Das Online-Wissenschaftsmagazin «Higgs» streicht die Segel. Das geben die Macher auf der Webseite bekannt. Grund: Viel guter Wille, aber leider kein Plan, wie sich der Aufwand kommerzialisieren lässt. Schade ist es um die gute Idee. Nicht schade ist es um das, was daraus gemacht wurde.

Ja, keine Frage, die typische Redaktion eines typischen Publikumsmediums in der Schweiz (und anderswo) ist nicht besonders wissenschaftsaffin. Es gibt sogar grosse Tageszeitungen, die ehemalige Sportreporter zu «Wissenschaftsjournalisten» machen, einfach, weil die gerade Bock auf was Neues haben und sich sonst niemand findet. Oder niemand, den man bezahlen kann. Es gibt sicher Nachholbedarf, was die verständliche, niederschwellige und dennoch korrekte Wiedergabe von Wissenschaftsthemen in unseren Zeitungen angeht.

Nur: Die «Wissenschaft» ist ja auch nicht mehr das, was sie vor zwei Jahren mal war. Inzwischen geht es nicht mehr um die Suche nach der Wahrheit (die in der Wissenschaft nie endet), sondern darum, wissenschaftliche Belege für das zu finden, was die Politik als richtig definiert hat. Vielleicht war das auch schon früher so, aber die Coronazeit hat es sichtbar gemacht. Selten wurde unwissenschaftlicher hantiert als in dieser Phase, als die Wissenschaft gefragt gewesen wäre wie nie. Wer das Narrativ des Staates nicht bedingungslos stützte und die aktuelle Politik vielleicht sogar hinterfragte, wurde über Nacht in den Medien zum «umstrittenen Wissenschaftler». Ex-Sportjournalisten definieren, welche Forscher vertrauenswürdig sind und welche nicht. Genau mein Humor.

Das Onlinemedium «Higgs» wollte zu einer Art Brainpool für die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Erklärungen werden. Nach 4,5 Jahren ist nun Schluss, wie man hier nachlesen kann. Es kam schlicht zu wenig Geld in die Kasse, weder via Sponsoren noch über «Member», die man irgendwann aufzubauen begann. Es fasziniert mich immer wieder, mit welcher Blauäugigkeit Initianten in ein mediales Projekt rennen. Selbst wenn sie selbst das, was sie vorhaben, für sehr nötig und sehr richtig befinden, müssten sie VOR dem Startschuss darüber nachdenken, ob es auch jemanden gibt, der dafür bezahlen möchte. Vor allem, wenn man Personal einstellt. Aber gut, es gab auch schon Medienprojekte, die weniger lang durchgehalten haben.

Ich masse mir dieses Urteil an, weil wir mit unserem eigenen Unternehmen seit 2005 mehrere Onlinemedien aufgebaut haben, von denen noch nie eines die Segel streichen musste, weil zu wenig Kohle reinkam. Wir haben schlicht und einfach den Apparat immer den finanziellen Möglichkeiten angepasst und vorweg abgeklärt, ob das Finanzierungsmodell tragfähig ist oder nicht. Ich habe absolut nichts gegen unternehmerischen Mut, aber Wagemut und Waghalsigkeit unterscheiden sich leicht voneinander. Und aus letzterem wird schnell mal Fahrlässigkeit.

Ich trauere nicht um «Higgs», weil ich die Idee zwar gut fand, das Portal in den letzten zwei Jahren aber eine traurige Rolle gespielt hat. Wer, wenn nicht ein Wissenschaftsmedium, hätte den Mut haben müssen, das, was alle anderen brav nacherzählen, zu hinterfragen? Für die Higgs-Brigaden hingegen war wie für die meisten Medien in der Schweiz die Darstellung von Bundesrat, Bundesamt für Gesundheit, Task Force usw. immer sakrosankt. Covid-19 ist die Gefahr des Jahrhunderts, die Impfung ist die Lösung und erst noch völlig problemlos und sicher, basta.

Das passiert, wenn man als Medium beschliesst, einfach nur auf bestimmte Quellen zu vertrauen und andere schlicht auszuschliessen. Mir kann niemand erzählen, die Redaktion von «Higgs» habe die Vorbehalte gegenüber der Impfung jemals seriös überprüft. Jeder Beitrag zum Thema liest sich wie eine Medienmitteilung aus der Bundeskanzlei, einfach unterlegt mit bunten Bildchen und Zahlen aus wissenschaftlichen Studien – aber natürlich nur aus auserlesenen. Mit allem anderen hat man sich offenbar nie auseinander gesetzt.

Mit Wissenschaft im Sinn der Disziplin, die sich unablässig weiterentwickelt, aus Fehlern lernt und den jeweils neuesten Stand des Wissens einfliessen lässt, hatte «Higgs» zu Zeiten von Corona etwa so viel zu tun wie meine verstorbene Grossmutter mit der Champions League.

Natürlich war es nicht das, was zum Ende des Mediums geführt hat. Dafür sind allein unternehmerische Fehlleistungen verantwortlich. «Higgs» hat ja aus Sicht der breiten Masse alles richtig gemacht: Brav nachgebetet, was uns die grossen Verlagshäuser ebenfalls weismachen wollten, einfach ein bisschen «fancy» aufbereitet. Das allein kann nicht für den Todesstoss gesorgt haben. Im Gegenteil, das Medium ist in Coronazeiten sogar gewachsen, weil das Bedürfnis nach wissenschaftlichen Informationen während Corona wuchs. Allerdings ist es gut möglich, dass viele Leute, die das mal versucht haben, danach sagen mussten: Danke, da erfahre ich auch nichts Neues.

Eine blanke Lüge ist es auch, wenn die Redaktion in ihrem eigenen Abgesang schreibt: «2021 waren wir gemessen an den Nutzerzahlen gar das am schnellsten wachsende ergänzende Online-Medium der Schweiz.» Das ist purer Unsinn. Man soll mir bitte belegen, dass «Higgs» schneller gewachsen ist als «Die Ostschweiz», die in diesem Zeitraum von 150’000 unique clients pro Monat auf 1,5 Millionen gewachsen ist. Ich denke, da sind ein paar Nullen zu viel im Spiel für das Wissenschaftsportal. Aber gut, falls sie früher einen Leser pro Monat hatten und dann plötzlich 20, dann stimmt es natürlich rein rechnerisch: Schneller gewachsen als alle anderen!

Wachstum ist eben nicht alles, man muss auch wissen, was man damit macht. Den Verantwortlichen ist es nicht gelungen, den Aufschwung in der Coronasituation zu Geld zu machen. Wenn man das nach 4,5 Jahren nicht schafft, dann ist ordentlich Sand im Getriebe. Mir tun die Leute leid, die ihre Arbeit verlieren, aber letztlich gilt: Wer sich dem Markt ausliefert, muss mit diesem zurecht kommen.

Ich bin weit von Häme entfernt. Jedes Medium, das verschwindet, ist ein Verlust. Sogar solche, die aus meiner bescheidenen persönlichen Perspektive ihren Job nicht ordentlich gemacht haben. Aber wenn es eine Art «Learning» aus dem Ganzen geben soll, liegt dieser vielleicht in zwei Punkten. Erstens: Schön und gut, dass ihr motiviert seid und eine Marktlücke entdeckt habt, aber denkt doch auch kurz darüber nach, wie diese monetarisiert werden soll. Und zweitens: Ein Wissenschaftsmedium, das sich bis zum Geht-nicht-mehr verbiegt, um «wissenschaftliche Erkenntnisse» zu präsentieren, die einfach dazu dienen, eine verfehlte Politik zu stützen, ist nicht unbedingt eine zwingende Lektüre.