es zählt das Gesamtmehr. Oder möchte man allenfalls in Zukunft einzelnen Gruppen eine Art Vetorecht einräumen, weil sie vom Resultat betroffen sind?

Die Demokratie wird mal wieder ad absurdum geführt. Wenn Abstimmungsverlierer ein Ergebnis als Schlag ins Gesicht werten, dann ist das ihr subjektives Problem, mit dem sie fertig werden müssen. Aber das Resultat grundsätzlich in Frage zu stellen, hiesse, dass wir alle Vorlagen, die einer bestimmten Gruppe nicht schmeckt, gar nicht zur Abstimmung bringen dürften.

Also: Sollen sie demonstrieren, sollen sie protestieren, aber vorher sollen sie bitte erklären, wogegen eigentlich. Wird protestiert gegen die Leute, die Ja zur AHV-Reform gesagt haben? Wird also dagegen protestiert, dass Schweizerinnen und Schweizer ihr Recht zur Stimmabgabe wahrgenommen haben?

Würden die betreffenden linken Damen eine kurze Auszeit von ihrer Empörung nehmen und darüber nachdenken, während sie kurz Luft holen, müsste ihnen selbst auffallen, wie absurd das Ganze ist.

Diskriminierte, wohin das Auge reicht

In Deutschland wird so gut wie jeder Bürger diskriminiert, von der Geburt bis zum Tod. Aber wer bleibt denn da noch als Täter übrig?

Mit Ferda Ataman machte Deutschland den Bock zum Gärtner. Die Frau, die als neue Antidiskriminierungsbeauftrage den Hass im Staat bekämpfen soll, hat selbst kein Problem mit pauschalen Beschimpfungen, wenn es die «Richtigen» trifft.

So findet sie es beispielsweise in Ordnung, Deutsche als «Kartoffeln» zu bezeichnen.

Nun ist sie im Amt und macht gleich klar, wie wichtig ihr Posten ist. Ataman zitiert gern eine Umfrage, nach der 16 Prozent der Menschen in Deutschland schon Diskriminierung erlebt haben. Das sind rund 13 Millionen.

Und es kommen laufend neue dazu. Im Rahmen des Weltkindertags sprach Ferda Ataman darüber, dass Kinder und Jugendliche oft benachteiligt würden. Darüber werde neben der bekannten Altersdiskriminierung zu wenig gesprochen.

Sowieso laufend diskriminiert werden laut ihr Frauen, Personen mit einer Beeinträchtigung, Leute mit Migrationshintergrund, Menschen mit einer anderen Hautfarbe, queere Personen und die Ostdeutschen.

Macht man die Rechnung, wird klar: Die 16 Millionen aus der Umfrage reichen nicht. Nimmt man Atamans Kategorien, leidet sogar die klare Mehrheit der Menschen in Deutschland unter Diskriminierung.

Angesichts der schwindelerregenden Aufzählung der Antidiskriminierungsbeauftragten muss man sich fragen, wer denn eigentlich noch zu den Tätern gehört. Es bleibt ja kaum mehr jemand übrig.

Es sei denn natürlich, ein 40-jähriger weisser Mann ohne Behinderung aus Bayern diskriminiere das restliche Land im Alleingang.

Bild: Von Heinrich-Böll-Stiftung from Berlin, Deutschland – Gesprächsführung: Ferda Ataman, CC BY-SA 2.0

Neue Schulen braucht das Land

Aufruhr im St.Galler Kantonsrat. Einige Parlamentarier laufen Sturm, weil der Trend zu privaten Schulgründungen zunimmt. Und das durch Leute, die den Politikern irgendwie nicht passen. Kritischen Leuten. – Wie wäre es, wenn man sich als Kantonsrat stattdessen fragt, was mit unserem Bildungssystem generell falsch läuft?

Geben wir zuerst dem St.Galler Tagblatt das Wort:

Der St.Galler Bildungsrat hat eine Privatschule in Uznach bewilligt, die einen verschwörungstheoretischen und nationalistischen Hintergrund haben soll. Nun künden Kantonsräte eine Interpellation zum Thema an.

Den ganzen Artikel dazu findet man hier.

Ja, das klingt wirklich ganz furchtbar. Da werden offenbar mitten unter uns kleine Adolfs und Evas herangezüchtet. Oder mindestens böse, unwissenschaftliche Schwurbler. Dramatisch.

Ich will auf diese Kategorisierungen gar nicht weiter eingehen. Jeder vernünftige Mensch weiss inzwischen, dass angebliche Verschwörungstheoretiker nichts als Leute sind, die früher zu denken begonnen haben als andere. Und was Massnahmenkritik mit «nationalistisch» zu tun haben soll, entzieht sich meiner Kenntnis sowieso.

Aber nun zum eigentlichen Thema:

Warum befassen sich die «Bildungspolitiker» (die Bezeichnung ist nicht geschützt) im St.Galler Kantonsrat nicht mit der eigentlichen, der entscheidenden Frage? Die lautet nämlich:

Warum kommen überhaupt plötzlich Leute auf die Idee, private Schulen zu gründen? Warum reicht ihnen die öffentliche, kostenlose Volksschule nicht mehr? Was ist da passiert?

Das wäre doch ein Thema. Aber natürlich viel komplexer, als auf die Person zu spielen.

Auf die Fragen oben gibt es einige mögliche Antworten.

  • Vielleicht fanden es diese Leute nicht lustig, dass man monatelang Schulen dicht gemacht und auf «Home schooling» gesetzt hat ohne wirklichen Anlass und man dadurch einen offensichtlichen Bildungsrückstand in Kauf genommen hat.
  • Vielleicht fanden es diese Leute nicht lustig, dass man ihren Kindern Bakterienfänger im Gesicht aufgezwungen hat, deren einziger Effekt eine lang anhaltende Schwächung des eigenen Immunsystems war.
  • Vielleicht fanden es diese Leute nicht lustig, dass ihnen Schulleiter, Lehrkräfte und die Eltern anderer Kinder permanent einredeten, sie seien ohne Maske schuld daran, wenn ihre Grosseltern sterben.

Das ist das, was geschehen ist – und es könnte Eltern, denen etwas an ihren Kindern liegt, leicht verunsichert haben. Oder schwer genug, um darüber nachzudenken, dass das aktuelle Bildungssystem nicht taugt.

Das tut es übrigens ganz allgemein nicht. Man könnte ja noch einiges durchwinken, wenn unsere Kinder nach durchlaufenem Schulsystem global gefragte Asse wären. Aber heute muss man schon froh sein, wenn ein Sek-Abgänger einen Brief in halbwegs korrektem Deutsch verfassen kann. Die Pisa-Studie legt es offen: Wir sind bildungsmässig auf dem Weg zu einem Entwicklungsland. Unsere Kinder können sich schriftlich nicht mehr sauber artikulieren. Aber was soll’s: Hauptsache, es wird korrekt gegendert.

Mehr Texte wie diese? Ihre Unterstützung macht es mir möglich.

Unser Problem, liebe St.Galler Kantonsräte, sind nicht die verantwortungsvollen Eltern, die mit der verantwortungslosen Politik der letzten zwei Jahre ihre Probleme haben und deshalb neue Wege suchen. Unser Problem sind die Eltern, die alles zugelassen, was mit ihren Kindern geschehen ist. Jeder, der mit Bildung zu tun hat, sollte sich glücklich schätzen, dass es noch mitdenkende Eltern gibt, die sich Fragen stellen. Und jeder, der seinem Kind einfach die Maske übergestreift hat, ohne nachzudenken, muss sich die Frage stellen, ob er oder sie zum Vater oder zur Mutter gemacht ist.

Reichsbürger? Die heimliche Übernahme der Macht durch die globale Achse des Bösen? Ach. Was für eine Totschlagkeule. Vielleicht sitzt tatsächlich irgendwo im Vorstand einer neuen Privatschule jemand, der abenteuerliche staatspolitische Vorstellungen hat. Und jetzt? Liebe Kantonsräte, schaut Euch doch zuerst mal die real existierende Wirklichkeit an:

In den Schulräten der öffentlichen Volksschule sitzen Leute, die keine Sekunde lang aufgemuckt haben, als unsere Kinder zu Spielbällen einer irre geleiteten Politik auf Kosten ihrer Schulbildung wurden. Ist das besser? Ist das erstrebenswert? Ist unser grösstes Problem wirklich, dass einige Leute aus einem System ausbrechen wollen, das spätestens in den letzten zwei Jahren, aber eigentlich schon viel früher, bewiesen hat, wie untauglich es ist? Die es zugelassen hat, was mit unseren Kindern geschehen ist?

Bei meinen eigenen Kindern werde ich nie fragen, ob irgendein Verantwortlicher der Schule, die für sie zur Debatte steht, eine Nähe zur Idee der Reichsbürger hat. Es ist mir herzlich egal. Ich rede mit meinen Kindern, ich kriege mit, was in der Schule passiert.

Ich will nur diese Dinge wissen von den Leitern einer künftigen Schule:

Nehmen Sie Kinder ernst? Wollen Sie die Kinder zu eigenverantwortlichen, kritischen Teilen der Gesellschaft machen? Sind Fragen erlaubt? Sind andere Standpunkte erlaubt? Gehen Sie davon aus, dass «Querdenker» keine Beleidigung, sondern das höchste Lob darstellt?

Und:

Glauben Sie wie ich, dass wir viel mehr Menschen brauchen, die aus der Reihe tanzen statt das fünfte Glied im ordentlich ausgerichteten Staatsballett zu sein? Und sind Sie bereit, die Kinder auf diesen Weg zu lassen?

Wenn die Antwort Ja lautet: Ich bin dabei.

Das Fürstentum macht es vor

Chapeau, Liechtenstein. Die Untertanen des Fürsten haben diesem und den grossen Parteien eine Niederlage bereitet. Sie wollen nichts wissen von der bleibenden Möglichkeit, jederzeit das Notrecht ausrufen zu können. Ein Befreiungsschlag von der Paranoia.

Das Resultat war knapp, irgendwo über 52 Prozent, aber wenn man sieht, wer alles die Regierung des Fürstentum Liechtenstein präventiv mit Vollmachten ausstatten wollte, wiegt es dennoch schwer. Unter anderem die beiden grossen Volksparteien VU und FBP und das Fürstenhaus selbst sprachen sich dafür aus, dass im kommenden Winter wieder ein Persilschein gelten soll. Bei der erstbesten Horrorprognose sollte die Regierung wieder mit dem Dampfhammer einfahren können mit der 2G-Regelung über Nacht. Eine Mehrheit sagte: «Danke, aber nein danke.»

Lustig auch, wie das Vorhaben zum Teil begründet wurde. Man wolle sicherstellen, dass man im Notfall im Gleichschritt mit der Schweiz marschieren könne. Hier soll die Notrecht-Option bis 2024 verlängert werden, und nur grösste Optimisten können erwarten, dass unser arbeits- und konfliktscheues Parlament sich dagegen stellt. Nun müssen die Liechtensteiner, die so eng mit uns verzahnt sind, allenfalls ein Sonderzüglein fahren, wenn hier bei uns wieder die Rollos runtergehen. Was heisst müssen: Sie dürfen. Denn der Entscheid zeichnet sich aus.

Wir haben die Liechtensteiner früher gern belächelt, weil sie stets an den Lippen des Fürsten hingen und ohne seine Zustimmung so gut wie nichts ging. Es war in der Tat ein kleiner royaler Kult, der das Land beherrschte. Aber offenbar hat sich das kleine Volk inzwischen emanzipiert.

Davon können wir in unserer «direkten Demokratie» nur träumen.

Die verlorene Gesellschaft

Wir sprechen um den heissen Brei herum. Oder bezogen auf mich: Ich schreibe um den heissen Brei herum. Die Detailkritik an der aktuellen Entwicklung der Gesellschaft geht zu wenig tief. Tatsache ist: Wir müssen den Kurs nicht anpassen, nein: Wir müssen das Ruder herumreissen.

Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte ohne jeden echten Anlass. Kontrolle darüber durch eine App. Pseudodemokratische Legitimierung dieser Politik durch Volksabstimmungen, die diesen Namen nicht verdienen. Auslöschung von beruflichen Existenzen aufgrund der persönlichen Haltung, der freien Meinungsäusserung oder der Frisur. Eine ideologisierte Sprache mit der Absicht, das Denken zu verändern – mit Sanktionen bei Nichtbeachtung. Diffamierung Andersdenkender unbesehen von deren Qualifikation, Denunzierung des Nachbarn mit Akzeptanz – mehr noch: angestachelt – durch den Staat.

Das ist die Welt im Jahr 2022. Und das ist bedauerlicherweise auch die Schweiz im Jahr 2022.

Das alles wird initiiert von einer Regierung, die keinen Deut auf das Wohl des Volks gibt. Das alles wird mitgetragen von einer Bundesversammlung, die zur überwiegenden Mehrheit aus abzockenden Nichtstuern besteht. Das alles wird unterstützt von einer Verwaltung, die nicht versteht, wer ihren Lohn bezahlt und von einer Justiz, die sich nicht als eigene Macht im Staat, sondern als Erfüllungsgehilfe einer international ausgerichteten Politik versteht.

Aber letzten Endes ist das alles nur möglich, weil die breite Masse mitmacht oder sich mindestens nicht auflehnt. Solange der TV läuft und das Bier kaltgestellt ist, passt doch alles.

Eine Nation, die nicht mit Fackeln auf der Strasse steht, wenn eine Regierung über den Straftatbestand einer zu stark aufgedrehten Heizung diskutiert, ist verloren. Eine Nation, die nicht geschlossen vor dem Bundeshaus anrückt, wenn die Injektion eines nicht langzeiterprobten Stoffs zur Voraussetzung zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben gemacht wird, ist verloren. Eine solche Nation hat sich selbst aufgegeben und lässt buchstäblich alles mit sich machen.

Beiträge wie diesen freiwillig unterstützen – hier gibt es Informationen.

Der Widerstand, der selbstverständlich sein müsste, wird marginalisiert, weil es unsere Medien verstanden haben, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen. Einst war es undenkbar, unsere Verfassung anzutasten. Heute ist es undenkbar, unsere Verfassung zu verteidigen. Wer das tut, ist angeblich ein Staatsfeind. Wer die Grundfesten dieser Nation bewahren will, wird diffamiert, denunziert oder kriminalisiert.

Das beste Beispiel dafür: Es gibt wissenschaftlich gesehen exakt zwei Geschlechter. Wer diese Tatsache offen vertritt, verliert seinen Job oder wandert in den Knast. Längst zählt nicht mehr, was wirklich ist, sondern was nach der globalen Agenda sein soll.

Aber das beunruhigt kaum jemanden. Was jeden klar denkenden Menschen beunruhigen müsste.

Wir haben die Grenze des Erträglichen schon lange überschritten. Es ist nicht fünf vor, sondern fünf nach Zwölf. Inzwischen ist im Namen des Staates alles machbar. Er schreibt uns vor, wie wir den anderen nennen sollen, wie wir schreiben und denken sollen, wie wir unsere Wohnung heizen sollen. Das Individuum zählt nichts mehr. Wir haben irre Visionen wie die des real existierenden Sozialismus längst überholt. Die westliche Gesellschaft ist zum wahr gewordenen feuchten Traum der einstigen DDR-Riege geworden. Was unterscheidet uns von den Nationen, die auf Gesinnungspolizei und auf ideologische Gleichschaltung gesetzt haben? Dass wir (bisher noch) nicht hinter Gitter kommen, wenn wir «das Falsche» sagen? Das ist ein kleiner Trost. Gesellschaftlich ausradiert wird man dennoch.

Unsere Medien beklagen extremistische Kreise, die von einer Parallelgesellschaft sprechen. Aber was bleibt denn übrig, wenn die einstige Gesellschaft zur Haltungsdiktatur wird und jeder, der sein Recht auf die eigene Meinung anmeldet, ausgeschlossen wird?

Dass ein liberales Gebilde wie die Schweiz innerhalb weniger Jahre zu einem Abziehbild von längst vergessen geglaubten Absolutheitskonstrukten werden könnte, hätte wohl niemand erwartet. Ich am wenigsten. Aber exakt dort sind wir inzwischen angekommen.

Wir sind zu einer kranken Gesellschaft verkommen, der man als Heilmittel das einflössen will, was uns noch kränker macht. Man will uns – buchstäblich – den totalen Gehorsam einimpfen. Die Eigenverantwortung, die uns gross gemacht hat, ist heute nicht mehr nur nicht gefragt – sie wird nach und nach strafbar.

Die Schweiz von heute hat nichts mehr zu tun mit den Idealen ihrer Gründer. Aber damit könnten wir leben. Wir müssen uns ja weiter entwickeln. Viel schlimmer ist: Die Schweiz von heute hat nichts mehr zu tun mit der Idee der Aufklärung. Wir können uns keinen Deut besser finden als absolutistische Staaten, die eine willenlose Masse vor sich hertreiben.

Im Gegenteil. Wir sind drauf und dran, diese zu überholen.

«B wie Bund»: Ein Müsterchen aus dem Corona-ABC

26 kurze realsatirische Satiren von A bis Z: Das bietet mein letztes Buch «Das Corona-ABC». Hier für meine Blog-Leser ein Kapitel daraus als Vorgeschmack.

Bestellen kann man das Buch direkt im Shop des Verlags Qultur.

B wie Bund

Der «Bund»: Das ist ein ziemlich abstrakter Begriff. 26 Kantone haben sich darauf geeinigt, sich zu einem Bund zusammenzuschliessen, um übergeordnete Fragen zu klären. Dazu braucht es natürlich eine Bundesverwaltung, die das Ganze brav administriert und einen Bundesrat, der entscheidet. Wobei «natürlich» ein grosses Wort ist, inzwischen wünschen sich viele in diesem Land, es wäre nie so weit gekommen.

Dieser Bund hat also eine gewisse Macht. Entsprechend wäre es auch wünschenswert, er wäre kompetent genug, um diese Macht sinnvoll einzusetzen. Dem einen oder anderen dürften diesbezüglich nach zwei Coronajahren einige Zweifel gekommen sein. Dafür gibt es viele gute Beispiele. Der Einfachheit halber und um den Rahmen dieses kleinen Machwerks hier nicht zu sprengen, picke ich eines davon heraus. Es geht um die Intensivstationen. Denn die waren, jedenfalls nach dem verbreiteten Narrativ, stets in höchster Gefahr. Und zwar aufgrund der Ungeimpften, die es offenbar auf Teufel komm raus darauf angelegt hatten, an einem Beatmungsgerät zu enden, rund um die Uhr betreut von einer Vielzahl von Fachkräften. Was natürlich, ich erzähle es brav unseren Bundesbehörden nach, das Gesundheitssystem an den Anschlag bringt.

Wer eine solche Geschichte auftischt, kann sie im Idealfall belegen. Glücklicherweise – für den Bund – war es während Corona allerdings nie nötig, etwas zu beweisen. Es reichte, etwas zu behaupten, und die fetten Schlagzeilen der Zeitungen machten dann daraus so etwas wie eine gefühlte Wahrheit, jedenfalls für eine Mehrheit ihrer Leser.

Wir konnten es immer wieder lesen: Die Impfung ist die Antwort auf alle Fragen und die Lösung des Problems, und der beste Beweis dafür war, dass nach dem Start der Impfkampagne fast nur Ungeimpfte auf den Intensivstationen landeten. Das wäre in der Tat ein ziemlich klarer Hinweis auf die Wirksamkeit der Impfung und die Doofheit aller Leute, die sich der Spritze verweigern. Wenn es wirklich so wäre. Und wenn es sich wirklich hätte nachweisen lassen.

Das Problem war stets, dass der Bund seine Behauptung selbst nicht belegen konnte. Gut, das lässt sich auch leicht erklären. Wenn sich eine staatliche Verwaltung im fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts noch auf die Technologie des Faxgeräts verlässt (siehe auch X) und es nicht schafft, die Zahlen aus den Spitälern in 26 Kantonen zu bündeln und zu einem klaren Bild zu verdichten, dann wird es eben schwierig. Wir können nur beten, dass es eines Tages die Möglichkeit gibt, Informationen durch die Luft zu teilen und in übersichtlichen Zusammenfassungen zu präsentieren. Falls es jemals so sein sollte, schlage ich vor, dass wir dafür Begriffe verwenden wie «Internet», «E-Mail», «Cloud», «Excel» und so weiter. Das ist derzeit natürlich pure Fiktion, und ich habe diese Worte gerade frei erfunden. Vielleicht gibt es das alles, wenn meine Enkel erwachsen sind.

Weil wir derzeit technologisch so limitiert sind, stand beispielsweise Ende 2021 nur ein Bericht von Mitte Oktober 2021 zur Verfügung, der einen Blick auf die Lage in den Intensivstationen erlaubte. Wobei natürlich nicht auf alle, in einem riesigen Land wie der Schweiz wäre das zu viel verlangt. Viele Spitäler gaben gegenüber dem Bundesamt für Gesundheit «Meldeverzögerungen» als Grund an. Auch das ist verständlich, Rauchzeichen sind ziemlich unzuverlässig, wenn starker Wind weht.

In einem Spital gibt es Eintritte und Austritte. Jemand belegt ein Bett, irgendwann gibt er es frei, ein anderer legt sich rein. Es ist sicher ein Ding der Unmöglichkeit, da die Übersicht zu behalten, das verstehe ich. Es ist nur schon ein Wunder, dass nicht zeitweise zwei Leute im selben Bett liegen. Wie soll man da bitte den Bund darüber informieren, was gerade geht? Klar, gäbe es Computer, die sich über eine grössere Entfernung miteinander verbinden lassen, so dass Daten hin- und hergeschickt werden können, liesse es sich machen, aber wie gesagt, das ist reine Zukunftsmusik. Gerade in einem Land wie der Schweiz, das auf Block und Bleistift setzt.

Wenn man keine Ahnung haben kann, was gerade geht, dann weiss man natürlich auch nicht im Detail, wer gerade in der Intensivstation liegt. Geimpft? Ungeimpft? Meine Güte, Verzeihung, keine Ahnung. Ganz zu schweigen davon, dass man diese Information an eine zentrale Stelle weiterleiten kann! In der Schweiz gibt es über 270 Spitalbetriebe, 21 davon waren auf freiwilliger Basis bereit, sich einem System anzuschliessen, das den Bundesverwaltung aktuelle Informationen liefert. Der Rest befand wohl, man habe genug damit zu tun, auf dem Zählrahmen die Ein- und Austritte zu kontrollieren.

Klar, es gibt ein paar Fragezeichen. In anderen Bereichen war die Schweiz ja erstaunlich fix in Bezug auf neue Technologien. Zum Beispiel beim Covid-Zertifikat. Das wurde in kürzester Zeit eingeführt, zehntausende von Betrieben wurden daran angeschlossen und so ein funktionierender Kontrollmechanismus übers ganze Land hinweg installiert. Aber eben, das ist eine Kleinigkeit verglichen mit der Jahrhundertaufgabe, von einem Spital zu verlangen, dass es periodisch dem Bund durchgibt, wer gerade auf den sieben Intensivbetten liegt.

Deshalb wussten wir im Grunde nie irgendetwas Handfestes über den Impfstatus der Leute in den Spitälern. Es gab sogar solche «mit unbekanntem Status», vermutlich Personen, die sich gerade nicht daran erinnern konnten, ob sie eine Spritze erhalten haben oder nicht. Was tut man in Zeiten der Unsicherheit? Man geht einfach mal von dem aus, was man gern hätte. Sprich: Natürlich liegen vor allem Ungeimpfte in den Krankenhäusern. Muss ja so sein, denn den Geimpften hatte man ja einen leichteren Krankheitsverlauf versprochen.

Persönlich fände ich es übrigens nicht weiter tragisch, wenn die Schweiz im Fax-Zeitalter stecken bleiben würde. Dann wäre es den Steuerbehörden nicht so schnell möglich, herauszufinden, dass ich dem Staat noch Geld schulde. Erstaunlicherweise ist er dazu aber sehr fix in der Lage. Geht es um Einnahmen, dann glühen die Datenleitungen zwischen Bund und Kantonen. Es nützt nicht mal was, wenn man in aller Eile umzieht, um sich den Steuerschergen zu entziehen: Die EDV ist auf Zack. Ausser eben im Gesundheitswesen. Dort müsste man hochkomplexe Prozesse durchführen, beispielsweise beim Eintritt ins Spital eine Box bei «Geimpft» oder «Ungeimpft» anklicken und dafür sorgen, dass die Information zur nächsten Instanz gelangt.

Und das, eben, ist aktuell technisch einfach nicht machbar. Verzeihung.

Gesehen – gelacht (2)

Kurzkommentare zu aktuellen Schlagzeilen, die zeigen, wie nahe Satire und Realsatire beieinander liegen: Die zweite Ausgabe der Rubrik «Gesehen – gelacht».

TV-Gerät löst Energiekrise!

Gesehen:

Wir müssen doch keinen Strom sparen – dank einer Innovation aus Afrika. Dort funktionieren Fernsehgeräte ohne Energie, mehr noch, sie erzeugen sie sogar gleichzeitig! Die deutsche «Tagesschau» ist begeistert, wie hier zu lesen ist.

Und darüber herzlich gelacht, denn:

Sind die öffentlich-rechtlichen Sender nicht die Medien, die uns alle selbstlos vor Fake News bewahren wollen? Und sind dann die ersten, die eine Art Perpetuum mobile zur Energiegewinnung ohne nähere Prüfung als Weltsensation verkaufen?

Der alte Mann und das Zielfernrohr

Diese kleine Geschichte gehört ins Kabinett der Absurditäten. Aber sie reflektiert den Zeitgeist wunderschön. Wir sind zu einer Gesellschaft der Dauerempörten geworden – und die Medien lieben diese Entwicklung. Willkommen bei einer Story rund um Sex – ohne Drugs und Rock’n’Roll.

Charles Balsiger ist 77 Jahre alt und wirkt auf den Fotos auf blick.ch noch recht rüstig. Der Titel weiter oben ist daher nicht etwa beleidigend gemeint, es ist mehr eine kleine Anspielung an Hemingway und dessen alten Mann und «seinem» Meer.

Balsiger wohnt im thurgauischen Eschenz, einem recht malerischen Örtchen, und offenbar hat er von dort aus einen schönen Ausblick. Unter anderem auf die Klosterinsel Werd. Dort hat er kürzlich etwas sehr Unklösterliches erspäht: Ein Pärchen, das sich am Ufer ziemlich textilfrei vergnügt hat. Wie handfest das wurde, geht aus dem «Blick»-Artikel (siehe hier) nicht hervor, vermutlich brachte der gute Charles Balsiger eine detaillierte Beschreibung auch gar nicht erst über die Lippen. Jedenfalls geht es also mehr oder weniger um Sex an einem öffentlichen Ort, was in aller Regel verboten, sicher aber bei vielen Leuten verpönt ist.

Balsiger hat das Ganze erspäht, fotografisch festgehalten und die Zeitung damit beliefert, wie man das heute eben so macht. Damit ist seine Empörung nun schweizweit dokumentiert.

Spannend sind die näheren Umstände. Der ehemalige Architekt benötigte für seinen Fotobeweise ein Zielfernrohr (praktischerweise ist er Jäger). Die Frage sei erlaubt: Wie kann man sich belästigt fühlen von etwas, das man erst mit einem Fernrohr wirklich sehen kann? Hat sich das besagte Paar allenfalls sogar bemüht, an einem nicht zu offensichtlich einsehbaren Ort Zärtlichkeiten auszutauschen und einfach nicht damit gerechnet, dass ein Jäger sein Zielfernrohr holt?

Und dann scheint auch noch ein bisschen Neid mit dabei gewesen sein bei der ganzen Aufregung. Denn, und jetzt bitte festhalten, es hat sich laut dem Beobachter (wir würden ihn natürlich nie als Voyeur bezeichnen) um ein ungleiches Pärchen gehandelt. «Er hätte locker der Vater dieses Girls sein können», lässt sich Balsiger im «Blick» zitieren. Und damit wird offensichtlich, dass der Rentner kein Fan von Paaren mit einem grösseren Altersunterschied ist. Die ganz persönlichen Vorstellungen von Moral und Sitte diktieren die ganze Angelegenheit also.

Es gibt keine weiteren «Sichtungsmeldungen». Entweder, weil man das Ganze eben wirklich nur mit professioneller Ausstattung sehen konnte oder weil andere Leute nicht so unterbeschäftigt sind, dass sie den lieben langen Tag das gegenüberliegende Ufer kontrollieren. Oder, dritte Möglichkeit, weil allfällige weitere Beobachter ganz einfach fanden, es gehe sie nichts an, da sich die Nackedei ja nicht vor einem Kindergarten abgespielt hat.

Es wäre wie gesagt einfach eine kleine Absurdität und eigentlich nicht der Rede wert. Wenn es nicht die Ausgeburt einer allgemeinen Entwicklung wäre. Wie wir uns mittlerweile alle gegenseitig in den Garten schauen, immer gleich das Handy oder die Kamera zücken und danach zu den Medien rennen: Es ist zum Schreien. Was genau suchen diese Leute? Aufmerksamkeit? Das könnte man auch mit etwas Produktivem erreichen statt damit, andere Leute anzuschwärzen.

Denn wo genau ist hier irgendwem ein Schaden entstanden? Und worin liegt der Gewinn für die Leserschaft von Zeitungen, die das Ganze dann kolportieren – ausser der Befriedigung ziemlich niederer Instinkte?

Euer Abo: Ein Wort in eigener Sache

Ein Jahr nach Eröffnung dieses Blogs freue ich mich, dass das administrative Drumherum ziemlich schlank verläuft. Aber ich gehe natürlich auch auf jeden Einzelfall ein, der es anders sieht. Daher: Ein bisschen Transparenz rund um «Wo geht die Knete hin?» Und warum erneuert sich mein Abo automatisch?

Kreative haben meist ein bestimmtes Problem: Sie wollen kreativ sein, aber mit der Administration rund ums Ganze nichts zu tun haben. Denn die klaut ihnen nur wertvolle Zeit, die sie besser in die Kreation von Inhalten stecken.

Nun ist mein Blog kein Grossunternehmen, weist aber doch mehrere hundert (400irgendwas) Abonnenten auf. Ich wäre völlig überfordert, wenn ich den Zahlungsverkehr, Entgegennahme von Kündigungen, Wechsel der Abo-Art, Erneuerung des Abos usw. selbst übernehmen müsste. Dafür gibt es gottlob Anbieter, die das für Leute wie mich übernehmen.

In meinem Fall ist das der Bezahlanbieter Steady. Dem zahlt ihr zunächst das Geld, das ich danach – nach diversen Abzügen für die erbrachte Leistung – jeden Monat erhalte. Spoiler: Es kostet einiges, wenn man das nicht selbst macht. Aber das ist in Ordnung. Zumal Steady eben ein Anbieter ist, der bisher nicht durch eifrige «Cancel Culture» aufgefallen ist und auch Leute wie mich machen lässt. Das ist für mich das wichtigste Kriterium.

Nachtrag vom 16.9.22: Inzwischen wurde mir zur Kenntnis gebracht, dass der schon mehrfach von Banken und Bezahlanbietern grundlos gecancelte Boris Reitschuster, den ich sehr schätze, auch bei Steady unter die Räder kam, was mir nicht bekannt war. Ich beende daher die Zusammenarbeit mit Steady, mehr dazu gibt es hier. Der Rest des Textes hat Gültigkeit.

Vor allem aber, und deshalb bin ich bei dieser Firma: Das Ganze verläuft sehr transparent.

Ich kenne es ja selbst: Ich schliesse irgendwo ein Jahresabo ab, das sich danach automatisch erneuert, ich verliere die Übersicht, wann es soweit sein wird und zack – schon wieder bezahle ich für ein Jahr, obwohl ich vielleicht gar nicht mehr wollte. Das ärgert mich, aber ein Jahr später passiert mir garantiert dasselbe wieder.

Steady macht es anders, obwohl es ja auch Interesse daran hat, dass möglichst viele Leute bei der Stange bleiben (sonst verdienen sie weniger). Mein Bezahlanbieter informiert euch aktiv, ohne euer Zutun, darüber, dass die Erneuerung des Abos bald ansteht und räumt euch damit genug Zeit ein, um zu beschliessen, ob ihr das wollt oder nicht. Mit einem Klick könnt ihr danach das Abo beenden. Das haben übrigens in den letzten Tagen einige Leute getan, die gleich beim Startschuss dabei waren. Es funktioniert also. Und so sehr es mich natürlich ärgert, wenn Leute weiterziehen, weil ich gern möglichst viele Leser habe: Ich habe das grösste Verständnis dafür.

Eine Abonnentin hat sich nun bei mir beklagt, dass sie nie vor hatte, ein Abo abzuschliessen, dass sich automatisch verlängert, wenn man nichts tut. Sie füllt sich abgezockt und hat mit der Polizei gedroht. Erfahrungsgemäss kann die Polizei wenig machen, wenn jemand ein Abo abschliesst, ohne die Bedingungen zu lesen.

Dazu ist einfach zu sagen, dass eine automatische Verlängerung der Normalfall und alles andere der absolute Ausnahmefall ist. Die allermeisten Online-Abos haben eine automatische Verlängerung eingebaut, wenn man den Vertrag nicht selbst kündigt, und viele Leute sind auch froh, dass ihnen damit die Arbeit abgenommen wird und sie sich um nichts kümmern müssen.

Aber eben: Mir liegt es fern, Leute gegen ihren Willen abzuzocken, und daher bin ich froh, dass Steady so transparent arbeitet. Bevor sich das Abo automatisch erneuert, werden alle Abonnenten aktiv informiert, dass sie dem nun ein Ende setzen können. Was mir die Sicherheit gibt, dass nur die Leute dabei bleiben, die auch wirklich wollen. Alles andere wäre nicht in meinem Sinn. Ich will ja nicht ernsthaft Geld einziehen von Abonnenten, die ausgetrickst wurden.

Dass ich nun doch eine Zuschrift erhalten habe einer Leserin, die sich über den Tisch gezogen fühlt durch die automatische Erneuerung (nachdem sie die aktive Information von Steady offenbar ignoriert hat), ist bedauerlich, aber statistisch gesehen der Beweis, dass das System funktioniert. Eine Person von über 400 ist ein klarer Beleg dafür.

Ihr habt beim Abschluss des Abos Zugangsdaten von Steady erhalten und könnt euer Abo darüber laufend administrieren. Jederzeit ist das Abo je nach Abschluss monatlich oder jährlich kündbar. Natürlich freut es mich, wenn ihr dabei bleibt, aber noch viel wichtiger ist, dass ihr jederzeit wisst: Mit einem Klick werden die Zahlungen per Ende der Laufzeit eingestellt.

Und hier ein kleiner Tipp, der für mich nicht günstig ist, aber den ihr haben sollt: Wenn ihr ein Online-Abo abschliesst über ein Jahr, dann kündigt es doch einfach eine Sekunde später vorsichtshalber auf Ende der Laufzeit. Ihr könnt dann ein Jahr lang die Inhalte geniessen und dann erst wieder in Ruhe entscheiden, ob ihr weitermachen wollt – ohne automatische Erneuerung. Das machen bei mir übrigens diverse Leute so, und ich finde das sehr klug. Das verhindert, dass man es im Lauf des Jahres vergisst und dann sauer auf sich selbst ist, wenn sich die Laufzeit automatisch erneuert. Aber wie gesagt: Steady erinnert euch sogar aktiv daran, dass es bald so weit ist.

Und hier noch zur Geldfrage: Mein Bezahlanbieter nimmt einen fixen Prozentsatz von jedem Abo und verrechnet die Unkosten der Transaktion (Gebühren der Kreditkarte usw.) an mich weiter. Wer jeden Monat beispielsweise CHF 4 an mich zahlt, darf und muss davon ausgehen, dass dieses Geld nicht 1:1 an mich geht. Das ist aber völlig in Ordnung, denn dafür habe ich auch weniger administrativen Aufwand. Und ums Geld ging es mir ja bekanntlich sowieso noch nie.

Wer das alles umgehen will, kann die Abokosten auch direkt an mich entrichten, dafür einfach Nachricht an stefan@millius.ch, dann kriegt ihr alle nötigen Angaben. Aber unterm Strich finde ich: Eine Firma, die für mich Arbeit verrichtet, soll auch dafür bezahlt werden. Vor allem, wenn sie wie Steady sauber und transparent arbeitet und euch nicht einfach ohne Nachricht in einem Abo sitzen lässt.

Aber ich bin, wie man auch in diesem Blog nachlesen kann, ein Fan von Eigenverantwortung. Was eben auch mit sich bringt, dass man weiss, wofür man Geld bezahlt und zu welchen Bedingungen. Und mit dem symbolischen Preis von weniger als CHF 50 pro Jahr für ein Jahresabo erlaube ich mir auch ein gutes Gewissen für das Erbrachte…

Die Monarchie als Ablenkungsmanöver

Queen Elisabeth II. ist tot. Das konnte man gar nicht nicht mitkriegen. Unsere Zeitungen sind voll davon. Offenbar interessieren uns die Monarchie und deren Besetzung mehr als unsere eigene wegschwimmende Demokratie.

Ich habe die Faszination, die von den Royals ausgeht, nie richtig verstanden. Aber wenn selbst bei uns ganze Postillen für mittelalterliche Leserinnen mit Stoff aus Windsor gefüllt werden, muss das offenbar funktionieren. Mir leuchtet es ein, dass es touristisch betrachtet spannender ist, eine Königin zu haben als einen Minister- oder Bundespräsidenten. Das ganze Drumherum, das zudem viele Jahrhunderte zurückreicht, hat natürlich seinen Charme. Aber aus der banalen Sicht eines Bürgers und Demokraten kann ich mit der Vorstellung einer vererbten Machtposition nichts anfangen. Zugegebenermassen vor allem nicht im Fall zu Grossbritannien, zu dem ich dank meines engen Bezugs zu Irland sowieso ein gespaltenes Verhältnis haben.

Was mich aber mehr beunruhigt als die blosse Existenz von Monarchien, ist die Tatsache, dass der Tod einer 96-jährigen Frau viele Schweizer mehr zu beschäftigen scheint als die Situation im eigenen Land. Da werden in den Kommentarspalten lange Würdigungen der Leistungen einer Königin publiziert, während vor der eigenen Haustür Grund- und Freiheitsrechte auf dem Spiel stehen, ohne dass es eine Mehrheit stört.

Vielleicht hängen diese Dinge ja auch zusammen. Der Wunsch nach einer starken Figur, die Akzeptanz einer unantastbaren Rolle ganz oben, das unbewusste Verlangen, gehorchen zu dürfen: Das alles sind Voraussetzungen dafür, dass eine Monarchie funktioniert, es es scheint bei vielen Leuten tief verankert.

Monarchien sind also noch lange nicht vorbei. Die Demokratie hat da einen wesentlich härteren Stand.

Neue Rubrik: Gesehen – gelacht

Kurz und knackig und häufig soll sie bedient werden, die neue Rubrik «Gesehen – gelacht». Zeitaufwand für die Lektüre: Meist vermutlich nicht einmal eine Minute.

Vieles von dem, über das ich stolpere, hat eine längere Abhandlung verdient. Bei anderem ist es getan damit, dass man es zur Kenntnis nimmt und mit zwei oder drei Sätzen darauf eingeht, weil der Sachverhalt selbsterklärend ist. Dafür ist «Gesehen – gelacht» gedacht. Unten das erste Müsterchen. Die Beiträge werden auch in einer eigenen Kategorie gesammelt.

Ein Wort zuvor noch zum aktuellen Stand des Blogs. Ich selbst ärgere mich immer, wenn ich ein Abonnement abschliesse, es kaum nutze und dann vergesse, dass die Kreditkarte automatisch belastet wird. Schon wieder für nichts ein Jahr lang bezahlen – und nächstes Jahr vergesse ich es garantiert wieder.

Ich bin daher bei einem Bezahlanbieter (Steady), der die Abonnenten darauf aufmerksam macht, dass nun der Ausstieg möglich ist und sie kündigen können, bevor sich das Abo automatisch verlängert. Ich schätze das sehr, auch wenn es für mich zugegebenermassen nicht vorteilhaft ist. Denn natürlich geht das immer einher mit Kündigungen (was man übrigens auch tun darf). Mir ist das aber lieber, als Abonnenten zu verärgern, weil sie Tag X verpasst haben.

Falls Sie zu denjenigen gehören, die ein Jahr nach Blogstart (ich werde darüber bald noch Bilanz ziehen) das Abo weiterlaufen lassen: Herzlichen Dank dafür. Falls Sie ausgestiegen sind: Ebenfalls herzlichen Dank für die bisherige und keineswegs selbstverständliche Unterstützung – und vielleicht sieht man sich ja später wieder einmal.

Und nun das erste «Gesehen – gelacht»:

Radiator-Verbrecher

Gesehen:

Der Bundesrat will im Fall eines Gasmangels im Winter Maximalwerte fürs Heizen einführen. Wer sie nicht beachtet, riskiert eine Strafe. Nicht wegen eines Verstosses, sondern aufgrund eines Verbrechens. (Quelle: blick.ch)

Und darüber herzlich gelacht, denn:

Keine Frage, dass das nicht flächendeckend kontrolliert werden kann. Aber es ist sicher eine herrliche Ausgangslage für hobbylose Denunzianten. Endlich gibt es wieder etwas zu tun, nachdem die Coronamassnahmen weggefallen sind! Und übrigens: Will man heute wirklich noch Polizist werden angesichts solcher Aufgabenstellungen?

Sorry, aber: Es gibt kein «bedingungsloses» Grundeinkommen

Die Idee spukt gerade wieder herum. Menschen in unserem Land sollen eine Summe zur blossen Existenzsicherung erhalten, ohne dafür etwas zu tun. Das nennt sich «bedingungsloses Grundeinkommen». Man muss kein Hardcore-Kapitalist sein, um das schlecht zu finden. Denn es gibt klare Anzeichen dafür, dass dieser Geldsegen durchaus an Bedingungen geknüpft sein wird. Und zwar nicht an gute.

Es klingt zunächst nach einer Debatte zwischen Links und Rechts, zwischen Vertretern eines Staates, der allgewaltig ist und uns möglichst viel abnimmt und Vertretern der Philosophie «Je weniger Staat, desto besser», die auf Eigenverantwortung setzen. Aber das ist es gar nicht. Jedenfalls nicht beim näheren Hinsehen.

Ich oute mich gerne, ich gehöre zwar zur zweiten Gruppe, und dennoch fand ich das bedingungslose Grundeinkommen stets eine durchaus spannende Idee. Und zwar gerade, weil sie zunächst so grotesk klingt. Seien wir ehrlich, unser System ist lückenhaft und fehleranfällig, und ich bin stets der Erste, der sagt: Okay, lasst uns was Neues ausprobieren. Auch unsere heutigen Strukturen setzen Fehlanreize und belohnen oft die Falschen, viel schlimmer kann es mit dem bedingungslosen Grundeinkommen also nicht werden.

Und nun folgt das grosse Aber: Nach den letzten 2,5 Jahren und der Entwicklung, die sich abzeichnet, halte ich alles, was vom Staat ausgeschüttet wird, für eine schlechte Idee. Die englische Sprache kennt das schöne geflügelt Sprichwort: «There is no such thing as a free lunch.» Sprich: Auch wenn dich jemand scheinbar grosszügig einlädt, früher oder später wird er etwas von Dir wollen, und Du musst liefern.

Und das gilt, inzwischen mehr als für alle anderen, auch für den Staat.

Sollte das bedingungslose Grundeinkommen, in welcher Form auch immer, dereinst kommen, wird es nur scheinbar bedingungslos sein. Der Staat nützt spätestens seit Corona jede Möglichkeit, um Zuckerbrot und Peitsche einzusetzen. Wer sagt, dass man sich nicht in irgendeiner Weise qualifizieren muss für dieses Grundeinkommen? Beispielsweise durch das vom Staat erwünschte Verhalten? Vielleicht wird es eine Art «Grundeinkommen-Zertifikat» geben, mit dem sicher gestellt wird, dass das Geld nur fliesst, wenn der Betreffende die «Regeln» einhält. Dabei geht es nicht ums Strafgesetzbuch, sondern die neuen Kategorien, die eingeführt wurden: Staatstreu, angepasst, nicht aufmuckend, still. Oder glaubt jemand, unsere Behörden würden Leute belohnen wollen, die sich offen gegen sie stellen?

Wann immer der Staat uns etwas gibt, scheinbar «gibt», wird es künftig dem Zweck dienen, die «Beschenkten» auf Kurs zu bringen. Hier wird es nicht anders sein.

Der anonymisierte Moderator

Sandro Brotz, Dompteur in der «Arena» von SRF, hat eins auf den Deckel gekriegt. Und zwar von einer Instanz, die seinen Arbeitgeber sonst gerne schützt. Die «Unabhängige Beschwerdeinstanz» (UBI) stellt unmissverständlich fest, dass er seinen Job nicht richtig gemacht hat. Lustig ist, wie der «Tages-Anzeiger» damit umgeht.

Ich setze einfach mal ein gewisses Vorwissen in dieser Sache fest. Es geht darum, wie Moderator Sandro Brotz sein Gegenüber, den SVP-Nationalrat und Fraktionspräsidenten Thomas Aeschi, in einer Sendung mit Rassismusvorwürfen eindeckte und sich dabei auf das Urteil nicht genannter Experten berief. Brotz spielte eine Mischung aus Gott und Richter, er stellte keine Fragen, er fällte ein Urteil.

Inzwischen wurde offiziell festgehalten, dass das nicht seine Aufgabe gewesen wäre, nachzulesen beispielsweise hier.

Auch der «Tages-Anzeiger» berichtet über die Einschätzung des UBI. Hier ist der Link dazu, und den brauchen Sie auch. Denn falls Sie selber suchen und dabei auf das Stichwort «Brotz» setzen, werden Sie den Artikel nicht finden. Der «Tagi» schafft das Kunststück, den betreffenden Moderator, der in den Senkel gestellt wird, zu anonymisieren. Als handle es sich um den Täter in einem Gerichtsfall – und nicht das Gesicht einer wöchentlichen TV-Sendung. Nur in der Bildlegende wird der Name genannt, vermutlich ging er dort einfach vergessen.

Das ist so verwirrend wie lustig. Über die Sache wird seit Monaten geschrieben, nun steht fest, dass Sandro Brotz einen miserablen Job gemacht hat, nicht zum ersten Mal übrigens, und in der weiteren Konsequenz ist die Frage erlaubt, ob er ihn weiter machen sollte – und der «Tagesanzeiger» nennt seinen Namen nicht.

Ganz im Gegensatz zu Thomas Aeschi übrigens, dem Rassismus vorgeworfen wird, seinen Namen findet man in dem bewussten Artikel.

Aber eben. Wer wundert sich eigentlich noch über die Vorgehensweise unserer Medien?

Die Leser fallen endlich ab vom Glauben

Am Schluss entscheidet eben doch, wie ich seit langem gerne prophezeie, die Übertreibung. Wenn Zeitungen ganz offensichtlich die Grenzen des Zumutbaren überschreiten, merken es selbst ihre treuen Leser. Das aktuelle Beispiel: Das «St.Galler Tagblatt» und seine Impfwerbung – in einem Interview mit dem Verkäufer der Impfung. Die Hemmungen fallen.

Wen sollte man fragen, wenn man als Journalist wissen will, wie gesund Schokolade ist? – Am besten natürlich einen Schokolade-Produzenten.

Wenn es um die Energiebilanz von E-Autos geht, wo bekommt man eine garantiert objektive, unabhängige Auskunft? – Natürlich beim Hersteller von E-Autos.

Welches ist der beste Fussballclub des Landes? – Eine verlässliche Antwort bekommen wir sicher vom Präsidenten eines bestimmten Clubs.

Klingt für Sie nicht ganz schlüssig? Diese Leute könnten allenfalls voreingenommen sein? Es sind die falschen Ansprechpartner? Man hätte jemand anderen fragen müssen?

Wirklich?

Ach. Warum denn immer dieses Misstrauen? Das «St.Galler Tagblatt», in Tateinheit mit den anderen Blättern des Verlags CH Media, sieht das ganz anders. Dort macht man gern den Bock zum Gärtner.

Zum Beispiel, wenn es um die Impfung gegen Covid-19 geht.

Die Story ist zu schön, um wahr zu sein, und dennoch ist sie wahr. Ich liebe Storys, die man nur nacherzählen muss, ohne jede Dramatisierung, ohne jede Zuspitzung, um dennoch Kopfschütteln zu garnieren. So wird einem die Arbeit abgenommen.

Und hier ist sie, diese Story:

Moderna bringt – erneut – einen garantierten Matchwinner an den Start: Eine Auffrischimpfung, die den neuen Varianten des Virus zu 90 Prozent den Garaus macht, wie man sich von der diensteifrigen Behörde Swissmedic bestätigen liess. Die Schweiz hat die Marktzulassung erteilt, der Booster darf also verkauft werden, nun müssen die Abnehmer nur noch zuschlagen. Leute, die sich bereits drei Mal haben impfen lassen und derzeit mit Corona im Bett liegen, dürfen neue Hoffnung fassen: Jetzt aber – endlich! – das garantiert wirksame Gegenmittel. Freude herrscht!

Wenn es nun um die Frage geht, ob man zuschlagen soll, ob der Booster wirksam ist, ob er das tut, was er verspricht: Wen fragt man dann am besten, um eine garantiert völlig unvoreingenommene Antwort zu erhalten, die dem Konsumenten gerecht wird?

Für CH Media keine Frage. Man fragt natürlich Cesar Sanz Rodriguez, seines Zeichens der Vizepräsident für medizinische Angelegenheiten bei Moderna für Europa. Und dieser Mann ist im Interview – Achtung, Überraschung! – «absolut überzeugt, dass es die angepasste Impfung brauchen wird».

Nein, wirklich? Der Verkäufer eines Produkts findet, dass sein Produkt gebraucht wird? Das haben wir so nicht erwartet. Wir dachten, er werde uns gleich erklären, wie überflüssig die neueste Schöpfung seiner Firma ist!

Wer sich das ganze Interview geben will, kann das hier tun. Gnädigerweise ist es hinter einer Bezahlschranke, also nur für Abonnenten abrufbar. Aber keine Bange, man findet dieselben Informationen in leicht verändertem Wortlaut sicher auch auf der Webseite von Moderna.

Egal, wo man es liest: Es ist einfach PR vom Feinsten. Und nicht mal verschleiert. Präsentiert von einer Zeitung, für die man über 500 Franken pro Jahr bezahlt, um sie lesen zu dürfen.

Nein, ich glaube nicht, dass die Blätter der CH Media dafür Geld erhalten haben. Die tun das sogar kostenlos. Der einzige Preis, den die Autoren bezahlen: Sie können am nächsten Tag nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn sie halbwegs Ehrgefühl haben.

Stellen wir uns für einen Moment vor, das «Tagblatt» und Konsorten würde der Frage nachgehen, wo man seine täglichen Einkäufe machen soll. Welches der beste Laden dafür ist. Das Interview zur Lösung der Frage wird mit dem Marketingchef eines bestimmten Grossverteilers geführt. Migros, Coop, Aldi, Lidl, egal: Einfach mit jemandem, dessen Lohn davon abhängt, seinen Arbeitgeber anzupreisen.

Hätte irgendein normal intelligenter Leser da auch nur eine Sekunde lang den Eindruck, er erhalte einen unabhängigen Ratschlag? Würde er dem glauben, was er da liest? Hätte er das Gefühl, objektiv beraten zu werden zu seinen eigenen Gunsten?

Kaum. Aber bei der Impfung mutet man uns das zu. Eine Zeitung, die das tut, könnte genau so gut eine Plakatkampagne starten, bei der im Überformat an den besten Standorten in grossen Lettern steht:

«Unsere Leser sind doof, und wir wissen das, ätsch!»

Aber das sind sie nicht. Die Leser sind nicht doof. Jedenfalls zusehends weniger. Das bewusste Interview hat für die Verhältnisse von CH Media nämlich relativ viele Kommentare generiert.

Hier eine kleine Auslese der Reaktionen, unredigiert und unkorrigiert:

  • Solche Interviews mit dem Hersteller von Impfstoffen kommt unglaubwürdig rüber und kann genau das Gegenteil bewirken als erhofft. 
  • Mit diesem Beitrag leistet sich die AZ wohl einen der groteskeren und provokativeren Art von Schildbürgerstreich. Es wäre schon lange begrüssenswert, wenn die Medien eine etwas kritischere und differenziertere Haltung zum Thema Corona einnehmen würden.
  • Man könnte doch auch mal den Hauptaktionär einer Spirituosenfirma fragen, ob er Alkoholkonsum für schädlich hält.
  • Was hat Moderna für dieses Interview bezahlt? Grotesk, den Verkäufer zu befragen! 
  • Ein Artikel für den runden Ordner. Null Informationsgehalt, rein auf das Geschäft ausgerichtet. Es gibt auch ganz andere Studien und Meinungen zur Immunität. Wer schreibt einmal davon in den Mainstreammendien?
  • Schade fragt man nicht andere Stimmen als einen Experten von Moderna. Ist doch klar dass er die Impfung befürwortet
  • Logisch, da steht ja viel Geld auf dem Spiel! Und dann alle Paar Monate eine Impfung.
  • Ist doch klar, dass dieser Experte von Moderna sagt, dass es noch einen Booster braucht. Schliesslich spült dieser Booster Millionen oder gar Milliarden in die Kassen von Moderna, worauf die Aktionäre und CEOs natürlich gierig warten.

Ach, für einmal bin ich stolz auf unsere Medienkonsumenten. Sie erkennen glasklar, wie absurd das Ganze ist. Und sie teilen das ihrer Zeitung mit.

Ob es etwas nützt? Das dürfen Sie mich nicht fragen, ich bin inzwischen Berufspessimist. Völlig unverhohlen wird heutzutage das völlig Undenkbare getan. Und sicher auch weiterhin. Die Schamgrenze liegt so tief, dass man über sie hinweg kriechen kann, ohne sich die Knie zu stossen.

Und weil es ein langer Text war, hier noch einmal die Kürzestfassung:

Die Zeitungen von CH Media fragen einen Chefverkäufer von Moderna, ob es die Produkte von Moderna wirklich braucht. (Keine Pointe)

Kann man machen. Warum auch nicht? Heute ist einfach alles möglich. Und man darf es für über 500 Franken pro Jahr kaufen, wenn man möchte.

Und in eigener Sache: Dieser Blog hier kostet ab CHF 48 Franken pro Jahr. Mit etwas gutem Willen dürfen Sie mehr bezahlen für dasselbe – wenn Sie wollen. Und Sie werden mit Garantie nie ein Interview zu lesen bekommen, in dem der Chefverkäufer eines Impfstoffs erklärt, wie dringend der Impfstoff ist. Mehr dazu hier – vielen Dank.

Die Unfreisinnigen

Hans-Ulrich Bigler, seit 2008 Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands und ehemaliger Nationalrat, verlässt seine Partei, die FDP. Er wechselt zur SVP. Die Freisinnigen könnten das als Warnruf aufnehmen. Aber sie tun es leider als Einzelfall ab. Ich kann nachvollziehen, was Bigler angetrieben hat.

Keine Frage: Hans-Ulrich Bigler, ein sehr entschlossener und nicht sehr diplomatischer Vertreter des Gewerbes, war während seiner ganzen politischen Karriere immer dem rechten Flügel der FDP zuzurechnen. Es gab immer mal wieder Leute, die suggerierten, er wäre bei der SVP besser aufgehoben. In gewissen Fragen, beispielsweise bei der Kritik an der SRG, stand er seit jeher eher der SVP näher. Aber sein Profil in den Kernfragen rund um Wirtschaft und Staat war dennoch durchaus freisinnig. Und es gab innerhalb der FDP schon immer Flügel. Das ist das Wesen einer Volkspartei.

Dass Bigler nun zur SVP überläuft, ist deshalb nicht, wie FDP-Kreise das andeuten, einfach dem Umstand geschuldet, dass er einfach vollzieht, was irgendwie schon immer so war. Im Gegenteil: Bigler politisiert seit Jahrzehnten konsistent und lag damit lange grossmehrheitlich auf der Linie der FDP. Dass das immer seltener der Fall war, ist nicht ihm zuzuschreiben, sondern seiner Partei. Gäbe es den Flügel noch, dem er angehört, würde er noch eine Rolle spielen und wäre man in dieser Position innerhalb der FDP noch handlungsfähig, hätte er bleiben können, wo er war.

Ich habe, ohne ein Kaliber wie der Gewerbedirektor zu sein, dieselben Erfahrungen gemacht und kann mir bestens vorstellen, was ihn zuletzt zermürbt hat. Irgendwann im frühen 21. Jahrhundert, der genaue Zeitpunkt ist mir nicht mehr präsent, bin ich der FDP beigetreten. Damals hatte ich mich bereits einige Jahre von meiner linken Vergangenheit distanziert und war Kleinunternehmer geworden. Mit voller Kraft gegen Bürokratie, für mehr Freiheit und weniger Staat, liberal bis ins Mark: Es schien mir eine logische Wahl. Das war meine Partei. Welche denn bitte sonst?

Ich war also vermutlich mindestens um die 15 Jahre lang ein Freisinniger. Dann kam Greta. Und irgendwann Corona. Erst da wurde mir bewusst, dass ich vielleicht schon viel länger einer puren Illusion zum Opfer gefallen war. Als aufmerksamer Konsument weiss ich ja eigentlich, dass das Etikett eines Produkts selten etwas mit dem echten Inhalt zu tun hat. Aber um es in diesem Fall wirklich zu erkennen, brauchte ich zunächst einen schwedischen Teenager mit akuter Schulmüdigkeit und ein Virus, das halb so wild ist wie behauptet.

Erst da erkannte ich: Ich bin immer noch ein Liberaler, ich will immer noch mehr Freiheit und weniger Staat. Aber die FDP offenbar nicht mehr. Und das ruft nach einer Scheidung. So weh sie auch tun mag.

Ich habe nichts gegen strategisches Denken. Dass eine Partei sich überlegt, was gerade en vogue ist und auf diesem Zug mitfährt: Klar, warum nicht, man muss ja nicht in Schönheit sterben. Aber – vielleicht bin ich altmodisch – ich war immer der Ansicht, dass die Grundwerte mehr Gewicht haben sollten als der schnelle Zugewinn. Dass es sich auf die Länge nicht auszahlt, mal schnell das eigene Fundament einzureissen, um darauf ein Luftschloss zu bauen, nur weil darin angeblich gerade viele Leute einziehen wollen.

Die FDP, grün angepinselt? Sich ohne Rücksicht auf Verluste der eigenen Klientel einfach mal schnell einen neuen Anstrich geben, weil der Trend gerade in diese Richtung weist? Dazu gehören nicht nur Banker oder Konzernbosse, sondern auch der selbständige Sanitärinstallateur, de Bauunternehmer, der Heizungsmonteur mit drei Angestellten. Von ihnen und ihren alltäglichen Problemen hat sich die FDP schleichend entfernt. Und dann schlagartig über Nacht mit grünem Aktivismus.

Ich habe diese Entwicklung lange mit Ratlosigkeit beobachtet. Was genau wollte die damalige Parteipräsidentin Petra Gössi damit erreichen? Ausser die eigene Basis zu verlieren? Die eigenen Ursprünge verleugnen? Weil gerade Wahlen anstehen?

Ich verstand zeitweise die Welt nicht mehr. «Ein Nein zum CO2-Gesetz ist für freiheitsliebende Menschen keine Option»: So lautete der Titel eines Blogbeitrags auf der Webseite der FDP vor der entsprechenden Abstimmung. Und weiter: «Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass Freiwilligkeit und Eigenverantwortung nicht ausreichen, um den Klimawandel zu stoppen.»

Im Rückblick bin ich sehr dankbar für diese offenen Worte. So habe ich erfahren, dass die FDP nichts mehr von Freiwilligkeit und Eigenverantwortung hält. Es hat mir alles leichter gemacht. Denn ich halte weiterhin sehr viel von genau diesen Werten.

Keine Missverständnisse bitte: Ich habe nie gefordert, dass sich die FDP nach mir richtet. Hans-Ulrich Bigler hat das auch kaum getan. Man muss nicht zu 100 Prozent mit den Parolen der Partei übereinstimmen, der man angehört. Im Gegenteil, das wäre seltsam. Gerade bei einer Volkspartei, die auf das Individuum setzt. Aber als ich zuletzt bei den meisten Abstimmungen zu einem anderen Ergebnis kam als «meine» FDP, war die Frage fällig: Bin ich denn überhaupt noch ein Freisinniger? Und wenn ja, ist denn die FDP überhaupt noch freisinnig? Nachdem sie ja ganz offensichtlich traditionelle Botschaften wie Freiwilligkeit und Eigenverantwortung aufgegeben hat?

Ich begann zu grübeln. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich mich in den letzten 15 Jahren politisch kaum bewegt habe. Meine Schwerpunkte sind dieselben geblieben, meine Haltung hat sich nicht verändert. Wie konnte es also sein, dass ich plötzlich kaum mehr Schnittmengen mit meiner einstigen politischen Heimat hatte?

Die einzig mögliche Antwort: Die Partei hat sich bewegt. Sie ist mir förmlich davon geschwommen.

Die Klimadebatte war der Ursprung meiner Reflexion, den Rest gab mir die Coronasituation. Nie zuvor in der Geschichte der Schweiz, jedenfalls in den 30 Jahren, in denen ich die Schweizer Politik aktiv miterlebt habe, bot sich eine solche Steilvorlage für eine Partei, um klarzustellen, wo sie steht: Auf der Seite der Freiheit, des Individuums, der Eigenverantwortung. Staunend sah ich aber stattdessen zu, wie die FDP die offizielle Politik begrüsste. Wie sie die Diskriminierung eines grossen Teils der Bevölkerung teils stoisch, teils sogar euphorisch, mittrug. Die Gastronomie ohne den Hauch einer Evidenz der Wirksamkeit von Massnahmen einfach mal zugrunde richten? Der Überwachung der Gesellschaft mittels eines Zertifikats einfach mal den Boden bereiten? Die FDP war mit dabei, ohne den Hauch eines Zweifels. Sie fand sogar zeitweise: Mehr davon bitte!

Hätte es eine Debatte gegeben, so hätte ich mich gerne mitten hineinbegeben, ohne Rücksicht auf Verluste. Aber die FDP ist letztlich eben doch eine Kaderpartei. Sie leistet sich eine Basis, weil sie die Mitgliederbeiträge braucht, aber in welche Richtung es geht, ist schon klar, bevor irgendein Mitglied eines Schulrats einer Gemeinde in Appenzell Innerrhoden den Mund aufgemacht hat.

Ich war allein und doch nicht allein, viele altgediente Freisinnige schauten staunend zu, was ihre Partei da veranstaltete, blieben aber stumm. Wo sollten sie denn auch hin, nachdem sie 40 Jahre lang Plakate montiert und Flyer verteilt haben? Niemand ist gern heimatlos. Es gibt eine Kluft zwischen Parteiführung und Parteibasis, auch wenn die FDP das gerne dementiert.

Ich verstand auch nicht, woher die Beisshemmungen in der Zeit des Virus überhaupt kamen. Das Gesicht der offiziellen Coronapolitik ist ein sozialdemokratischer Bundesrat. Der Urfeind der Liberalen. Eine Angriffsfläche ohne Ende, die sogar noch alles tat, um weitere Angriffsflächen zu bieten. Aussereheliche Eskapaden, zu deren Bereinigung staatliche Instrumente nötig waren, ein Blindflug über Frankreich: Die FDP sah hin, zuckte mit den Schultern und bekräftigte ihre Unterstützung für Alain Berset und seine Politik. Jedenfalls, was Parolen und öffentliche Verlautbarungen angeht. Und das ist die Partei, welche die Grundlagen für die moderne Schweiz geschaffen hat?

Letzte Hoffnung: Was ist mit den eigenen Bundesräten, hauen die wenigsten auf die Pauke? Verteidigen die Freiheit und Selbstverantwortung?

Fehlanzeige. Ignazio Cassis waltete im Krieg in der Ukraine als aktiver Totengräber der Neutralität. Karin Keller-Sutter wandelte sich von der «eisernen Lady», die sie als St.Galler Regierungsrätin noch war, zur treuen Befürworterin einer Coronapolitik, die so illiberal wie evidenzlos blieb. Getreu dem Motto: Bloss nicht auffallen und sicher wieder gewählt werden. Kein Aufmucken, kein Einsatz für freisinnige Werte. Neidisch schaute ich zur SVP herüber, deren Bundesrat Ueli Maurer wenigstens mit dem Überstreifen eines Trychler-Shirts signalisiert hatte, dass ihm doch nicht wohl war bei der ganzen Sache.

Wo waren die liberalen Werte, die ich jahrelang mit der Überweisung an gleich zwei Ortsparteien mitgetragen hatte? Wo wurde die Freiheit über den Staat gestellt? Was genau hat «freisinnig» zu bedeuten, wenn ich ungeimpft draussen vor der Tür stehen bleiben muss, und das mit dem Segen der eigenen Partei?

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.

Ich setzte mich hin und warf Google an. Schliesslich bin ich nicht Galileo Galilei, gut möglich, dass die FDP alles richtig macht und ich falsch liege. Vielleicht bin ich ja gar kein Liberaler und belästige die Partei nur unnötig mit meiner Zugehörigkeit? Vielleicht gehört es ohne mein Wissen in die liberale DNA, den Trend zu Einschränkungen zu unterstützen? Vielleicht sind diese Forderungen wirklich freisinnig: Fliegt gefälligst weniger oder zahlt immerhin mehr dafür, esst weniger Fleisch und vergesst das mit der Atomkraft! Möglicherweise ist das die wahre liberale Botschaft, ich habe es einfach nicht mitgekriegt?

Ich habe gesucht, ich habe die Vergangenheit der FDP nach Hinweisen darauf abgeklopft, ob ich ihre einstige Mission falsch verstanden hatte. Aber es sah nicht danach aus. Was Leute wie Hans-Ulrich Bigler vertreten, ist das, was die FDP einst ausgemacht hat. Oder zumindest ein sehr lange akzeptierter, sehr wichtiger Teil davon. Aber eben, die Partei hat sich offenbar weiterentwickelt. Sie hatte kä Luscht mehr, auf das Individuum zu setzen. Das mit der Freiwilligkeit und Eigenverantwortung stand irgendwann der gesellschaftlichen Entwicklung im Weg.

Was die FDP in den letzten Jahren getan hat, ist nicht ihrer Geschichte oder ihrem Parteiprogramm entsprungen; es ist ein billiger Reflex auf aktuelle Ereignisse. Die Partei wurde nach und nach fremdbestimmt von Schlagzeilen und Twitter-Parolen. Wenn Heerscharen von Kantonsschülern, die am Freitagnachmittag nicht Französisch oder Geometrie pauken wollen, mit Plakaten durch die Innenstadt ziehen, wollte sie darauf reagieren. Aber das tat sie nicht mit Haltung, die ist nur lästig. Sondern mit unendlich viel Verständnis. Die Parteiführung schien sich zu sagen: «Gehen wir in den Keller und schauen, ob da irgendwo ein grünes Mäntelchen liegt und ziehen uns dieses über – das Wahlresultat wird es uns danken.» Man wollte auf der «richtigen» Seite stehen.

Nur dass morgen schon als falsch gelten kann, was uns heute als richtig verkauft wird. Deshalb gibt es ja die übergeordneten Werte, die auch im grössten Sturm den Anker bilden sollen.

Auf der Strecke bleiben auf diesem Weg die Leute, die keine Lust haben auf Maskeraden. Die an ihrer Haltung auch bei Gegenwind festhalten wollen. Für die Werte kein beliebig austauschbares Produkt sind. Leute wie ich. Furchtbar aus der Mode gekommen offenbar. Und damit war klar: Ich muss da raus.

Keine Frage, mein Austritt hat bei der grossen alten Dame der Schweizer Parteilandschaft kaum zum Nachdenken geführt. Viel bedauerlicher ist es, dass es wohl auch der Seitenwechsel einer Figur wie Hans-Ulrich Bigler das nicht schafft. Es wird abgetan als konsequenter Schritt einer Figur, die sowieso nie richtig hineingepasst hat. Mit seinem Abgang ist die FDP nun wieder eine Spur «reiner» bei ihrer Metamorphose zu einer austauschbaren Kraft irgendwo links der Mitte.

Das ist schade. Denn wir brauchen ihn, den Freisinn. In seiner alten Form jedenfalls. Aber nicht so, wie er heute ist. Ein Schatten seiner selbst.

Nachtrag zur Transparenz: Seit einigen Monaten bezahle ich meinen Mitgliederbeitrag bei der SVP. Nicht, weil ich lückenlos mit dieser Partei übereinstimme oder eine politische Karriere anstrebe. Sondern als Signal zugunsten der Partei, die mich in dieser Zeit am wenigsten hat hängen lassen. Meinen Kritikern erleichtert das natürlich, mich in die «SVP-Schublade» zu stecken. Aber ihnen sei gesagt: Ich habe schon immer selbst gedacht und lasse mich in kein Korsett einspannen. Die FDP habe ich schon zu Zeiten meiner Mitgliedschaft oft und gern offen kritisiert.

Sorry, noch einmal Winnetou

Die Lage ist ernst. Ernsthaft ernst. Die Geschichte soll umgeschrieben werden. Was dem Zeitgeist nicht in den Kram passt, wird ausgemerzt. Da braucht es Gegenmassnahmen. Hier ist eine.

Die Ostschweizer Medien AG ist Herausgeberin von «Die Ostschweiz», einer Zeitung, die unter vielen anderen Dingen auch für den Widerstand gegen Zensur und Auswüchse wie «Cancel Culture» steht. Wenn es einem Kulturgut an den Kragen geht, einfach, weil einige Zeitgenossen beschlossen haben, es sei aus heutiger Sicht nicht mehr «korrekt», ist das eine beunruhigende Entwicklung.

buch-schweiz.ch ist der Onlineshop der Ostschweizer Medien AG. Hier gibt es Bücher, E-Books, Hörbücher, Videos und vieles mehr. Solche Shops gibt es zuhauf, aber die meisten gehören grossen Unternehmen (oder sind selbst ein grosses Unternehmen) und unterwerfen sich blind dem erwähnten Zeitgeist. Sie sind bereit, mitzumachen. Über kurz oder lang werden sie alles ausmerzen, was nicht «woke» ist. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Dagegen muss man etwas tun. Beispielsweise das hier:

https://www.dieostschweiz.ch/artikel/rettet-winnetou-buch-schweizch-lanciert-aktion-fuer-die-werke-von-karl-may-3ObLrwo

Ihr könnt ein Zeichen setzen, indem Ihr den Link verbreitet und/oder die Winnetou-Bücher selbst bestellt. Der Markt muss begreifen, dass man Kulturgut nicht einfach ausradieren kann, nur weil Dauerempörte glauben, darin etwas «Schlechtes» erkannt zu haben.

Karl May und sein «Winnetou»: Alle Jahre wieder

Weltliteratur umschreiben, weil sie nach heutigen Massstäben nicht mehr «korrekt» ist: Diese Debatte läuft aktuell gerade wieder. Ich wollte mich eigentlich aktuell dazu äussern, aber dann hatte ich ein Déjà-vu.

Denn Geschichte wiederholt sich, und wir stecken nicht erst seit gestern in diesem irren, planlosen Unsinn. Ich habe kurz gewühlt und einen Beitrag aus dem Jahr 2018 gefunden, in dem ich die Frage am Beispiel von «Kasperli» thematisiert habe. Man kann das 1:1 auf die heutige Debatte umlegen. Es hat sich nichts verändert, die allgemeine Aufregung ist dieselbe – ebenso die Argumente gegen die Verstümmelung der Vergangenheit. In diesem Sinn, unredigiert, unaktualisiert und zeitlos:


Wenn Kasperli einen Mohrenkopf vertilgt

Kürzlich debattierte die ganze Schweiz, ob Mohrenköpfe so heissen dürfen wie sie im Volksmund heissen. Und seit Jahren hält die Diskussion an, ob bestimmte Wörter in Kinderbüchern heute noch zulässig sind. Ist diese Debatte wichtig – oder letztlich absurd?

Wir Eltern verklären oft die eigene Kindheit. Und wir sind ganz begierig darauf, wenigstens Teile davon an die eigenen Kinder weiterzugeben. Es gibt nun wirklich genügend Dinge, die unsere Kinder machen und von denen wir nicht mal geträumt hätten. Google? Hätte ich das zu meinen Eltern gesagt, hätten sie mich zur Logopädin geschickt. Du willst surfen? Lern zuerst mal Skifahren. Wir Digital Immigrants sehen mit Verwunderung und Bewunderung zu, wie unsere Kleinen ganz natürlich mit der digitalen Welt aufwachsen. Wie früh und wie stark sie das tun sollen, ist Gegenstand vieler Diskussionen von Fachleuten, aber Tatsache ist: kaum ein Kind bleibt von der digitalen Revolution unberührt.

Heile Welt?

Also ist es doch umso schöner, wenn wir in diese verrückte Welt der Bits und Bytes da und dort ein bisschen heile alte Welt reinbringen. Zum Beispiel in Form von Büchern, Hörspielen und Filmen, die uns bereits geprägt haben und die so raffiniert gemacht sind, dass sie in jeder neuen Generation wieder funktionieren. Kasperli zum Beispiel, Globi natürlich, Pippi Langstrumpf, Tim und Struppi und wie sie alle heissen. Nur leider, so meint eine wachsende Gruppe von kritischen Betrachtern, ist diese heile Welt alles andere als heil. Und wenn sie vielleicht auch noch für uns Kinder aus den 70er- oder 80er-Jahren in Ordnung war, so geht einiges heute überhaupt nicht mehr, heisst es.

«De Schorsch Gaggo reist uf Afrika» zum Beispiel: Das ist eine der beliebtesten Folgen von Kasperli. Und bei genauerer Betrachtung wimmelt es dort nur so von kolonialistischen Tendenzen und bösen Wörtern. Das eindeutigste davon ist «Neger», hier vor allem angewandt auf einen ziemlich rückständig wirkenden König und seine Tochter, die natürlich herzige «Chrüseli» hat. Da werden Klischees bedient, die damals als Wahrheit galten.

Neger: Geht das? Der inzwischen verstorbene Jörg Schneider, der Kasperli nicht nur die Stimme verliehen, sondern seine Abenteuer auch mitgeschrieben hat, sagte zu diesem Thema 2012 in der «Weltwoche» das hier: «Als ich dies geschrieben habe, waren die Wörter noch kein Problem. Auch im Welterfolg von Michael Ende war Jim Knopf als ‚Negerbube’ bezeichnet worden. Das war nicht negativ oder abfällig gemeint. Als das Wort ‚Neger’ dann verpönt wurde, kamen Frauen, die mit einem Schwarzen zusammen waren, und haben reklamiert. Wir haben die als diskriminierend empfundenen Wörter dann rausgeschnitten.»

Selbstzensur der guten Stimmung halber also gewissermassen. Vorauseilender Gehorsam. Das haben nicht alle gleich gehalten, aber vielerorts waren die Verlage eifrig und haben Neuauflage ihrer Werke in diesem Sinn entschärft. Denn «Neger» kamen in den alten Bestsellern häufig vor, zum Beispiel bei Pippi Langstrumpf oder der Kleinen Hexe. Es ist relativ einfach, solche in Kritik geratenen Begriffe auszutauschen gegen weniger gefährliche. Dann ist der «Negerkönig» bei Pippi eben einfach ein «Südseeherrscher». Selbstverständlich verändert sich dadurch die Geschichte nicht, und unsere Kinder nehmen den Südseeherrscher zur Kenntnis. Auch wenn sie vermutlich nicht wissen, was die Südsee ist und was ein Herrscher so tut.

Man kann es also machen, und mit Sicherheit geht man damit drohendem Ärger aus dem Weg. Es gibt private und staatlich besoldete Stellen, die mit Feuereifer künstlerische Werke auf politische Unkorrektheit abklopfen und intervenieren, wenn sie etwas gefunden haben. Das führt meist zu einem Anstieg der Bekanntheit und damit der Verkaufszahlen. Der Mohrenkopf ist ein gutes Beispiel dafür. Begriffe, die einst unproblematisch waren und heute anders betrachtet werden, verändern: Man kann es machen – aber muss man es auch?

Wer stört sich wirklich?

Als meine Kinder auf einer alten Kassette erstmals mit dem Negerkönig konfrontiert wurden, wollten sie wissen, was das ist. Eine besondere Art von König? Das Wort «Neger» hatte für sie keinerlei Bedeutung, weder im guten noch im schlechten Sinn. Ich erklärte ihnen, dass man früher Leute mit dunkler Hautfarbe so genannt hatte, dass man das heute aber nicht mehr mache. Sie wollten wissen, warum – hatten sich die «Neger» daran gestört?

Die offene und ehrliche Antwort: Nein, meines Wissens nicht. Ich habe eine katholische Privatschule besucht, die in Afrika Missionsarbeit geleistet hat. Immer wieder waren Priester von dort zu Besuch, und diese bezeichneten sich mit einem stolzen Lachen als «Neger». Vermutlich waren diese Begegnungen nicht repräsentativ, aber der Eindruck bleibt, dass in unseren Breitengraden vorwiegend sehr weisse Leute den Feldzug gegen das Wort führen. Oder wie es Jörg Schneider erzählte: Nicht die Leute dunkler Hautfarbe reklamierten, sondern ihre Frauen heller Hautfarbe. Die direkt Betroffenen halten sich oft nicht an solchen Details auf. Sie sind mehr daran interessiert, gesellschaftlich integriert zu werden, sich ihr Auskommen zu verdienen und respektiert zu werden – unter welchem Namen auch immer.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Jeder hat das Recht, nicht aufgrund seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seines Glaubens herabgesetzt zu werden. Zum Zeitpunkt, als Schorsch Gaggo nach Afrika reiste, kam niemand auf die Idee, der Begriff «Neger» könnte eine solche Herabsetzung darstellen. Inzwischen sind viele der Ansicht, dass das der Fall ist. Aber auf welcher Grundlage? Wurde das Wort zum Unwort, weil es zu oft negativ verwendet wurde?

Für Chinesen sind wir Weisse «Langnasen». Wir stören uns nicht daran, vermutlich, weil wir keine an Tragödien reiche Geschichte haben wie viele schwarze Völker. Aber war es der Begriff, der beispielsweise zu Apartheid und Rassismus führte – oder steht das Wort einfach stellvertretend für diese Dinge? Und wenn ja, inwieweit leistet Kasperli der Ausgrenzung Vorschub, wenn er das Wort benützt? Der Reflex, Wörter zu verbieten, weil sie an unangenehme Ereignisse erinnert, ist menschlich verständlich, aber löst er das Problem oder hilft er, solche Ereignisse in Zukunft zu verhindern?

Begriffe und Haltung

Die öffentliche Debatte hat ihre Auswirkungen schon ohne eigentliche Verbote entfaltet. Ich selbst würde das Wort «Neger» nicht in den Mund nehmen, und ich möchte auch nicht, dass es meine Kinder tun. Das habe ich ihnen auch vermittelt. Der Grund dafür ist einfach: Nur schon die seit Jahren anhaltende Diskussion hat dazu geführt, dass heute nur noch diejenigen das Wort benützen, die sich tatsächlich abfällig äussern wollen. Früher, als es das «offizielle» Wort für Menschen dunkler Hautfarbe war, gab es keine negative Konnotation. Sie entstand erst durch die aktive Auseinandersetzung mit dem Begriff. Ob sich damit die Lage der betreffenden Menschen verbessert hat, bleibe dahingestellt.

Denn Rassismus liegt nicht in einem Begriff, sondern in einer Haltung. Wer am Kiosk einen Mohrenkopf verlangt, will damit nicht Menschen anderer Hautfarbe herabsetzen, sondern verwendet einen längst in der Gesellschaft angekommenen Markennamen, um ein Produkt zu kaufen. Wenn ich meinen Kindern einen Mohrenkopf vorsetze und diesen dabei auch so nenne, werden sie daraus keine fremdenfeindliche Gesinnung entwickeln. Selbstverständlich findet man haufenweise Expertinnen und Experten, die uns erklären, wie der Sprachgebrauch über Jahre und Jahrzehnte unser Denken formt. Aber wenn eines nicht klappt, dann das: Mit dem Mittel der Sprache das Denken der Menschen in die gewünschte Richtung zu steuern. Vor allem nicht, wenn diese «neue» Sprache ideologisch aufgeheizt aufgezwungen wird. Das wird man beim Thema «Gendern» hoffentlich bald wahrnehmen.

Ein ganz anderes Beispiel zeigt das bestens. Frauenaktivistinnen kämpfen seit langem darum, dass der Begriff «Hausfrau» aus der allgemeinen Verwendung verschwindet. Als Alternative wird unter anderem «Familienfrau» oder «Familienmanagerin» ins Spiel gebracht (wobei der «Hausmann» am Rande bemerkt nie kritisiert wurde). Man will damit zum Ausdruck bringen, dass eine Frau, die in erster Linie zuhause tätig ist, ja weit mehr tut als für das Haus zu sorgen, also zu putzen und zu kochen. Sie erzieht, sie betreut, sie plant, sie unterhält. Das ist alles richtig. Die Sache ist nur: Wer eine schlechte Meinung von Frauen (oder Männern) hat, die «nur» zuhause arbeiten, wird sich auch nicht eines Besseren belehren lassen, wenn man sich als «Familienmanagerin» bezeichnet. Es ist die Haltung des Einzelnen, nicht der Begriff, der zählt.

Deshalb ist es übrigens ein anderes Thema, wenn Kinderbücher beispielsweise Stereotypen zementieren – das Mädchen wird Krankenschwester (ja, ich weiss, der Begriff ist inzwischen auch verboten), der Junge wird Arzt. Hier nimmt man nicht Bezug auf Begriffe, die im Grunde neutral sind und erst im Lauf der Zeit negativ belegt wurden, sondern es wird eine Rollenverteilung zelebriert mit dem Ergebnis, dass Kinder nicht selten das Gefühl haben, das «müsse» so sein. Ebenfalls problematisch ist es, wenn nicht nur der Begriff «Neger» verwendet wird, sondern die entsprechenden Figuren ein klischeebehaftetes negatives Verhalten an den Tag legen. Das kann tatsächlich dazu führen, dass die Wahrnehmung im echten Leben von der Geschichte beeinflusst wird. Aber eben: Es sind nicht die Begriffe, die zum Problem führen.

Erklären statt zensieren

Unsere aktuellen Abend-Vorlesebücher stammen vom englischen Autoren David Walliams. Es sind wunderbare Werke. Ich habe nach einigen Seiten aufgehört, die unkorrekten Begriffe zu zählen, die er verwendet. Es sind sehr, sehr viele. Aber keiner davon macht aus meinen Kindern Monster oder Fremdenfeinde. Walliams lässt seine Figuren so sprechen, wie Menschen eben sprechen. Er wurstet die Dialoge nicht durch einen Korrektheits-Filter, bis jedes Leben ausgepresst ist.

Kinder können damit umgehen. Sie mögen es, wenn sie glauben, dass die Figur im Buch «echt» ist, wenn sie so redet wie die Kollegen auf dem Pausenplatz. Und man kann ihnen an der einen oder anderen Stelle durchaus erklären, dass man das auch anders hätte sagen können. Vielleicht trauen die Leute, die blindwütig jedes Werk durchforsten und allenfalls kritische Begriffe ausmerzen, unseren Kindern – und uns Eltern – auch einfach zu wenig zu.

Keine Frage: Man kann «De Schorsch Gaggo reist uf Afrika» umschreiben und alle Wörter eliminieren, an denen irgendjemand Anstoss nehmen könnte. Der aufwändigere, aber vielleicht sinnvollere Weg wäre es, das Original laufen zu lassen und den Kindern zu erklären, wie es damals war – und weshalb es heute anders klingen würde.

Bundesrat Zeller (Teil 2)

Mit etwas Verspätung der zweite Teil des Fortsetzungsromans «Bundesrat Zeller». Viel Lesevergnügen.

Zu Teil 1 geht es hier.

Remo König konnte von Glück sagen, dass er nicht Müller, Meier oder Rüdisüli hiess. Bei seiner Firmengründung musste er damals nicht lange nachdenken. «Königsmacher GmbH» hiess das Unternehmen, das aus ihm und seiner Frau, die für das Rechnungswesen zuständig war, bestand. Er hielt das für sehr treffend, denn exakt das war er: Ein Mann, der aus einem Bauern, Sanitärinstallateur, Buchhalter oder Juristen einen König machte. Wenn es gut lief. Oder jedenfalls die ungefähre Entsprechung eines Königs in einer Demokratie fernab von monarchischen Titeln. Gemeindepräsident zum Beispiel. Oder Nationalrat.

Soweit es König betraf, den «Politberater», wie er sich auf der Visitenkarte nannte, konnte das auch mit einem Landmaschinenmechaniker gelingen. In der Theorie jedenfalls. Bei Lukas Zeller waren bereits nach einigen Minuten Gespräch leichte Zweifel angebracht. König musste ganz einfach nachfragen, weil er es immer noch nicht ganz verstanden hatte. Oder eher: Nicht ganz begreifen konnte.

«Also, ich verstehe das richtig, Sie werden als Nationalrat kandidieren, ohne Partei im Rücken, ohne jede Erfahrung, Sie wollen dabei auf keinen Fall gewählt werden, aber auch nicht völlig gnadenlos abschmieren?»

Zeller nickte und schob die Krumme von einer Mundecke in die andere. König hatte gleich nach dem Betreten des Büros sehr deutlich gemacht, dass hier Rauchverbot galt, aber so liess sich wenigstens ein leichter Placeboeffekt erreichen.

«Genau», nuschelte er an der Krummen vorbei. «Will ja nicht, dass es peinlich wird. Aber zu gut soll es eben auch nicht laufen. Keine Lust auf den Zirkus.»

«Verstehe.» König nickte, obwohl er in Wahrheit weder ein Wort verstand noch der Aufgabenstellung irgendetwas abgewinnen konnte. In aller Regel wollten seine Kunden eine Wahl gewinnen. Und in ganz verzweifelten Fällen, in denen die Kandidatur nur aus Prinzip erfolgte, beispielsweise, um eine stille Wahl zu verhindern, wollten sie doch immer möglichst viel erreichen. Der Mann hier forderte aber offenbar allen Ernstes, dass ihn sein Berater in spe auf exakt 49,9 Prozent brachte – grandioser Achtungserfolg, aber leider, leider, eben nicht genug.

Nichts gegen eine veritable Herausforderung, aber das schien König nun doch etwas viel verlangt.

Zeller blickte im wenig repräsentativen Büro herum und zog heftig an der kalten Krummen, als könnte er so wie durch ein Wunder doch einen echten Effekt verspüren. König war ihm von einem Freund empfohlen worden, dessen Vater einst bei einer ziemlich bedeutungslosen Wahl in die Geschäftsprüfungskommission einer ziemlich bedeutungslosen Gemeinde auf seine Beratungsdienste gezählt hatte.

Völlig freiwillig war er nicht hier. Spielschulden sind Ehrenschulden. Wenn er gar keine Anstrengungen auf die Wahl hin unternahm, würde man ihm das danach in der Jassrunde auf ewig vorhalten. Irgendetwas musste er also tun, um den Schein zu wahren.

Remo König blätterte ziellos in einem dick gefüllten Bundesordner herum. Das war seine «Königs-Anleitung», wie der ersten Seite zu entnehmen war, eine Art gesammeltes Wissen seiner bald 20 Jahre im Geschäft. Nur dass sich darin trotz der langen Karriere keinerlei Informationen darüber fanden, wie man einen Kandidaten gezielt ehrvoll verlieren lässt.

«Vorschlag», sagte König und schob den Ordner zur Seite. «Wir geben Vollgas. So richtig. Wenn ich das korrekt sehe, haben Sie sowieso keine Chance. Sie treten gegen einen Amtsinhaber an. Der mag nicht übermässig beliebt sein…»

«Den hassen alle», unterbrach ihn Zeller.

«Der mag nicht übermässig beliebt sein», fuhr König fort, «aber der Bisherigenbonus wirkt in aller Regel, wenn man nicht gerade einen handfesten Skandal auf dem Konto hat. Das heisst, wir können uns ruhig anstrengen, reichen wird es nicht, aber wie gewünscht wird das Resultat auch nicht peinlich.»

Zeller nahm die Krumme aus dem Mund und starrte König nachdenklich an. «Skandal. Interessant. Vielleicht würde man da ja was finden.»

König starrte zurück. «Und dann? Sie wollen ja eben ausdrücklich nicht gewählt werden. Warum sollten wir Ihrem Gegner einen Skandal unterjubeln?»

«Keinen grossen. Einen kleinen. Oder mittelgrossen. So, dass ich ein paar Prozente mehr kriege. Ich meine, ich lebe in dem Dorf. Und will dort bleiben. Wenn ich nur fünf Stimmen kriege, höre ich das bis an meins Lebensende.»

Das wird nicht einfach, dachte König. Zumal sein Gegenüber schon zu Beginn gesagt hatte, dass er nicht viel auslegen konnte für die Wahlkampfberatung. Die Wahrheit war, dass König alles andere als stark ausgelastet war. Seine letzte Tätigkeit als «politischer Berater» lag etwa zwei Jahre zurück, und seither war er damit beschäftigt gewesen, einem Hühnerzüchter beim Kampf gegen behördliche Auflagen zu helfen und Werbetexte für eine lokale Spenglerei zu verfassen. Das wollte er gegenüber potenziellen Neukunden natürlich nicht zugeben, und er hatte Zeller vorgespielt, er sei aufgrund der interessanten Herausforderung bereit, vergünstigt zu arbeiten.

Inzwischen dämmerte König, dass selbst eine gute Bezahlung diese Aufgabe nicht angenehmer gemacht hätte. Aber es ging darum, im Spiel zu bleiben. Oder in seinem Fall: Ins Spiel zurückzukehren. Da draussen wusste ja kein Mensch, vor welcher seltsamen Ausgangslage er stand: Einen Kandidaten zu beraten, der auf keinen Fall gewählt werden wollte. Gelang das Wunder, würde er, König, ziemlich gut da stehen in der Branche.

Was ihn zur Frage brachte, die ihn seit einer halben Stunde umtrieb. «Warum wollen Sie eigentlich nicht gewählt werden?»

Zeller nahm die Krumme aus dem Mund und legte sie auf den Sitzungstisch. Er wollte vermeiden, dass sie noch völlig aufgeweicht war, bis er hier raus kam.

«Naja, was soll ich da oben in Bern? Ich habe ja nicht mal einen Anzug. Und das dauernde Gerede würde mich langweilen. Ich mag Politik, aber nicht so. Lieber Jasspolitik.»

Remo König beugte sich leicht vor. Er war ziemlich sicher, dass nicht einmal seine «königliche Anleitung» diesen Begriff enthielt, und da stand ziemlich alles drin, was man über eine politische Kandidatur wissen muss.

«Jasspolitik?»

«Ja, Politik beim Jassen eben. Also, am Stammtisch. In der Beiz. Sagen, was einem alles nicht passt. Was man viel besser machen würde. Aber ich habe doch keine Lust, das dann wirklich zu machen.»

König lehnte sich zurück und nickte. Das machte Sinn. Vor ihm sass der Prototyp des ländlichen Schweizers. Über «die da oben» schimpfen, aber nicht im Traum daran denken, etwas zu ändern. Insofern war Zeller sehr gewöhnlich. Nur dass es für die Welt da draussen nun eben so aussah, als wäre er bereit, vom Stammtisch in die Wandelhalle des Bundeshauses zu wechseln.

«Ich mache mir mal Gedanken». Remo König stand auf und streckte seine Hand aus. Er hatte schon fast Sehnsucht nach der Arbeit an einem Spenglerei-Werbetext.

Fortsetzung folgt.

Das Selbstverständliche reicht für den Master

Im Rahmen einer Masterarbeit hat eine Studentin das Verhalten der Medien während der Coronasituation durchleuchtet. Ihre generellen Befunde sind überraschungsfrei.

Freundliche Medien, darunter der «Blick» und die SRG besonders freundlich: Das ist das Resultat der Analyse von zehntausenden von Medienberichten zu Corona. Freundlich im Sinn von: Unterstützend gegenüber der offiziellen Coronapolitik und damit dem Bundesrat. – Keine Pointe.

Ohne die Fleissarbeit unter der Mitwirkung von Algorithmen schmälern zu wollen: Zum selben Ergebnis hätte auch die tägliche Lektüre der Medien geführt. Es ist bekannt, es ist erwiesen, und zum Teil wissen wir sogar, dass das Ergebnis kein Zufallsprodukt, sondern systematisch und von oben diktiert war.

Und nun?

Das Problem ist ja nicht (nur) die Berichterstattung der letzten 2,5 Jahre, sondern auch das sture Festhalten daran, das Ausbleiben jeder Erkenntnis oder zumindest das Ausbleiben einer Korrektur. Die deutsche «Bild» hatte einst wenigstens die Grösse, sich für die ebenfalls lange unkritische Auseinandersetzung mit dem Thema zu entschuldigen. Darauf können wir bei uns wohl lange warten.

Im Gegenteil. Bei anderen Themenkomplexen machen die grossen Medienhäuser unverdrossen weiter. Corona ist nicht mehr im Fokus: Dann berichten wir eben im selben Stil einseitig über den Krieg in der Ukraine, den Klimawandel, die Gender-Bemühungen und so weiter. Verlassen wir uns auf das, was ja augenscheinlich funktioniert: Unseren Lesern eintrichtern, was richtig ist und was falsch, das Marketinginstitut für Behörden spielen, abweichende Stimmen ausblenden oder diffamieren.

Und nicht zuletzt bleibt anzumerken, dass die bewusste Analyse sowieso für keinerlei Aufregung sorgen wird. Der «Blick» und die SRG haben Bern brav gestützt? Na, warum denn nicht, das war ja richtig und wichtig, und wer etwas anderes sagt, ist sowieso ein schwurbelnder Verschwörungstheoretiker: So dürfte die breite Masse denken.

Aber hoffen wir mal, dass wenigstens eine gute Note rausschaut.

Unsere letzte Hoffnung: Die Übertreibung

Auf dem Weg zu einer besseren, gerechteren und politisch korrekten Welt fallen linke und woke Kreise gerade gegenseitig über sich her. Es gab nie einen besseren Zeitpunkt, sich Popcorn zuzubereiten. Und möglicherweise verhilft der grassierende Wahnsinn dem gesunden Menschenverstand zur Rückkehr.

Das Bühnenduo Ursus & Nadeschkin habe ich nie live erlebt. Ich habe dank weniger Youtube-Ausschnitte früh festgestellt, dass das nicht mein Humor ist. Aber die beiden sind erfolgreich und haben ihr Publikum, nur das zählt.

Nun wurde irgendjemand im Zug der ganzen Dreadlocks-Debatten auch beim Anblick von Nadeschkins Perücke von spontanem Unwohlsein ergriffen und forderte, die Bühnendarstellerin solle auf ihre Kopfbedeckung verzichten. Da draussen scheint es sehr viele Leute zu geben, die in ihrer eigentlichen Existenz keinen Sinn sehen und verzweifelt versuchen, sich eine Daseinsberechtigung zu verschaffen, indem sie Minderheiten schützen, die gar nicht geschützt werden wollen, jedenfalls nicht so.

Ich erspare mir an dieser Stelle historische Einblicke, die zeigen, dass Rastas bzw. Dreadlocks keineswegs afrikanischen oder jamaikanischen Ursprungs sind, sondern sich lange zurückverfolgen lassen, beispielsweise zu den (sehr weissen) Kelten. Das wurde oft genug betont, aber das sind Fakten, und die stehen der Empörung nur lästig im Weg rum.

Jedenfalls ist nun auch der Fall von Nadeschkin in die sozialen Medien und von dort aus in die Schlagzeilen unserer Leib- und Magenblätter geraten. Und darüber freue ich mich.

Denn dieser ganze Woke-Unsinn findet nur ein Ende, wenn die Dauerentrüsteten es auf die Spitze treiben. Schon jetzt zeigt sich klar, dass selbst ein Teil der anderen Gutmenschen die Welt nicht mehr versteht. Seit die «Cancel Culture» auch Frisuren aufs Korn nimmt, geht es sogar denen zu weit, die zuvor noch gern bereit waren, missliebige Leute an der Ausübung ihres Berufs zu hindern. Denn das ist so offensichtlich diskriminierend, dass sich auch sonst «woke» Leute nicht mehr wohl fühlen.

Gut so. Wir brauchen noch ein halbes Dutzend mehr solcher blanker Übertreibungen. Auf diese Weise entlarvt sich die Gruppe der selbsternannten Supertoleranten als das, was sie sind: Intolerant. Die Antirassisten zeigen sich als das, was sie sind: Rassistisch. Die Linken zeigen sich als das, was sie sind: Gelebte Rechte. Es kann gar nichts Besseres passieren. Endlich sieht man, dass der Kaiser nackt ist.

Übertreibungen haben in der Geschichte schon immer zum Ende einer unheilvollen Entwicklung geführt.

Faule Journalisten lieben das Wort «Verschwörungstheorie»

Kritik an der SRG durch einen wahrhaftigen Insider? Mit dem kann ja etwas nicht stimmen. Und offenbar war er auch schon beim Psychiater! – Kleine Chronologie, die einmal mehr aufzeigt, dass die meisten Medien nicht an der Wahrheit interessiert sind. Dafür sind sie perfekte Diffamierungskünstler.

«Der SRG-Insider der «Weltwoche» ist Verschwörungstheorien verfallen»: So lautete der Titel eines Artikels im «Tages-Anzeiger», nur zugänglich mit Abo. Ich rate aber davon ab, dafür Geld auszugeben. Im Übertitel heisst es: «Buch begeistert Service-Public-Gegner».

Ich verehre den Autor des Artikels, Andreas Tobler, wie er es schafft, in so wenigen Worten und noch bevor der eigentliche Text beginnt, so viele Fehler zu machen.

Es geht um das Buch «Im Hexenkessel der Bundeshaus-Medien» von Martin Hasler. Ich habe darüber in der «Weltwoche» geschrieben. Hasler ist also keineswegs ein «SRG-Insider der Weltwoche», er ist ein SRG-Insider in eigener Regie, ich habe den Mann lediglich porträtiert. Er hat mir keine geheimen Einblicke verschafft, was in meinem Artikel steht als Information über die SRG, kann man auch in seinem Buch nachlesen.

Und nein, werter Herr Tobler, man muss kein «Service-Public-Gegner» sein, um seine liebe Mühe mit der SRG und ihren Medien zu haben. Man kann sogar ein regelrechter Fan der Idee des Service Public sein und dennoch finden, dass er aktuell in der Schweiz miserabel gemacht und das Geld nicht wert ist. Diese Vereinfachung, diese Pauschalisierung, dient einfach wieder dem Versuch, Schubladen zu kreieren, in die man Kritiker reinstecken kann. Alles Gegner von XY, alles Rechte und so weiter.

Es ist also ein hundslausiger Einstieg in den Tagi-Artikel, und danach wird es nicht besser. Was das mit dem «Verschwörungstheoretiker» angeht: Martin Hasler trifft keine klaren Aussagen, sondern stellt Fragen in den Raum, derer man sich annehmen könnte. Eben einfach das, was eigentlich Journalisten tun sollten. Die sind aber zu faul oder haben ihren Beruf verfehlt, und es ist natürlich viel bequemer, alles als Verschwörungstheorie abzutun, als sich mit den Fragen, die gestellt werden, ernsthaft zu behaupten.

Es gab in meinen 30 Jahren als Journalist hin und wieder Geschichten, die mir zugetragen wurden und die ich dann nicht realisieren wollte. Beispielsweise, weil ich sie für nicht stichhaltig hielt. Aber ich habe mir immer und ausnahmslos die Zeit genommen, in die Materie reinzuschauen, bevor ich mir dieses Urteil erlaubte. Der Tagi-Mann Andreas Tobler und viele seiner Kollegen machen es sich viel einfacher: Wenn ihnen die Grundthese nicht schmeckt – und Kritik an der SRG schmeckt ihnen nicht – diffamieren sie einfach den Urheber der These und können ihn so ignorieren.

Dazu hat Tobler noch die Frechheit, prominent aufzuführen, dass Martin Hasler einen Psychiater aufgesucht hat, um seine schwierige berufliche Situation und den inneren Spagat, dem er ausgesetzt wurde, zu verarbeiten. Tobler schreibt es nicht so, hofft aber garantiert, dass die Leser seines Artikels danach denken: «Ach so, ein Mann mit persönlichen Problemen, dem alles zu viel wurde, und dann hat er seine inneren Dämonen in Buchform verarbeitet, das muss man ja nicht ernst nehmen.»

Das sollte man sehr wohl doch. Ich fand es ebenfalls unnötig dass im Buch von Hasler auch noch Themen wie 5G aufkommen, und ich denke, er selbst würde das heute auch anders machen. Aber abseits davon ist sein Einblick in die Atmosphäre der SRG sehr authentisch und gleichzeitig sehr beunruhigend. Ich kann seine Eindrücke aus meinen eigenen Erfahrungen mit dem Staatssender bestätigen. Aber darauf mag der «Tages-Anzeiger» gar nicht erst eingehen. Er arbeitet sich einfach am Buchautor ab, das ist natürlich ungefährlicher, als mal der Frage nachzugehen, ob bei der SRG vielleicht nicht doch einiges im Argen liegt.

Unterm Strich ist diese «Buchbesprechung», die zur persönlichen Abrechnung wurde, nichts anderes als ein weiterer Beleg dafür, dass man den meisten Medien nicht mehr trauen darf. Aber das ist ja nichts Neues.

Bestellen kann man das Buch von Martin Hasler übrigens hier.

Wegen zu geschlossen

Ich hoffe, meine Abonnenten nehmen es mir nicht krumm, aber ich habe mich entschieden, meine Ferien mit den Kindern für einmal ernst zu nehmen. Sprich: Diese Woche kommt hier nicht viel. Ich bin Mitte August zurück. Aber es gibt ja sehr viel nachzulesen auf dieser Seite. Deal?

Meine Zeit beim «Blick»

Ich habe in 30 Jahren Journalismus einiges getan. Und alles hat mich letztlich weiter gebracht. Dieser Auszug aus meinem Buch «Schreib!» geht auf meine (kurze) Zeit beim «Blick» ein, an die ich durchaus auch gute Erinnerungen habe.

Das anekdotisch-biografische Buch «Schreib!» gibt es nach wie vor zu kaufen für CHF 10 direkt beim Verlag, und ich freue mich sehr über jede Bestellung (und nein, ich werde nicht reich damit bei diesem Preis) – einfach hier lang.

Was folgt, ist ein Auszug aus dem Buch.


Probieren Sie alles aus, aber setzen Sie sich Grenzen.
Meine Zeit beim «Blick».

Ich habe in meinem Leben einige Dinge getan, auf die ich stolz bin. Und natürlich auch das Gegenteil. Ironischerweise war ich meist stolz auf das, was andere Leute als völlig daneben empfanden – und umgekehrt.

1998 ging ich zum «Blick». Das war nach dem Niedergang der damaligen Tageszeitung «Die Ostschweiz» Ende 1997 und einem glücklosen Versuch bei einer neu gegründeten Radionachrichtenagentur, die bald danach pleite ging. Der Schritt zum national bedeutenden Boulevardblatt schien mir logisch. Ich hatte rund sechs Jahre bei lokalen und regionalen Medien verbracht, zwischendurch sogar mit einem Ausflug zum gesprochenen Wort beim damaligen St.Galler «Radio aktuell». Aber ich wollte lieber schreiben. Die Stelle als Ostschweiz-Reporter beim «Blick» konnte mir die nationale Bühne eröffnen. Ich schrieb ja sowieso, war es da nicht verheissungsvoll, dass es mehr Leute zu lesen bekommen, vielleicht sogar einige unter 80-Jährige?

Meinen Schritt fanden viele Leute in meinem Umfeld ziemlich widerlich. Der «Blick» hatte einen miserablen Ruf. Meine Sichtweise war hingegen pragmatisch. Es gab ein ausgewiesenes Bedürfnis nach Blut, Schweiss und Tränen bei der Leserschaft, diese Zeitung deckte es ab. Jedenfalls damals, heute ist der «Blick» ein kreuzbraves, regierungstreues und überaus angepasstes Medium. Ich teilte die Bedenken meiner Umgebung jedenfalls nicht. Ich habe sehr wenige selbst auferlegte moralische Grenzen, für mich war die Hauptsache, eine persönliche Herausforderung vorzufinden. Beim «Blick» war das der Fall.

Ich bereue diese Zeit bis heute nicht. Ich war 26 und fühlte mich im Olymp des Journalismus angekommen, zumindest im Olymp einer bestimmten Nische. Allerdings war ich noch nicht auf die neue Rolle vorbereitet. Ich konnte vielleicht schreiben, davon hatten sich die «Human Resources» bei Ringier überzeugt, aber hatte ich auch das Zeug zum «Blick»-Reporter? Ich wurde deshalb wie allgemein üblich zunächst drei Monate lang in der Zentrale an der Dufourstrasse in Zürich auf den Job eingefuchst. Und was auch immer irgendwelche Schöngeister sagen: Ich hatte es dort mit absoluten Vollprofis mit grosser Erfahrung zu tun, die mich weiterbrachten. Es waren gute Leute, die in keiner Weise den Klischees entsprachen und die sehr viel von ihrem Job verstanden und das auch gerne weitergaben. Ich lernte beispielsweise, wie man eine ganze Geschichte in 30 Zeilen erzählt. Es ist denkbar einfach, sich auf 20’000 Zeichen auszubreiten und damit Eindruck zu schinden. Das, was man weiss, auf wenig Raum zu verdichten, ist die wahre Kunst. Man lernte das damals buchstäblich nur beim «Blick». Später wurden 30-Zeiler im Zug der grassierenden Pendlerzeitungen dann Standard. Wenn auch nicht in einem guten Sinn.

Ich profitierte damals gewissermassen auch von der Gnade der frühen Geburt. Denn das war noch die Zeit, als sich der «Blick» vieles leistete, was heute undenkbar wäre. Zum Beispiel sogenannte «Rewriter». Das waren altgediente Journalisten, aus denen vermutlich auch gute Drehbuchautoren geworden wären. Sie sassen irgendwo an der Dufourstrasse in einer abgedunkelten Ecke und zogen an ihrer Backpfeife, die Füsse auf dem Tisch, bis Arbeit kam.

Man brachte dem «Rewriter» als Reporter die Ergebnisse einer Recherche, er verschwand im Dunkel und brachte später das fertige Ergebnis vorbei: Eine Story, die vom Titel bis zum Schlusspunkt wahres Drama enthielt. Die Informationen waren die, die ich gesammelt hatte, aber das Gesamtwerk war das eines Wortkünstlers, der auf den Punkt wusste, was die Leute lesen wollten und wie es auszusehen hatte.

Zunächst war ich über diese Arbeitsweise leicht verstört: Ich war Journalist, ich wollte das Ding selbst schreiben, und zwar komplett, sonst wäre ich Dokumentalist oder etwas Ähnliches geworden. Irgendwann begriff ich, dass gerade darin die Herausforderung lag. Ich hatte selbst in der Hand, ob ich mich dem System auf ewig auslieferte oder es für mein eigenes Können nutzte. Ich brachte dem «Rewriter» schon bald nicht mehr die Stichworte, sondern die fertige Story, wie ich sie mir vorstellte. Inklusive Titel, inklusive dramaturgischen Wendungen. Wenn die Umarbeitung des erfahrenen Profis am Schluss nahe an meinem Original lag, war ich auf der richtigen Spur. Das klappte nicht immer, aber immer öfter.

Ich habe in dieser Zeit den Unterschied zwischen «berichten» und «eine Story erzählen» verstanden. Ich musste einfach versuchen, das «Rewriting» überflüssig zu machen. Und ich tat das mit Hilfe von Leuten, die ihr Leben lang nichts anderes getan hatten. Es war ein Geschenk. Es ist eine ziemlich süsse Erinnerung in der aktuellen Zeit, wo irgendwelche Praktikanten bei «20 Minuten» eigenverantwortlich Topstorys gestalten, Fallfehler inklusive. Man würde sich eine Armee von «Rewritern» an ihrer Seite wünschen. Andererseits: In einer Zeit, in der Videos von süssen Katzenbabys mehr Klicks generieren als eine satte Story, will man auch gar nicht mehr von ihnen als das.

Nach der Einführung wurde ich in das damalige «Blick»-Büro Ostschweiz an der Metzgergasse, mitten im Stadtzentrum von St.Gallen, geschickt. Heute gibt es viele dieser regionalen Ableger nicht mehr. Zeitungen haben für sich den kostensparenden Zentralismus entdeckt, das Regionale wird mehr und mehr abgebaut – und damit die Nähe zur Leserschaft.

Vor meiner Zeit hatte es sogar zwei Leute gegeben, die die Ostschweiz abdeckten. Das wurde mir bei meinem Einstieg indirekt zum Hindernis, denn meine Vorgänger hatten wechselhafte Geschichten. Einer von ihnen hatte sein Auto in einer Autobahnausfahrt bewusst an einen Baum gesetzt und so sein Leben beendet. Sein Kollege hatte die Anstellung beim «Blick» nach einem Strafverfahren verloren, weil er seiner damaligen Freundin Geld geklaut hatte. In den ersten Wochen gingen die meisten meiner Ansprechpartner davon aus, ich müsse der vorbestrafte Reporter sein, weil der andere ja tot war. Es brauchte einiges an Aufklärungsarbeit, dass ich der «Neue» und in keiner Weise polizeibekannt war, zumal man bei Mitarbeitern des «Blick» ja sowieso immer vom Schlimmsten ausging. Jeder las das Blatt, aber keiner wollte mit ihm und seinen Protagonisten etwas zu tun haben.

Ich fühle mich nicht unbedingt alt, aber wenn ich den damaligen Job mit den heutigen Verhältnissen vergleiche, müssen Jahrhunderte vergangen sein. Die Funktion des Reporters beim «Blick» hat wirklich gar nichts zu tun mit dem, was die aktuelle Generation macht. In den ersten Tagen fernab der Zentrale in Zürich war ich etwas orientierungslos. Ich erhielt von aussen wenige Tipps für gute Storys, es lag nichts auf der Strasse, mit dem ich arbeiten konnte, und ich hatte gleichzeitig das Gefühl, etwas tun zu müssen. Denn bei meinen vorherigen Stationen war ich im permanenten Produktionsmodus gewesen.

In meiner Verzweiflung rief ich nach einigen Tagen Däumchendrehen den damaligen Nachrichtenchef an, der für mich zu einer Art Vertrautem geworden war.  «Lieber Guido, sag mal, ich habe keine Story. Ich weiss eigentlich, was es für eine Story braucht, aber das ist der verdammte ‘Blick’ und kein Lokalblatt, da muss ich mehr liefern. Was genau erwartet man von mir? Was soll ich machen?»

Seine Antwort: «Geh in eine Beiz. Irgendwo in einem Arbeiterquartier. Setz dich hin und trink ein Bier und sprich mit den Leuten.»

Bitte was? Ich wollte einfach nur arbeiten, und seine Antwort war, ich sollte mir einen hinter die Binde kippen? Guido spürte meine Verwunderung und erklärte es mir geduldig. Wir machten hier eine Zeitung für einfache Leute, und wenn ich wissen wollte, was einfache Leute lesen wollen, musste ich ihnen in die Seele schauen. Also in eine Beiz fahren, an den Stammtisch sitzen, ein paar Runden zahlen und die Menschen einfach reden lassen. «Früher oder später wirst du etwas hören, das zu einer Story führt», versicherte mir Guido. Und schliesslich gebe es dafür ja ein Spesenkonto.

Nun bin ich einer Beizentour mit einem guten Bier grundsätzlich nicht abgeneigt, und wenn sie während der bezahlten Arbeitszeit stattfinden soll: Klar doch, warum auch nicht. Ich begann, den neuen Rhythmus zu verinnerlichen. Tagsüber brauste ich quer durch die Ostschweiz und frequentierte Stammtische, jeweils ab 16 Uhr traf ich mich mit Bruno, einem damals gerade unterbeschäftigten Ex-Journalisten, im «Palma», der Bar direkt unter den St.Galler «Blick»-Räumlichkeiten und zapfte seinen Erfahrungsschatz ab. Er deckte mich mit Anekdoten aus seiner glorreichen Vergangenheit ein, die mir selten weiterhalfen, aber lustig waren, und bitte sehr, Guido hatte gesagt, ich solle Bier trinken. Vermutlich war diese Phase meines Lebens meiner Gesundheit nicht unbedingt zuträglich.

Es dauerte wenige Tage, bis ich den ersten kleinen Treffer landete. In einer ziemlich heruntergekommenen Lokalität im Westen der Stadt berichtete mir ein Beizer, dass vor wenigen Tagen ein Mieter tot in der Wohnung direkt darüber gefunden worden war. Wochenlang sei er so da gelegen, kein Mensch habe ihn vermisst. «Es hat echt gestunken, und ich wusste nicht, woher das kommt, dann habe ich eben das Treppenhaus mit Fichtennadelduft eingesprayt.» Die Wirkung habe aber jeweils nicht lange angehalten.

Ich verwurstete den tragischen Fall eines einsamen Mannes, dessen Tod lange unbemerkt geblieben war, in einem kleinen Einspalter und erhielt für die an sich sehr dünne Story viel Lob, weil sie genau das war, was der «Blick» suchte. Es ging um Menschen, um den Tod, um Einsamkeit, um ein Schicksal. Das war das richtige Futter für unsere Leser. Das musste einer, der mit Berichten über Kaninchenzüchter aufgewachsen war, zuerst mal begreifen.

Was ich auch langsam erkannte: «Blick»-Reporter war, zumindest damals, kein Job, sondern eine Lebenseinstellung. Die Story war alles, was auf dem Weg dorthin zu Bruch ging, war bedeutungslos. Dafür, irgendwann dämmerte es mir, war ich zu weich. Ich hatte beispielsweise einen Kollegen, der spezialisiert auf Sex and Crime war und der – damals war das noch technisch möglich – in seinem Auto den Polizeifunk mithörte. Ich weiss nicht, wann der gute Mensch überhaupt je geschlafen hat. Mir schien die Idee sehr belastend, sich rund um die Uhr mit Meldungen über Unfälle und Verbrechen eindecken zu lassen. Aber es zahlte sich aus, er war oft vor der Polizei am Ort des Geschehens.

Zu einem guten Teil verinnerlichte ich in dieser Zeit diesen Lebensstil zumindest teilweise. Ich lernte beispielsweise, dass Beizentouren untertags ihren Preis haben. Man erwartete von mir Dienstbereitschaft 7 mal 24 Stunden. Ich musste immer erreichbar sein. Heute ist die Situation mit all den neuen Newsplattformen und den Videojournalisten der Lokalsender noch viel irrer, aber schon Ende der 90er-Jahre begann die Ära der Leserreporter. Leute, die etwas beobachteten, hielten es nicht mehr für nötig, die Polizei zu alarmieren, sondern holten sich lieber ihre Fünfzigernote Belohnung beim «Blick» ab für den Hinweis auf eine mögliche Story.

Eines Nachts erhielt ich einen Anruf aus der Zentrale in Zürich. In ein Waffengeschäft im Osten der Stadt St.Gallen sei laut einem Anwohner eingebrochen worden. Bei schneller Reaktion winkte allenfalls ein Bild des aktuellen Polizeieinsatzes. Ich brach sofort auf, und es wurde weit mehr als das. Denn als ich dort ankam, betrat ich ein leeres und teilweise leergeräumtes Ladengeschäft. Die Polizei traf erst nach mir ein, und es kostete mich einiges an Überzeugungskraft, den Beamten zu erklären, dass ich keineswegs der Täter war, der aus purem Spass noch ein bisschen am Tatort rumhing. Schliesslich glaubte man mir und liess mich ziehen. Zuvor hatte ich ungestört aufgebrochene Vitrinen fotografieren können.

Solche Geschichten waren problemlos. Ich machte sie sogar gerne. Niemand – ausser der Versicherung – war in diesem Fall zu Schaden gekommen. Eigentlich hätte das noch lange so gehen können. Ich war gut bezahlt und schaffte es diverse Male auf die Titelseite.

Was mich nach nur acht Monaten zum Abgang bewegte, waren die Niederungen des Boulevards, die ich nicht ertrug. Und sie waren tief, sehr tief.

An einem Abend im Jahr 1998 fuhr ich ziellos durch die Stadt St.Gallen auf der Suche nach einem Zufallsfund. Mir kam ein Polizeiwagen entgegen, und aus einem Impuls heraus folgte ich ihm. Die Fahrt führte zu einer Autobahnbrücke im Osten der Stadt, wo bereits eine andere Patrouille an der Arbeit war und eine Stelle sicherte. Ich stieg aus, erklärte, wer ich war und was ich wollte. Auf meine Fragen erhielt ich allerdings keine konkrete Antwort, die Rede war von einem «Unfallgeschehen». Ein Unfall an der Brüstung zur Autobahn, und nichts war zu sehen, kein Auto, keine Menschen? Es kam mir seltsam vor. Ich machte mich wieder vom Acker und fragte am nächsten Tag bei der Kantonspolizei telefonisch nach. Dabei stellte sich heraus, dass der angebliche Unfall der Freitod eines 17-jährigen Mädchens gewesen war. Sie hatte sich von der Autobahnbrüstung gestürzt und war dort von mehreren Fahrzeugen überrollt worden. Es war aus der Sicht eines Boulevardreporters ein «lucky punch», dass ich der Patrouille gefolgt war.

Was danach geschah, war der Tiefpunkt meiner journalistischen Arbeit. Ich halte nicht viel davon, Dinge ungeschehen machen zu wollen. Was passiert ist, ist passiert. An dieser Sache hatte ich aber lange zu beissen. Denn die Nachrichtenlage war zu jenem Zeitpunkt gerade dünn, und in Zürich war man in heller Aufregung über die Sache. Sie hatte alles, was der «Blick» wollte: Schicksal pur. Ich wurde dazu angehalten, mehrere Tage Folgestorys dazu abzuliefern. Wer war das Mädchen, wie sah ihr Leben aus, warum war sie gesprungen?

Letzteres fand ich schnell heraus, indem ich in der Pause bei der Kantonsschule herumhing und Schulkollegen des Mädchens befragte. Schon das war grenzwertig. Die Jugendlichen fanden mich als «Blick»-Reporter, der dieses Schicksal journalistisch ausschlachtete, ziemlich das Letzte, und ich kann es ihnen nicht verübeln. Aber Menschen sind seltsam. Sie sprechen, selbst wenn sie nicht sprechen wollen. Ich bekam, was ich wollte, weil sich die Schüler aus Wut über mich erst recht in Rage redeten.

Ich erfuhr: Es war um Liebeskummer gegangen. Eine banale Herzensstory, die schief gegangen war, hatte ein 17-jähriges Mädchen, das ganze Leben noch vor sich, in den Tod getrieben. Die «Blick»-Zentrale liebte diesen Aspekt und wollte mehr Futter.

Das war kein Zufall, sondern ziemlich berechnend. Jeweils gegen 10 Uhr vormittags trudelten die Zahlen des Kioskverkaufs an der Dufourstrasse ein, und danach wurde definiert, ob eine Story weitergetrieben wird oder nicht. Geht die Zeitung gut weg, ist das ein Indiz dafür, dass die Titelgeschichte zieht. Hier war der Fall klar: St.Gallen, bitte mehr liefern.

In dieser Ausgangslage liegt übrigens – als aufheiternder Zwischenruf – einige Komik. Am 26. Februar 1998 verstarb der Schweizer Schlagersänger und Volksschauspieler Vico Torriani. Das Schweizer Fernsehen, bereits damals ziemlich elitär unterwegs, vermeldete zwar seinen Tod, weigerte sich aber standhaft, dem in eher seichten Gewässern dümpelnden Tessiner Künstler mit der Ausstrahlung seiner Filme ein ehrendes Andenken zu erweisen. Der «Blick» erkannte den Wunsch des einfachen Volks und fuhr eine tagelange Kampagne gegen diesen Entscheid, befeuert durch hervorragende Verkaufszahlen der Zeitung. Es war schnell klar: Die Leute wollten mehr Vico! Also forderten wir das lautstark. Bald danach war das SRF weichgeklopft und sendete Torrianis Lebenswerk einige Tage lang fast rund um die Uhr. An der Redaktionssitzung an der Dufourstrasse begann daraufhin das grosse Wehklagen: Was hatten wir nur getan? Keiner von uns wollte die Filme von Vico Torriani wirklich sehen, aber nun lief buchstäblich nichts anderes mehr in der Glotze.

Aber zurück zum Freitod des Mädchens, das am Kiosk ebenfalls für einen Grossauflauf sorgte. Die Familie des Mädchens wohnte in einem schlichten Haus ausgangs der Stadt St.Gallen Richtung Appenzellerland. Man wollte von mir, dass ich die Eltern befragte. Ich schaffte das nicht, für mich wäre damit eine Grenze überschritten gewesen. Einen Vater oder eine Mutter anrufen, bevor deren Kind überhaupt beerdigt war? Ich log mich von Tag zu Tag bei der Redaktionskonferenz durch und behauptete, es habe niemand meine Anrufe beantwortet oder es sei besetzt gewesen.

«Dann fahr hin und klingle an der Tür», verordnete die Zentralredaktion. Ich fuhr hin, aber nichts in der Welt hätte mich dazu bewegen können, bei den Eltern zu klingeln. Stattdessen klapperte ich die Nachbarn ab. Einer von ihnen, eine Art Hobbybauer, der im Garten einen Esel hielt, war ziemlich zugänglich, jedenfalls, nachdem er kapiert hatte, dass eine Auskunft für ihn einträglich sein könnte. Für eine Hunderternote aus meinem damals noch üppigen Spesenkonto drückte er mir ein Foto in die Hand, dass das Mädchen bei der Pflege des Esels zeigte. Ich fuhr zurück, scannte es ein – das war lange vor der eigentlichen Digitalisierung – und schickte es nach Zürich. Das Bild erschien, mit dem obligaten Balken über der Augenpartie, in der Ausgabe am Tag danach. Niemand, kein Mensch, hatte einen Erkenntnisgewinn von einem unkenntlich gemachten Mädchen, das einen Esel streichelt. Aber die Kioske meldeten Rekordverkäufe. Das Opfer hatte endlich ein Gesicht.

Danach folgte der Adelsschlag. Wolfram Meister, damals «Blick»-Chefredaktor, rief mich in meiner St.Galler Filiale an und lobte mich für den «Superjob», den ich gemacht hatte. Superjob? Ich hatte hundert Franken ausgegeben für ein Bild, das nicht an die Öffentlichkeit gehörte. Nach dem Massstab des Verlags war das ein Erfolg. Ich hingegen fühlte mich nur elend. Und ich atmete auf, als es irgendwann hiess, die Story sei nun «ausgekaut», ich könne mich anderen Dingen zuwenden. Zwischendurch war ich damit beschäftigt, Fäkalien zu entsorgen, die Unbekannte in den Briefkasten meiner Redaktionsräume gelegt hatten.

Bald darauf verliess ich den «Blick». Ich habe bis heute kein Problem damit, dass es Boulevardmedien gibt, und ich bin Realist genug, um zu wissen, dass in einer Marktwirtschaft auch die niedersten Instinkte befriedigt werden sollen. Ich war einfach der falsche Mann dafür. Und inzwischen ist der «Blick» längst nicht mehr die einzige Zeitung, die «Witwen schüttelt», wie der Fachjargon dafür heisst.

Wäre ich länger geblieben, hätte mich vielleicht der pure Zynismus irgendwann auch ergriffen. Wenn man das Jahre tut, ist man sich früher oder später für nichts mehr zu schön. Ich habe beim «Blick» viele Anekdoten gehört, die mir den nackten Schauer einjagten, die mir aber dort als eine Art Trophäe verkauft wurden. Wie beispielsweise ein Unfall auf der Autobahn, bei dem einer meiner Vorgänger in der Ostschweizer Niederlassung als Allererster eintraf. Er hatte es dort zu tun mit einem Auto, das auf dem Dach lag, inklusive verstorbenem Insassen. Leider sieht ein Auto, selbst wenn es mit den Reifen nach oben liegt, so gar nicht nach Trauer und Leid aus. Kurzerhand bugsierte der Reporter den Arm des Unfallopfers aus dem offenen Fahrzeugfenster, bevor er den Auslöser seiner Kamera drückte. Und schon erzählte sein Bild eine ganze Geschichte. Ich hörte staunend zu und wusste zugleich, dass ich niemals so tief sinken wollte.

Für meine Verhältnisse hatte ich ohnehin schon einen Tiefpunkt erreicht. Ich weiss nicht, ob man das im Nachhinein wiedergutmachen kann, aber ich kann zumindest sagen, dass ich es versuchte.

Jahre später war ich an der Olma, dem jährlichen St.Galler Volksfest, das man selten nüchtern verlässt, weil man dauernd Bekannte trifft, mit denen man «nur noch eines» trinken muss. Ich hatte ziemlich geladen, war aber – das bekannte Paradoxon – umso mehr davon überzeugt, noch fahrtüchtig zu sein und setzte mich unvernünftigerweise in mein Auto. Auf dem Heimweg blinkte die Tankanzeige, ein Wunder eigentlich, das mir das überhaupt auffiel, und ich hielt bei einer Tankstelle. Während der Zähler ratterte, wurde mir bewusst, dass exakt auf der anderen Strassenseite das Wohnhaus des Mädchens von damals lag. Ich bekam an Ort und Stelle das heulende Elend, nachdem ich die Sache jahrelang erfolgreich verdrängt hatte. Oder, wenn die Erinnerung aufkam, mich damit entschuldigt hatte, dass ich ja nur meinen Job gemacht hatte.

Ich bezahlte im Shop, fuhr das Auto auf einen der angrenzenden Parkplätze, ging über die Strasse und tat das, was die Zentralredaktion einst von mir gewollt hatte: Ich klingelte endlich an der Haustür. Ein Herr mittleren Alters öffnete. Ich bezweifle, dass ich damals noch zu sehr eloquenten Aussagen in der Lage war, aber offenbar konnte ich halbwegs verständlich ausdrücken, was ich sagen wollte. Der Mann schien zu begreifen, bat mich herein, und wir setzten uns an einen Küchentisch.

Dort tat ich endlich, was ich schon lange hätte tun sollen: Ich entschuldigte mich. Ich erklärte einem Vater, wie leid es mir tat, den Tod seiner Tochter journalistisch ausgeschlachtet zu haben, seine Qualen der ganzen Schweiz als billigen Lesestoff vorgeworfen zu haben, das Andenken an seine tote Tochter für den Verkauf einer Zeitung oder das billige Kompliment des Chefredaktors gestört zu haben.

Der Mann hörte schweigend zu. Schliesslich sagte er: «Ich akzeptiere Ihre Entschuldigung, und was mich betrifft, müssen Sie sich nun nicht mehr schlecht fühlen. Aber seien Sie einfach froh, dass meine Frau heute nicht zuhause ist, sie hätte diese Gnade nicht. Deshalb sollten Sie jetzt gehen, sie kommt bald.»

Ich verabschiedete mich und fuhr nach Hause, erstaunlicherweise unfallfrei. Es regnete in Strömen, und offenbar gab es eine undichte Stelle im Dach unseres Hauses. Im oberen Stock tropfte es beständig auf das Parkett. Ich warf ein Handtuch auf die nasse Stelle und ging ins Bett, und irgendwie schien es mir nur folgerichtig: Ich hatte Jahre zuvor Schleusen geöffnet, die keiner wieder schliessen konnte und die Menschen nachhaltig schädigten, und nun öffneten sich die Schleusen zum Schluss über mir. Nur dass in diesem Fall die Versicherung den Parkettschaden bezahlte und die Sache damit vorbei war. Die Wunden, die ich geschlagen hatte, waren zeitlos.

Ich habe in den 20 Jahren danach noch einige Texte geschrieben, zu denen ich später aus dem einen oder anderen Grund nicht mehr stehen konnte. Ich habe damals aber auch gelernt, eine Grenze zu ziehen. «Witwen schütteln»: Nicht mit mir. Menschen, die einen unfassbaren Verlust zu beklagen hatten, zum Spielball von Schlagzeilen zu machen: Das wollte ich nicht mehr. Ich habe es nie mehr getan. Und ich werde es auch nie wieder tun.

Das schwarze Loch des Vertrauens

Das Volk als erste Gewalt hat definitiv ausgedient. Und nie war der Stammtischspruch von «denen da oben» so wahr wie heute. Das neueste Beispiel ist die Scharade um die entstellte Publikation der Impfverträge, mit der man uns regelrecht ins Gesicht lacht.

Wer nicht weiss, wovon die Rede ist: Ich habe an dieser Stelle bereits darüber geschrieben. In Kürze: Murrend und knurrend hat das Bundesamt für Gesundheit die abgeschlossenen Impfverträge mit einem halben Dutzend Pharmafirmen ins Netz gestellt, also öffentlich gemacht, weil die Verwaltung vom Datenschutzbeauftragten dazu gezwungen worden war. Alles, was in den Papieren allenfalls interessieren könnte, wurde geschwärzt. So erfahren wir beispielsweise nicht, wie die Haftungsbedingungen der Hersteller aussehen – wenn es sie überhaupt gibt. Die entsprechende Seite glänzt in tiefem Schwarz.

Der Bund untersteht gegenüber seinen Bürgern dem Transparenzgebot. Es ist kein Freundschaftsdienst, wenn wir informiert werden, sondern eine klare Verbindlichkeit. Dass gewisse Informationen wie beispielsweise militärische Geheimnisse nicht digital zugänglich gemacht werden, ist klar. Dafür gibt es Ausnahmebestimmungen, die greifen, wenn das öffentliche Interesse meine persönliche Neugier überwiegt, was im Fall der Armee sicher oft der Fall sein kann.

Aber hier? Ich darf nicht wissen, was die Schweiz für die Impfstoffe der verschiedenen Anbieter gezahlt hat? Mit unserem Geld? Und was dem Hersteller oder vielleicht eben eher uns selbst blüht, wenn es Schwierigkeiten mit der Impfung gibt? Man muss uns die Details von Deals verschweigen, die wir finanziert haben?

Die Pharmafirmen waren sicherlich ziemlich sauer, dass die Verträge publiziert wurden und wollten Schadensbegrenzung betreiben mit ihrer Forderung nach Zensur, die dann prompt erfüllt wurde. Aus der Sicht eines Unternehmens ist das durchaus begreiflich, man hat keine Lust, dass die Konkurrenz die eigenen Vertragswerke zu sehen bekommt.

Aber man muss eben wissen, mit wem man ins Bett steigt. Hier war der Verhandlungspartner ein Staat, und der hat gewisse Pflichten gegenüber seinen Bürgern. Natürlich wäre es für Pfizer Biontech, Moderna und Co. sehr praktisch gewesen, wenn niemand nachlesen könnte (was jetzt faktisch so gut wie der Fall ist), wie die Details der Mammutaufträge aussehen. Aber generell gilt ja: Wenn alles sauber ist, muss man nichts verschweigen. Und offenbar ahnt man bei den Impfproduzenten, dass so manche getroffene Abmachung in der Allgemeint verdutzt oder empört entgegengenommen würde.

Hier geht es um das Vertrauen der Bürger in den Staat und dessen Handlungen. Die Impfung hat vor allem in Kombination mit der Impfkampagne die Steuerzahler ein Vermögen gekostet. Nun will man den Menschen, die das alles mittragen mussten, keine Transparenz gewähren. Das geht schlicht und einfach nicht. Die Tatsache, dass es dennoch geschieht, zeigt nur eines: Regierung und Verwaltung ist es mittlerweile völlig egal, was man von ihnen denkt. Denn sie wissen inzwischen, dass sie schalten und walten können, wie sie wollen.

Das «Blackfacing», das keines war: Ein Beispiel für die Hysterie

Beim Versuch, Minderheiten zu schützen und Diskriminierung und Rassismus auszurotten, schiessen die Bewegten oft ein bisschen übers Ziel hinaus. Davon kann ich ein Lied singen. Dieser Fall hier zeigt, dass die Empörung oft das Hirn lahmlegt.

Ich schreibe gern Drehbücher. Reich wird man damit nicht. Erstens, weil längst nicht alle verfilmt werden. Zweitens, weil Filme für den Schweizer Markt auch dann keine Goldgrube sind, wenn sie zustande kommen. Jedenfalls in der Regel.

Vor gut zehn Jahren begann ich mit der Arbeit an einer schwarzen Komödie mit dem Titel «Fast Food für Afrika». Es geht um zwei gescheiterte Existenzen, die sich als Kleinganoven versuchen. Sie gründen ein fiktives Hilfswerk für hungernde Kinder und hoffen, damit Kohle zu machen. Als sich eine Firma für eine grosse Spende interessiert, weil ihr das bei einem Auftrag in Afrika zum Vorteil werden könnte, müssen die Gauner immer verrücktere Dinge tun, um den Betrug verborgen zu halten.

Das Drehbuch, keine Überraschung, ist nicht besonders politisch korrekt. Es ist rabenschwarzer Humor. Unterm Strich werden damit aber durchaus wichtige Themen angesprochen. Beispielsweise die Frage, wo das Geld landet, mit dem wir via Spende unser Gewissen erleichtern.

Einige Jahre lag das Manuskript bei mir herum, bis ich durch eine Vermittlung den Kontakt zu einer ambitionierten Schweizer Filmproduktionsfirma erhielt. Ich durfte eine Kurzbeschreibung an den Inhaber senden, der sofort Interesse signalisierte. Also schickte ich ihm das fertige Drehbuch. Natürlich im Wissen, dass der erste Wurf selten 1:1 realisiert wird. Ich war also offen für gemeinschaftliche Überarbeitungen und Verbesserungen.

Dazu kam es dann leider nicht. Der Produzent schrieb mir nach der Lektüre zurück, er könne dieses Drehbuch auf keinen Fall verfilmen. Es sei rassistisch, denn darin komme das verpönte «Blackfacing» vor. Seine Zeilen klangen ehrlich erschüttert.

Kleiner theoretischer Einschub aus unserem geliebten Wikipedia:

«Blackface ist eine Theater– und Unterhaltungsmaskerade, die in den Minstrel Shows des 18. und 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten populär wurde. Dabei malten sich weiße Darsteller das Gesicht dunkel an und spielten einen Schwarzen. Die Darstellung schwarzer Menschen durch dunkel geschminkte weiße Menschen wird als Blackfacing (in etwa Gesichtsschwärzung) bezeichnet. Die Praxis wird heute, auch ohne direkten Bezug zu den Minstrel-Shows, häufig als rassistisch eingestuft und kritisiert.»

Ich schluckte leer. Nicht wegen des Vorwurfs des Rassismus. Sondern weil ich keine Ahnung hatte, was der Mann meinte. In meinem Manuskript gibt es keinerlei Blackfacing. Nirgends wird ein schwarzer Mensch durch einen dunkel geschminkten Weissen dargestellt.

Zwar wird in der Story tatsächlich ein weisses Mädchen sehr unprofessionell und sehr unglaubwürdig schwarz angemalt. Weil die Ganoven eine Broschüre drucken wollen, die zeigt, wie segensreich ihr Hilfswerk in Afrika unterwegs ist. In Ermangelung schwarzer Kinder verwandelt einer von ihnen seine übergewichtige Tochter in ein vor dem Hungertod gerettetes schwarzes Mädchen.

Aber das ist kein Blackfacing. Bei diesem wird auf einen schwarzen Darsteller verzichtet und ein weisser in einen solchen verwandelt. Er stellt also einen Schwarzen dar, ohne einer zu sein und soll gegenüber dem Zuschauer des Films auch einen Schwarzen darstellen. Siehe Wikipedia: Ein Weisser stellt einen Schwarzen dar – für das PUBLIKUM.

Nicht so in «Fast Food für Afrika». Der Zuschauer ist dabei, wenn das Mädchen reichlich dilettantisch auf «schwarz» getrimmt und danach in einen Zoo gebracht wird, um möglichst noch Fotos mit wilden Tieren zu schiessen. Das Mädchen soll also nicht für den Zuschauer eine Schwarze darstellen, sondern für den Betrugsversuch.

Die Szene macht sich in keiner Weise lustig über Schwarze, wie das in den erwähnten Minstrel-Shows der Fall war. Im Gegenteil. Sie macht sich lustig über zwei sehr unfähige und sehr weisse Versager, die alles versuchen, um sich aus einer miserablen Lage zu befreien, in die sie sich selbst gebracht haben – beim Versuch, das Elend ärmerer Leute auszunutzen. Dazu kommt die Schweizer Firma mit einer weissen Führungsriege, die korrupt genug ist, um ein Hilfswerk zu unterstützen, nur um dann einen Staudamm in Afrika bauen zu können.

Ziemlich gesellschaftskritisch. Ziemlich kritisch gegenüber einer weissen Gesellschaft. Es ist schon fast eine Story für Gutmenschen, wie ich selbst staunend feststelle.

Vielleicht ist es zu viel verlangt von einem Filmproduzenten, den Unterschied zu verstehen. Er sieht einen weissen Menschen, der schwarz bemalt ist und schreit: «Blackfacing!» Aber wenn man einen solchen Vorwurf formuliert, sollte man wissen, wovon man spricht.

Ich erzähle die Sache, weil sie symptomatisch steht für vieles, was derzeit läuft. Irgendetwas klingt irgendwie leicht verwandt mit etwas, das man auf keinen Fall tun darf – und schon wird gezetert. Nachdenken kann man ja immer noch später.

Ich habe das alles dem guten Mann natürlich in meiner Antwort geduldig erklärt, aber nie eine Rückmeldung erhalten. Entweder hat er den Unterschied auch dann noch nicht verstanden. Oder aber, sehr viel wahrscheinlicher: Er hat gemerkt, dass das mit dem «Blackfacing» in meinem Drehbuch völliger Unsinn ist, aber geahnt, dass es sicherlich Dauerempörte im Publikum geben, die wie er im ersten Anlauf zu dumm sind, den Unterschied zu sehen – und für einen Shitstorm sorgen würden.

Selbst wenn man es richtig macht, ist man vor der allgemeinen Entrüstung nämlich nicht sicher.

Keine Frage: Würde «Fast Food für Afrika» jemals verfilmt, und ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, würde auch Twitter «Blackfacing!» schreien. Und sich taub stellen, wenn man geduldig erklärt: Nein, ist es nicht.